von Dr. Götz Heinrich Loos
Kamen. Der Abend des 16. Novembers 2014 war das Ende einer langen Woche für viele Mitglieder des Oratorienchors der Stadt Kamen. An diesem Sonntag führten sie seit Montag zum vierten und letzten Mal das 3. Konzert der Neuen Philharmonie Westfalen in der Spielzeit 2014/2015 auf – nach Stationen in Gelsenkirchen, Recklinghausen und Schwerte. Dieses Mal unterstützte nicht nur der Chor der Konzertgesellschaft Schwerte in alter Verbundenheit den Kamener Chor, sondern auch Mitglieder des Städtischen Musikvereins Gelsenkirchen und des Städtischen Chors Recklinghausen. Wenn auch nicht an allen Stationen alle Mitglieder der vier Chöre zugegen waren, entstand dennoch jedes Mal eine gewaltige Chorgemeinschaft. Und diese Schar an Sängerinnen und Sängern war auch nötig, stand doch ein mächtiges Werk für Soli, Chor und Orchester auf dem Programm: „A Sea Symphony“ von Ralph Vaughan Williams – nebenbei bemerkt: einem meiner Lieblingskomponisten!
Vorweg wurden aber noch die „Sea Pictures“ op. 37 von Edward Elgar gegeben. Hier kam der Chor noch nicht zum Einsatz. Die Neue Philharmonie Westfalen spielte unter Franz-Leo Matzerath, als Gesangssolistin brillierte Silvia Hablowetz (Mezzosopran). Wer die Musik von Elgar kennt, aber vielleicht nicht dieses Werk, wird allerdings den Elgarschen Charakter schnell erkannt haben, man könnte diese Musik viktorianische Spätromantik nennen – ein Stil, den die Briten bis heute zumindest in Form von Filmmusik gewahrt haben; ketzerisch gesagt, könnte man darin wenigstens teilweise eine Verbindung von so „feindlichen Brüdern“ wie Brahms und Wagner finden, aber in einem eigentümlichen Mix, mit definitiv eigenen Merkmalen. Es ist eine schöne, ausdrucksreiche Musik, keine wirkliche Programmmusik, eher eine bildliche, gleichnishafte Tonsprache. Im Verhältnis zwischen Orchesterklang und Gesangspart gab es zunächst einige Einstiegsschwierigkeiten: Das Orchester war partiturgemäß laut, die Sängerin drohte in dessen aufgerautem „Klangmeer“ unterzugehen. Doch dieses Problem war schnell behoben: mit klarem, erfreulich verständlichem Gesangspart war Silvia Hablowetz ganz unzweifelhaft eine Idealbesetzung. Franz-Leo Matzerath verstand es zudem, Elgars kompositorische Akzente angemessen hervorheben zu lassen.
Nach der Pause folgte dann als Hauptwerk Vaughan Williams’ „Sea Symphony“ mit vollem Chor sowie den Gesangssolisten Yamina Maamar (Sopran) und Thomas Berau (Bariton). Vaughan Williams war zwar ein musikalisch gedanklicher Schüler Elgars, was gerade auch in diesem Werk zum Ausdruck kommt, er fand allerdings schon früh eine sehr selbständige Tonsprache, die sich stets von der vorherrschenden „Linie“ der viktorianischen Spätromantik unterschieden hat. Auch in diesem Werk gibt es viele laute Orchesterparts, die in einzelnen Abschnitten zumindest für die in hinteren Reihen der Konzertaula sitzenden Zuhörenden Chor und Soli übertönt haben, insgesamt erwies sich jedoch die große Chorgemeinschaft auf hohem, steilen Aufbau auf der Bühne geradezu ideal, um den Vortrag dem Publikum optimal in großer akustischer Breite zukommen zu lassen. Und es ist wirklich meisterhaft, was dem Chor gelang: Hinter Profichören musste er sich hier freilich nicht verstecken. Setzte bei manchen Anfängen zuerst ein gewisser hohler Klang im Sopran ein, fing er sich aber nach wenigen Takten; die anderen Chorstimmen waren durchgehend sicher. Und dabei klangen sie transparent, verständlich, ungekünstelt – dem „Meeresgesang“ vielleicht besser angepasst als professionelle ausgebildete Kunstgesangsstimmen. Die dabei ausgelösten emotionalen Effekte können nicht in Worte gefasst werden – um sie nachvollziehen zu können, hätte man dabei sein müssen. Höhepunkte des Chorgesangs waren für mich in den Sätzen III und IV zu finden; es gelang dabei ein nahezu perfektes Ausgleichsspiel mit dem Orchester. Sicherlich haben auch die wortgewaltigen Gedichtpartien Walt Whitmans nicht nur zum Erfolg des Werkes generell beigetragen, sondern auch in ihrer idealen Gesangsanpassung für jede Aufführung. Die gewaltigen Kraftakte bei der Einstudierung durch die Chorsänger und –sängerinnen können nur geahnt werden, das überwältigende Ergebnis spricht jedenfalls für sich. Matzeraths Interpretation setzte besonders im II. und III. Satz auf eine Betonung der „Ecken und Kanten“ des Werkes, was besonders im Orchesterpart deutlich wurde, auch Übergänge wirkten etwas hakiger als in den meisten mir bekannten Interpretationen durch britische, meist in den Instrumentenstimmen etwas umfangreicher besetzen Ensembles. Die Solostimmen von Yamina Maamar und Thomas Berau erschienen absolut zutreffend gewählt, ideal für die musikalischen Vorstellungen des Komponisten. Alle Beteiligten können mit der Aufführung nicht nur zufrieden, sondern sie sollten begeistert sein – sie haben ohne Zweifel eine gewisse Wegmarke in der Gesamtheit der „Sea Symphony“-Aufführungen gesetzt und sich selbst wieder einmal ein gleichwohl flüchtiges, in der Erinnerung aber bleibendes Denkmal hoher Professionalität geschaffen.





