Musikkritik: 5. Sinfoniekonzert: Musikermigranten und Tubistenkomödchen

am . Veröffentlicht in Lokalnachrichten

von Dr. Götz Heinrich Loos

Kamen.  Ungewöhnlich war die Programmfolge, die das 5. Konzert der Sinfonischen Reihe in der Spielzeit 2014/15 ausmachte: GMD Rasmus Baumann hatte die Sinfonie an den Anfang gestellt – und ausgerechnet Joseph Haydns „Abschiedssinfonie“ (Nr. 45 fis-moll Hob. I:45), in Kamen kein ganz neues Werk, deren nach und nach erfolgender Abgang der Musiker im letzten Satz schon einige Male hier für Erheiterung gesorgt hatte. So war es freilich auch bei dieser Aufführung. Die Interpretation durch die Neue Philharmonie Westfalen unter Leitung ihres Chefdirigenten Rasmus Baumann war ganz ansprechend; besonders der Umgang mit dem ersten Satz (Allegro assai) ist von größerem Interesse, da hier die Dynamik bei verschiedenen Interpretationen oft weit auseinanderliegt. Baumann und seine Musiker meisterten ihn mit hinreichendem Schwung und dem Komponisten angemessenem Ausdruck.
Nun waren die Musiker von der Bühne und nachfolgend kamen als Erstes die Schlagwerker herein. Mit Trommelwirbel von der Bühne und Blechbläsern dahinter (Trompeten, die die letzten Takte von Haydns Sinfonie rückwärts spielten!) sowie oben in der entferntesten Tür des Publikumsraumes (Hörner) wurden die Musiker nach und nach wieder hereingerufen, spielend auf dem Weg zum Podium, teils mit lustig vertrillerten Melodien (Holzbläser), die im Fortissimo die fehlenden Instrumentengruppen förmlich riefen. Dieses Werk, die „Promenade Overture“ des New Yorker Komponisten John Corigliano, baut somit quasi auf Haydns „Abschiedssinfonie“ auf, auch wenn sie stilistisch irgendwo zwischen Spätromantik, Neutönern, Militär- und Zirkusmusik sowie Musical zu verorten ist – oder einfach: ein musikalischer Spaß! Die Wiedervereinigung gipfelt in einer breiten Hymne; trotzdem setzt das Rufen nochmals ein, denn ein Instrument fehlt noch: die Tuba. Als sie endlich ist, endet das lustige, aber auch wunderbar instrumentierte und in der Melodieführung ausgestaltete Werk – und wunderbar in Szene gesetzt von der Neuen Philharmonie Westfalen.
Nach der Pause ein Klassiker von der Insel, berühmt als Melodie, wenn die Queen erscheint, noch berühmter von der „Last Night of the Proms“: Edward Elgars „Pomp and Circumstance“ op. 39, Marsch Nr. 1 D-Dur. Die Melodie des Trios summte so manche und so mancher im Publikum leise mit. Gut vorgetragen, mit begeistertem Applaus belohnt – eine gelungene Darbietung: in der Interpretation konnte man hier wenig falsch machen, der Spielraum ist ziemlich vorgegeben – und löste Begeisterung aus, was möchte man mehr.
Die zu spät gekommene Tuba der „Promenade Overture“ rückte abschließend in den Mittelpunkt – sogar vermehrt. Fing dieses „ver-rückte“ Konzert mit der Sinfonie an, folgte nun zum Schluss das Solistenkonzert, nämlich das „Grand Concerto 4 Tubas“ des Amerikaners John Stevens. Komponiert für das Melton Tuba Quartett, stand dieses auch hier auf der Bühne: vier Tubisten mit insgesamt sieben Tubas von Tenor- bis Kontrabasslage, die in dieser Formation einzigartig auf der Welt sind. Stevens‘ Konzert umfasst vier Sätze, von denen die ersten beiden in ihrer musikalischen Sprache relativ ähnlich sind (Intrada und Scherzo): weithin schroff vor allem im Orchesterklang, während die Tubasolisten virtuose Läufe, Klimmzüge, roh-raue Akkorde und ausdrucksvolle Passagen vortrugen. Der dritte Satz, die „Ballade“, machte ihrem Namen alle Ehre und war hingegen im Orchester von breiten Kantilenen und melancholisch schönen Melodiebögen getragen, denen die Tubenpartien in nichts nachstanden. Und plötzlich wandte sich die Melodie ins „Tangoeske“ und der vierte Satz (Tango – Tarantella) setzte ein. Hier konnte das Melton Tuba Quartett nochmals in ausgedehnter Weise belegen, wie beweglich diese vermeintlich schwerfälligen Instrumente doch eigentlich sind. Generell schien es nur erstaunlich, wenn man hörte, welche lyrischen Passagen nicht nur die Tenortuben, sondern auch die Instrumente der Basslage hervorbrachten.
Bei dieser virtuosen Vorführung war es klar, dass das Publikum das Melton Tuba Quartett nicht ohne Zugabe entließ. Zunächst spielte es das Allegro aus Rossinis „Wilhelm Tell“-Ouvertüre – teils in atemberaubender Geschwindigkeit und dennoch nicht unsauber und verwaschen – mit viel Spaß dabei und ein bisschen Comedy für das Publikum. Die wurde aber mit der zweiten Zugabe, Liszts „Ungarischer Rhapsodie“ Nr. 2, noch auf die Spitze getrieben: Tanzend (auch mit dem „I can’t dance“-Schritt nach Genesis), Faxen machend, die Tuben wirbelnd etc. erwiesen sich die vier Tubisten nicht nur als Meister ihres Fachs, sondern auch als begnadete Komödianten. Ein begeisterter Applaus war ihnen sicher.


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