Sehr gut gefüllt war die Lutherkirche am Palmsonntag. Viele Menschen waren gekommen, um noch einmal die besondere Atmosphäre der Stadtkirche zu erleben. Foto: Christoph Volkmer für KamenWeb.de
von Christoph Volkmer
Kamen. Am 31. Oktober 1517 soll Augustinerpater Martin Luther 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen haben. Jetzt haben die Akteure, die seit einiger Zeit gegen die Schließung der Lutherkirche angegangen sind, symbolisch vor dem letzten Gottesdienst ihre Thesen zum gewünschten Erhalt und einer Weiternutzung der Kirche angebracht. Beim Gottesdienst selbst blieb in der Stadtkirche kaum ein Platz frei.
Wer gedacht hatte, dass der letzte offizielle Gottesdienst noch einmal für ein volles Gotteshaus sorgen könnte, sollte am Palmsonntag, 29. März, recht behalten. Die 92 zur Verfügung gestellten Gesangsbücher waren schon deutlich vor dem Beginn des Gottesdienstes unter der Leitung von Pfarrer Andreas Dietrich vergriffen. Einige der Besucher verfolgten die Veranstaltung sogar im Stehen.
Heimatpfleger Klaus Holzer und weitere Kritiker der Lutherkirchen-Schließung haben symbolisch ihre zehn Thesen für den Erhalt der Kirche angebracht. Der Hammer kam dabei nur für das Foto zum Einsatz, befestigt wurde die Folie mit Doppelklebeband. Foto: Christoph Volkmer für KamenWeb.de
„Es macht vielen von uns die Herzen schwer, wehmütig und traurig. Auch uns vom Presbyterium, die wir schweren Herzens und notwendigerweise diese Entscheidung getroffen haben, geht es genauso“, sagte Andreas Dietrich gleich zu Beginn. Zwar wird es noch einmal einen Gottesdienst zur Entwidmung geben, dieser ist allerdings noch nicht terminiert.
„Thesenanschlag“ mit Doppelklebeband
Den vor dem Beginn an der Kirchentür erfolgten „Thesenanschlag“ mit Doppelklebeband hatte der Pfarrer während seiner Vorbereitung auf den Gottesdienst nicht mitbekommen. Im Zuge der symbolischen Anbringung hatte unter anderem Heimatpfleger Klaus Holzer die Kirche als wichtiges Dokument bezeichnet, welches seit knapp 300 Jahren zur Stadtbildung und Identität beitrage.
In Anbetracht zurückgehender Mitgliederzahlen bei den Kirchengemeinden sei es nachvollziehbar, dass es irgendwann zu Veränderungen kommen werde. „Es ist unbestritten, dass es Schwierigkeiten gibt, aber einfach über die kirchliche Gemeinschaft hinweg etwas zu verkünden, ohne es im Einzelnen zu begründen und als alternativlos darzustellen - das stört uns“, sagte der Heimatpfleger.
Pfarrer Andreas Dietrich leitete den letzten regulären Gottesdienst in der Lutherkirche. Foto: Christoph Volkmer für KamenWeb.de
Wie tief die Bindung vieler aktueller und ehemaliger Kamener zur kleinen Kirche ist, zeigt ein Erinnerungsbuch, in das in den vergangenen Wochen bereits viele Menschen ihre Gedanken im Hinblick auf die Schließung niedergeschrieben haben. Neben Erinnerungen an fröhliche Gottesdienste und Feiern, ist darin auch das große Bedauern vieler Menschen darüber nachzulesen, dass diese Zeit nun endet. „Gut, dass wir diese Erinnerungen in diesem Buch haben, aber auch in uns weitertragen. Gut, dass wir diese Kirche als Verkündigungs- und Begegnungsort so lange hatten“, sagte der Pfarrer, der seit 35 Jahren auch regelmäßig in der Lutherkirche tätig war.
Einnahmen für die Gemeinde
Mit der Verpachtung des Grundstücks der Lutherkirche und des dazugehörigen Anbaus will die Kirche in Zeiten schrumpfender Mitgliederzahlen künftig dauerhaft Einnahmen generieren. Ziel sei nun - in Ansprache mit dem Denkmalschutz und der Landeskirche - eine Nachnutzung zu finden, die dem Sinn der gemeindlichen und kirchlichen Arbeit nachkomme, so der Pfarrer zum Ende des Gottesdienstes. Zum emotionalen Abschluss zelebrierte der Posaunenchor den Klassiker „Amazing Grace“, eins der beliebtesten Kirchenlieder der Welt.
Beim Verlassen der Kirche bekundeten viele Menschen ihr Bedauern über den gefassten Entschluss. „Der Abschied fällt vielen Menschen sehr schwer. Auch mir blutet das Herz, aber das ändert nichts an der Situation der Gemeinde“, sagte Pfarrer Dietrich im Anschluss an den Gottesdienst.
Der Posaunenchor - zusammengesetzt mit Musikern aus Kamen und Methler - gestaltete einen Großteil des Gottesdienstes musikalisch. Foto: Christoph Volkmer für KamenWeb.de





