von Dr. Götz Heinrich Loos
Kamen. Zugegeben, Neujahrskonzerte in der Region provozieren Vorurteile, die darin gipfeln mögen, das Ganze als provinzielle und banale Kopie des traditionsreichen Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker anzusehen. Genährt wird ein solcher Vorbehalt zudem von einseitigen Programmen, die praktisch nur die Wiener „Sträuße“, also Johann, seinen Vater und – schon deutlich weniger – seine Brüder vorsehen. Insofern bieten die Neujahrskonzerte in Kamen immer wieder angenehme Überraschungen, die eine solche Einseitigkeit gar nicht erst zulassen. Wie in jedem Jahr, so auch dieses Mal – natürlich – am 1. Januar in der Konzertaula, bei vollen Rängen, konnte man sich erneut von einem recht bunten Programm überzeugen lassen.
Bewährt sind die Interpreten: Die Mährische Philharmonie Olmütz mit erstklassig ausgebildeten Musikern unter Leitung von Hermann Breuer, der auch das Konzert launig und sachkundig, dabei immer ansprechend und gut verständlich moderierte. Als Gesangssolistin war zudem die Sopranistin Nathalie de Montmollin beteiligt.
Das Konzert startete mit Emil Nikolaus von Rezniceks Ouvertüre zu seiner Oper „Donna Diana“, seinem wahrscheinlich bekanntesten Werk, auch gerade losgelöst von der vergleichsweise wenig bekannten Oper – dem älteren Publikum (aber auch noch mir...) vor allem als Titelmelodie des bis 1985 gelaufenen Musik-Fernsehquiz „Erkennen Sie die Melodie?“ geläufig. Mit ihren vielen Wendungen und manchmal nicht ganz vorhersehbaren Entwicklungen sicher nicht ganz leicht zu spielen, doch die Mährische Philharmonie Olmütz leistete die Aufgabe mit Bravour; überhaupt spielten sie praktisch alle Werke perfekt durch, mit maximaler Synchronizität der jeweiligen Stimmen und oft einem gewissen Schmelz, also genau passend besonders für Werke der „k.u.k.“-Zeit.
Aus der Schauspielmusik zu „Peer Gynt“ von Edvard Grieg folgten die „Morgenstimmung“, „Solveigs Lied“ und „In der Halle des Bergkönigs“ – regelrechte „Klassiker“, jedoch durch ihre häufige Aufführung vielleicht etwas abgegriffen. Doch die Perfektion der Interpretation machte hier einiges aus, wenn auch die Streicher vor allem der tiefen Lagen (Celli, Bässe) unangemessen kammerorchesterlich besetzt waren – dadurch wurde besonders hier und auch bei den folgenden Tschaikowskij-Interpretationen eine Schieflage zwischen hohen und tiefen Streichern erzielt; bei anderen Werken fiel dies hingegen kaum ins Gewicht. Bei „Solveigs Lied“ trat Nathalie de Montmollin zum ersten Mal auf – äußerlich eine sehr elegante Erscheinung, konnte sie durch eine warme, weiche, niemals in schrille Farben abdriftende, im Ausdruck stabile und souveräne Stimme von Anfang an überzeugen.
Fast standardmäßig dann aus Tschaikowskijs „Nussknacker“-Suite: Blumenwalzer und Trepak – oft gehört, vermutlich auch schon zu oft – aber als Tschaikowskij-Fan bin ich da zu parteiisch... Aber außer den genannten „Bassproblemen“ wiederum eine überzeugende, souveräne, technisch und ausdrucksmäßig gelungene Interpretation. Es folgte die Arie „Liebe, du Himmel auf Erden“ aus Franz Lehárs Operette „Paganini“, zu der Hermann Breuer amüsante Geschichtchen vorbringen konnte. Nathalie de Montmollin meisterte auch diese Partie trotz ihrer ganz anderen Struktur ohne Mühen – und in neuem Kleid. Der erste Teil des Konzertes endete dann mit dem ersten Strauß: Josef Strauß’ Walzer „Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust“ – hier bewies das Orchester, dass es den Wiener Walzer beherrscht, so auch in den Werken dann nach der Pause.
Hier kam als Erstes die Ouvertüre zur Operette „Das Spitzentuch der Königin“ von Johann Strauß Sohn, also dem Bekanntesten der „Sträuße“, zum Vortrag; ein nicht häufig zu hörendes Werk, wobei die Operette selbst nie recht erfolgreich war und bis auf wenige Stücke daraus heute nahezu vergessen ist. Gleiches gilt für die Operette „Die Tänzerin Fanny Elßler“, von der praktisch nur das Lied „Draußen in Sievering“ überdauert hat, welches als nächstes auf dem Programm stand. Im Vortrag von Nathalie de Montmollin (in wiederum gewechselter Kleidung) kam das Sehnsüchtige gut zum Tragen. Der Walzer „Schlittschuhläufer“ von Émile Waldteufel folgte; wie Hermann Breuer erläuterte, eine wirklich gute Nachzeichnung eines geübten Schlittschuhlaufs – darüber hinaus eine schöne, auch bekannte (aber sicher Vielen kaum dem Namen nach) zentrale Melodie als gute Alternative zur Straußschen „Walzerseligkeit“. Aber der jüngere Johann Strauß kam noch einmal, mit der Schnellpolka „Auf der Jagd“, einem der gern aufgeführten Walzer mit Knalleffekt – hörte sich auch hier gut an. Vorher aber Robert Stolz’ „orientalischer Foxtrott“ „Salome“, im instrumentalen Arrangement von Klaus Eberle als echte Alternative zu den Walzern, so schwungvoll im Vortrag, dass es einen fast hätte von den Sitzen reißen können – auch das meisterte die Mährische Philharmonie in hervorragender Weise.
Nathalie de Montmillon durfte, nunmehr fast als „Vamp“ in Dunkel mit Federboa, nochmals auf die Bühne mit Lehárs bekanntem Lied „Meine Lippen, sie küssen so heiß“ aus seiner Operette „Giuditta“ – in der Konzertaula über die Jahre des öfteren gehört, aber je nach Stimme immer wieder eine Entdeckung. Anders als manche zu starre, allzu klare Sopranstimme gelang de Montmillon eine schmelzende, herzergreifende Interpretation. Nach angemessenem Applaus schließlich als offizieller Schlusspunkt nochmals ein ausgefalleneres Werk: Leroy Andersons „The Waltzing Cat“ – ein Walzer mit eingebautem „Miau“ in die Walzermelodie.
Es ist fast selbstverständlich, dass ein solches, insgesamt doch abwechslungs- und vor allem einfallsreiches Programm samt seiner Interpreten mit verdient hochgradigem Applaus belohnt wurde. Nathalie de Montmillon durfte mit einer Zugabe nochmals ran, namentlich mit Robert Stolz’ „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein“ aus der Operette „Der Favorit“. Und wieder überzeugte sie in beschriebener Weise.
Zwangsläufig kam dann als zweite Zugabe der Radetzky-Marsch vom älteren Johann Strauß. Ich habe schon früher einmal ausgeführt, dass es doch ein wenig langweilig und einfallslos ist, dieses Werk grundsätzlich bei jedem Neujahrskonzert als Abschluss zu bringen. Andererseits ist es eine Form der Tradition, die alle derartigen Konzerte und Regionen quasi verbindet, also doch nicht so schlecht? Abgesehen davon, es gab auch hier noch etwas zu entdecken, nämlich eine kleine Improvisation in der Trompetenstimme. Daher ist doch das Resümee grundsätzlich positiv: Ein schönes, gelungenes Konzert durch hervorragende Interpreten, ein abwechslungsreiches Programm und seine herausragende Gestaltung.





