von Dr. Götz Heinrich Loos
Kamen. Shakespeare weckt nicht unbedingt in erster Linie musikalische Assoziationen. Seine opulenten Bühnenwerke fordern jedoch geradezu eine Begleitmusik oder eine Umsetzung in Musik heraus. Insbesondere die Komponisten der Romantik und Spätromantik fühlten sich von seinen Stücken inspiriert und haben auf diesem Sektor dann gearbeitet. Grund genug für Rasmus Baumann und die Neue Philharmonie Westfalen das letzte Konzert vor der Sommerpause entsprechend einzurichten – als „Shakespeare konzertant“ – mit dem Schauspieler und Regisseur Sebastian Schwab als Sprecher, denn ganz ohne Worte ist es mitunter auch schwierig, den komplexen Handlungssträngen zu folgen.
Was man grundsätzlich bei Shakespeare und Musik erwartet ist die Bühnen- oder Schauspielmusik zu „Ein Sommernachtstraum“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy – sicherlich die bekannteste Umsetzung eines Shakespeare-Stückes. Streng genommen ist es aber meist gar nicht diese, sondern meist hört man eine Konzertsuite ohne Schauspieler oder Sprecher. Hier sollte es aber die Bühnenmusik sein – und zwar komplett, aber in einer in letzter Zeit beliebteren Version, in der eben nur ein Sprecher auftritt und relativ kompakt die Handlung aus der Sicht von Puck erzählt, teils auch wechselnd in andere Rollen schlüpft und so innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes dem Publikum alles klar macht. Sebastian Schwab als Sprecher war sehr engagiert, sehr erfolgreich und baute einige aktuelle und Ruhrgebietskolorit tragende Phrasen ein, die bei den Zuhörern sehr gut ankamen. Normalerweise gehören auch Gesangssolistinnen und ein Chor zu dieser Musik. Die wurden hier aber gespart und stattdessen rezitierte Schwab bei „Bunte Schlangen, zweigezüngt“ den Text kurzerhand.
Die musikalische Interpretation hinterlässt indessen einen etwas zwiespältigen Eindruck. Die Akustik der Konzertaula mit ihren Tücken ist für die Ouvertüre der „Sommernachtstraum“-Musik schon für sich nicht unproblematisch mit ihren bisweilen schnellen Wechseln zwischen zart-piano und kraftvoll-forte, abgehackten Elementen etc. Aber es war nicht übel – etwas schneller wäre vielleicht sinnvoll gewesen – immerhin ist es eine Komödie. Das gilt noch mehr für den legendären „Hochzeitsmarsch“ – hier war er gemäßigt im Tempo: feierlich-würdevoll, so wie ihn viele Leute für ihre Hochzeitsfeiern wählen; aber in der Komödie mit den absurden Wendungen ist er doch eher eine Karikatur und sollte mit mehr Tempo vorgebracht werden. Bei der Instrumentierung ist man heute auf dem Musikmarkt mit den neueren Interpretationen der „Sommernachtstraum“-Musik dadurch verwöhnt, dass oft keine Tuba als tiefes Blechblasinstrument verwendet wird, sondern wie zu Mendelssohns Zeiten zumeist die viel rauer, manchmal geradezu unheimlich klingende Ophikleide (geradezu passend für die im Wald hausenden Gnome, Zwerge, Geister und dergleichen), von der es inzwischen auch neue, dem heutigen Orchester angepasste Bautypen gibt. Schon deshalb kann mich der Einsatz der Basstuba hier – wie auch in diesem Konzert – nicht mehr recht überzeugen. Insgesamt betrachtet, war es aber schon eine sehr angenehme und weithin angemessene Interpretation, bei der die vielen Klangfarben trotz akustischer Einschränkungen doch hörbar wurden – und romantische Gefühle weckten, denn trotz ihres Einsatzes bei diesem „Lustspiel“ (im doppelten Wortsinne!) ist Mendelssohns Musik doch oft von einer so typischen „Bittersüße“, wie sie nur die Romantik einfangen kann.
Nach der Pause zweimal „Hamlet“ – einmal die entsprechende Fantasie-Ouvertüre op. 67 von Pjotr Iljitsch Tschaikowskij, dann Dmitri Schostakowitschs gleichnamige Orchestersuite op. 116 (a); letztere mit dem „Sein oder Nichtsein“-Monolog Hamlets, hier vorgetragen von Sebastian Schwab – in einer erstaunlich wenig brustschwellenden, gar nicht aufgesetzten Weise, die absolut passend und – im Hinblick auf die Schwere des Sujet und speziell der Szenensituation – erstaunlich leichtfüßig herüberkam. Hut ab vor dem Rezitator!
Tschaikowskijs Hamlet-Ouvertüre wurde sehr engagiert und gefühlsbetont herübergebracht, genauso wie es dem Komponisten gebührt. Die blutgetränkte Handlung hatte der Komponist ohnehin gut eingefangen, mit vielen Schlägen, Crescendi und abgebrochenen Melodien. Auch diese Aspekte wurden sehr gut hörbar gemacht. Letztlich bleibt es aber in der Art der Tonsetzung „ein typischer Tschaikowskij“. Gleiches kann man zweifellos für Schostakowitsch Orchestersuite sagen – auch komponistentypisch und auch hervorragend interpretiert, ebenfalls mit Schlägen, lautem Blech, hier auch viel Schlagwerk. Rasmus Baumann und die Neue Philharmonie Westfalen zauberten trotz der oft hohen Lautstärke begeistert aufgenommene und zudem aus Rezesentensicht herausragende Interpretationen beider Werke. Gerade bei Schostakowitsch erwies sich die diesmal gewählte sogenannte Amerikanische Orchesteraufstellung als Glücksgriff, so dass bei nacheinander spielenden Streicherstimmen diese auch tatsächlich unmittelbar nach- und nebeneinander folgten – also sehr gut durchdacht.





