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    Bundestagswahl 2013: Interview mit dem Direktkandidaten des Wahlkreis 144 Unna I, Marcel Clostermann, Piratenpartei

    Foto: Marcel Clostermann, Piratenpartei (C) Christoph Volkmer für KamenWeb.de 

    von Christoph Volkmer

    Die Wahl zum 18. Deutschen Bundestag findet am Sonntag, dem 22. September 2013, statt. KamenWeb.de stellt einige der heimischen Kandidaten näher vor. Dafür haben die Politiker freundlicherweise 15 Fragen beantwortet. Heute mit Marcel Clostermann, Piratenpartei

    1. Wie lange sind Sie bereits politisch aktiv?
    Ich bin seit 2007 in meiner Uni ehrenamtlich im Fachschaftsrat engagiert, seit Ende 2009 bei den Piraten aktiv und seit Mitte 2010 offiziell Parteimitglied.

    2. Warum sind Sie Politiker geworden?
    Ich würde mich nicht als Politiker bezeichnen, da ich mit meinem Engagement kein Geld verdiene und auch wenn es durchaus viel Zeit kostet, darf dies nicht meine Hauptbeschäftigung sein. Ich bin politischer Aktivist. Das bin ich aus Überzeugung, weil ich es für richtig halte. Damals wurden mit der Vorratsdatenspeicherung und dem Zugangserschwernisgesetz von den etablierten Parteien Maßnahmen diskutiert und beschlossen, welche sich meinem Demokratieverständnis nicht erschließen. Es wäre schlicht und ergreifend falsch, sich gegen so eine Politik nicht zu wehren.

    3. Wenn Sie sich noch einmal entscheiden könnten, sich politisch zu engagieren oder nicht, würden Sie es wieder tun und warum (nicht)?
    Ja, ich würde mich wieder dafür entscheiden. Einerseits haben mich damals Umstände motiviert, die sich bis dato leider noch nicht verbessert haben, denn Überwachungswahn und Demokratieabbau, auch im internationalen Raume, sind in der Politik verbreiteter als je zuvor. Andererseits habe ich auch Spaß an der Arbeit in der Piratenpartei gefunden und viele sympathische Menschen kennengelernt, die ich sonst nie getroffen hätte.

    4. Welche Vorbilder haben Sie und warum?
    Ich habe faktisch keine Vorbilder. Natürlich gab und gibt es sowohl in der Politik als auch im privaten Umfeld Menschen, in die ich viel Vertrauen habe, aber letztendlich hat jeder Mensch seine Stärken und Schwächen. Ich denke, unsere Gesellschaft sollte mit kritischem Denken das klassische führen-folgen-Prinzip ablegen und dazu gehört es auch, sich niemanden als Vorbild zu nehmen oder sonstwie zu idealisieren.

    5. Was macht Ihnen bei Ihrer Arbeit am meisten Freude?
    Die öffentlichen Arbeitstreffen bei uns - die sog. "Stammtische" machen viel Spaß. Die Zusammenarbeit mit der Öffentlichkeit an sich (Podiumsdiskussionen, Infostände, Interviews in der Wahlkampfzeit) macht mich zwar einerseits nervös, macht mir aber andererseits auch Spaß. Auch Demos und Protestaktionen, die Momente, in denen man laut ist und auf etwas aufmerksam macht, machen natürlich Spaß.
    Aber am allermeisten Spaß machen mir, so unwahrscheinlich es klingt, die Bundes- und Landesparteitage. Bei uns sind diese Veranstaltungen riesige Events aus purer gelebter Demokratie. Dort diskutieren hunderte und tausende Menschen strukturiert miteinander und jede Stimme wird gehört, jede Stimme zählt. Man darf bei jedem Thema abstimmen und das Ergebnis wird von allen akzeptiert, man darf jederzeit selbst zum Mikrofon gehen und den anderen seine eigenen Argumente darbieten.
    Es gehört immer auch ein gewisses Maß an Chaos dazu, denn wenn 2000 Leute sich in einer öffentlichen Veranstaltung auf etwas einigen müssen ist das eben chaotischer und manchmal auch hitziger, als wenn sich 3 Leute im Hinterzimmer auf etwas einigen. Ein gewisses Maß an Unterhaltung und Humor gehört sowieso dazu, denn an einem 13 Stunden Tag darf auch mal 5 Minuten aus Spaß an der Freude über Zeitreisen diskutiert werden - egal, was die Bild-"Zeitung" dann daraus macht. Aber am Ende des Tages haben wir immer eine Menge vorzeigbare Ergebnisse. Ein Aufwand, den uns die Demokratie wert ist... und der einfach auch jede Menge Spaß macht.

    6. Was ärgert und belastet Sie in Ihrer Arbeit als Politiker/in am meisten?
    Mich belastet es schon teilweise, dass ich überall, wo ich hingehe auch auf meine politischen Aktivitäten angesprochen werde, oder auch gleich mit diesem Merkmal vorgestellt werde. Ich bin 26 Jahre alt und Student - und dementsprechend kein Mensch, der mit jedem und bei jeder Gelegenheit über Politik diskutieren möchte. Ich bin auf unseren sehr regelmäßig stattfindenden öffentlichen Treffen, ebenso wie an Infoständen und jederzeit per Mail für Jedermann ansprechbar und stehe gerne Rede und Antwort zu jedem Thema und bin da auch zu jeder noch so ausführlichen Diskussion bereit. Aber wenn ich mit Freunden etwas unternehme oder Verwandte besuche, dann möchte ich lieber über andere Themen reden.
    Darüber hinaus ärgert es mich natürlich, dass vieles anderes darunter leidet, wenn man viel Zeit in die politischen Aktivitäten investiert. Aber das nehme ich bewusst hin und versuche den negativen Konsequenzen daraus mit optimiertem Zeitmanagement entgegenzuwirken.

    7. Was war in Ihrer politischen Tätigkeit das Wichtigste, das Sie erreicht haben?
    In der Hochschulpolitik konnte ich in meiner langen Tätigkeit schon vieles verändern, in allen anderen Ebenen fällt mir kein Erfolg ein, der direkt mit meiner Person verknüpft wäre. Diese Frage habe ich mir aber ehrlich gesagt auch noch nie gestellt.

    8. Was möchten Sie in Zukunft unbedingt noch erreichen?
    Die Ziele der Piratenpartei in den Gebieten der Netzpolitik, der Bürgerrechte und der direkten Demokratie umsetzen. Ob ich das selbst mitschaffe, andere Piraten das ohne mein Mitwirken erreichen oder am Ende eine andere Partei unsere Ziele abkupfert ist mir dabei im Endeffekt egal.

    9. Trägt Ihre Familie Ihr politisches Engagement mit?
    Ja, meine Familie hat ein großes Verständnis für meine Beweggründe und unterstützt mich weitgehend.

    10. Besonders bei jungen Menschen ist die Politikverdrossenheit groß. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe dafür und was wollen Sie dagegen tun?
    Weil es etablierte Machthaber gibt, denen ein junger Bürger nichts entgegenzusetzen hat. Selbst als politisch Aktiver, 26 Jahre alter Mensch habe ich teilweise immer noch meine Probleme damit, überhaupt ernst genommen zu werden, dabei haben viele Menschen in meinem Alter bereits selbst Kinder. Die "Jugend" umspannt in der öffentlichen Wahrnehmung eine ganze Generation und trotzdem ist die Jugend ist in Deutschland eine Minderheit geworden. Noch dazu eine Minderheit, die grade auch im politischen Feld durchaus Diskriminierung hinnehmen muss.
    Die Jugendorganisationen der etablierten Parteien machen teilweise wertvolle inhaltliche Arbeit. Diese wird von den "echten Parteien" aber nicht nur nicht gewürdigt, sondern faktisch völlig ignoriert und das selbst auf Gebieten wie der Netzpolitik, bei der die älteren Generationen von der Jugend viel lernen könnte. Wer etwas zu sagen hat, bestimmt das Parteibuch und nicht die Kompetenz.
    Junge Menschen haben in Deutschland nicht mehr das Gefühl, etwas verändern zu können, nicht mal wenn sie sich zusammenschließen würden. Engagement an sich wird in der heutigen Gesellschaft mittlerweile eher als Hindernis für andere Lebensziele gesehen, da man niemand Mächtigen (z.B. einem späteren Arbeitgeber) ein Dorn im Auge sein möchte. Gewürdigt wird so etwas längst nicht mehr.

    11. Was müssten die Parteien Ihrer Meinung nach tun, um verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen?
    Das ist leider kaum noch möglich. Ehrlichkeit statt verlogene Rhetorikakrobatik und direkte Demokratie statt Machtpoker wären die richtigen Wege, jedoch kann ich mir nur schlecht vorstellen, dass die selben Menschen auf diese anderen Methoden umsteigen würden. Die alten Parteien bräuchten neue, idealistische und ehrliche Leute an ihrer Spitze, doch dafür müssten die alten Menschen der Macht ihren Hut nehmen, was diese Sorte Mensch bekanntermaßen ungern tut.

    12. Der Schuldenberg bei Bund, Ländern und Gemeinden wächst und wächst, gleichzeitig werden Steuern in Milliardenhöhe hinterzogen. Wie gehen Sie mit Ihrer eigenen Steuererklärung um?
    Bei der Steuererklärung bin ich bislang immer ehrlich gewesen. Aktuell verdiene ich aber nicht mehr so viel neben dem Studium und bin unter 400 Euro im Monat gerutscht. Dass viele versuchen, "möglichst viel rauszuholen" liegt einfach daran, dass unsere Gesellschaft eine kampfkapitalistische Grundeinstellung hat und das Vertrauen in die Politik und Verwaltung so niedrig ist, dass viele das Geld lieber behalten würden. Eine Zusammenfassung der Sozialleistungen zu einem bedingungslosen Grundeinkommen würde möglicherweise mehr Verständnis und Solidarität mit sich bringen.

    13. Wenn Sie einmal einen Tag ausspannen möchten - wohin im Kreis Unna führt dann Ihr Weg?
    Natürlich nach Schwerte - zu meiner Mutter, meinem Bruder, oder meinen Freunden. Vermutlich zielt die Frage eher auf lokalpatriotisches Loben der Naherholungsmöglichkeiten ab, aber außer die genannten Stationen hat Schwerte noch die Ruhr und das Elsebad... und ansonsten leider kaum noch etwas zu bieten. Natürlich kenne und schätze ich auch die anderen Städte im Kreis, aber ohne Anlass und "einfach zum ausspannen" führte mich mein Weg aufgrund der großen Anzahl von Alternativen im so dicht gebauten Ruhrgebiet dort nie hin.

    14. Wenn Sie die Wahl hätten, einen Top-Star oder eine Gruppe aus der Entertainment-Szene bei ihrem nächsten Parteifest auftreten zu lassen, wen würden Sie aussuchen und warum?
    Parteifest? Es gab mal ein gesponsertes Open Air mit "Unearth" als Hauptact, aber Parteifeste im eigentlichen Sinne sind mir persönlich nicht bekannt.
    Es gibt viele piratige Songs und Bands, Culcha Candelas "Schöne Neue Welt" fällt einem da sofort ein, oder auch Placebos "Too Many Friends". Die Musikpiraten e.V. sammeln gerne gemeinfreie Songs von unbekannten und bekannten Künstlern und hätten sicherlich einige Bands zur Auswahl. "Die Ärzte" wären mit ihrer Copyright-Politik, ebenso wie mit ihren sozialkritischen Aussagen unterm Strich möglicherweise die geeigneteste Band. Andererseits wäre ich schon fast enttäuscht, wenn sich Künstler mit einem eigenen politischen Format durch so einen Auftritt einer Partei zuordnen würden.
    Davon abgesehen höre ich viel Musik und würde die deutsch-amerikanische Kooperation "Demons&Wizards", bestehend aus Hansi Kürsch und Jon Schaffer, gerne endlich mal live erwischen. Wenn ich also diesen Wunsch frei hätte, wäre das die unpolitische Option für ein Parteifest.

    15. Wie wird Ihr Tagesablauf am 22. September 2013 aussehen?
    Spannend, aber beschrieben wohl eher unspektakulär: Wählen gehen, abends eine Wahlparty besuchen und das Beste hoffen.

     

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