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    Eine Friedhofsführung mit Edith Sujatta

    Text und Fotos von Klaus Holzer

    Kamen. Gut besucht war die Führung am Sonntag (26.10.2014) über ein Kamener Schmuckstück, den alten Friedhof, den einen Park zu nennen nicht übertrieben ist. Edith Sujatta, Gästeführerin und Ortsheimatpflegerin, enttäuschte die Erwartungen der zwei Dutzend Interessierten nicht.

    Nach einem geschichtlichen Rückblick, in dem sie Bestattungsarten – und riten seit der Jungsteinzeit erläuterte, wandte sie sich dem Kamener Friedhof zu. Heute ist er der „alte“, dabei ist er gar nicht so alt.

    Zur Zeit Karls des Großen wurde die Bestattung der Christen um die Kirche herum üblich. Nahe bei der Kirche war nahe bei Gott. Folgerichtig hießen die Begräbnisstätten auch „Kirchhof“. In Kamen war das das Gelände um die St. Severinskirche herum, heute Pauluskirche. Als es dort eng wurde, legten die Kamener 1810 einen neuen Friedhof vor dem Ostentor an, für Protestanten und Katholiken, aber schön voneinander getrennt. Die Wahl des Ortes erwies sich allerdings als erdenklich schlecht. Hier trafen der Goldbach, Stadtgräben und die Seseke aufeinander, und mindestens zweimal im Jahr stand er unter Wasser. Und es passierte, daß Leichenteile, Knochen, ja, ganze Särge nach oben gedrückt wurden. 1866 wurde er wieder geschlossen, 1891, als die 25-jährige Liegezeit endete, in den heutigen Stadtpark umgewandelt. Der „neue“ Friedhof wurde 1866 auf höher gelegenem Gelände am Overberger Weg angelegt, mit Zugang von der Münsterstraße. Da mit zunehmendem Verkehr die manchmal viele hundert Meter langen Trauerzüge durch die Stadt zum Friedhof immer hinderlicher wurden, wurde dieser in die inzwischen so genannte Friedhofstraße verlegt.

    Eine Friedhofsführung mit Edith Sujatta (C) Klaus HolzerZwei große Achsen bilden sein Grundmuster, ein Kreuz bildend. Und an diesen Hauptachsen wurden natürlich alle wichtigen Leute begraben. Hier findet sich die Gedenkstätte für die Opfer des Grubenunglücks vom 13. September 1901, das heute noch gepflegt wird, aber auch die Gruften von Familien wie Pröbsting, von Mulert, Koepe, von der Heyde, Namen, die mit der Kamener Geschichte eng verwoben sind. Zu ihnen allen, und noch vielen weiteren Namen, kann Edith Sujatta Geschichten erzählen, mit viel Mutterwitz. („Damals durften die von und zu nur untereinander heiraten, außer wenn der König zustimmte. Und da gab es die adligen Heiratsvermittlerinnen. Die brauchte man auch. Von den von und zu liefen ja nicht so viele herum.“) Eine Friedhofsführung mit Edith Sujatta (C) Klaus Holzer

    Sie zeigte den Teilnehmern aber auch die Stelle, wo Asche aus Urnen namenlos Verstorbener verstreut wird; und die Stelle, an der Kinder, die tot geboren wurden oder als Frühchen den Weg ins Leben nicht fanden, beigesetzt werden, so daß die unglücklichen Eltern eine Stelle zum Trauern haben. Eine Friedhofsführung mit Edith Sujatta (C) Klaus HolzerSie führte sie zu der Stelle, wo die heute oft gewählte Art der Bestattung durchgeführt wird, nämlich eine Urne in einem kreisrunden Feld zu versenken, um einen zentralen Baum herum, von symbolträchtigen Rosen umgeben. Im äußeren Kreis erinnern die Bodenplatten mit den Namen an die Verstorbenen. Sie führte zu dem Gräberfeld für die „Toten der Kriege“. Aber sie zeigte ihnen auch die letzten noch verbliebenen jüdischen Gräber. Hier konnten Juden, die sonst immer nur vor den Stadttoren begraben wurden, ihre letzte Ruhestätte finden, da dieses immer ein kommunaler, also ein Friedhof für alle Bürger, war. Und die ersten Urnenbestattungen. Und es war ein Erlebnis, wieder einmal vor den „Zwölf Aposteln“ zu stehen, einer zwölfstämmigen Kastanie. Heute sind es nur noch elf. „Luzifer“ war faul, er mußte abgesägt werden.

    Eine Friedhofsführung mit Edith Sujatta (C) Klaus HolzerEine Friedhofsführung mit Edith Sujatta (C) Klaus Holzer

    Eine Friedhofsführung mit Edith Sujatta (C) Klaus HolzerEdith Sujatta erzählte aber auch von ihrem Kampf um den Erhalt des Friedhofs, der an die 20 Jahre lang geschlossen war und in Gefahr, nie wieder geöffnet zu werden. Teilnehmer an der Führung bestätigten diesen Kampf, einer erwähnte gar, daß er damals gegen die Schließung geklagt habe. Offenbar nahmen viele Kamener den „neuen“ Friedhof in Südkamen nicht an. Und sie erzählte, wie sie Jahr für Jahr feststellen mußte, daß schöne alte Grabsteine verschwanden, von ignoranten Arbeitern und Gärtnern entfernt, weil die Gräber nicht mehr gepflegt worden waren. Es gab keine Familienangehörigen mehr in Kamen, die sich um sie hätten kümmern können. Sie erzählte davon, wie sie bei der Stadtverwaltung intervenierte, um zu retten, was zu retten war. Und wie sie, als das nichts fruchtete, zum Bürgermeister persönlich ging und erst dann in Aussicht gestellt wurde, daß  der Friedhof als wertvolles Kulturgut erhalten werden würde. Wie sich, bei ein wenig gutem Willen, Wege finden ließen, die erinnerungs– und geschichtsträchtigen Gräber dauerhaft zu erhalten.

    Diese Führung bot eine rare Mischung aus Information, Bildung, Nachdenklichkeit und Heiterkeit. Mehr davon.

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