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    Musikkritik: 7. Sinfoniekonzert: Zitrusfrüchte, ein virtuoses Trio und tänzerisch-feierliche Sinfonik

    von Dr. Götz Heinrich Loos

    Kamen. Die „Drei“ war das Thema des 7. Sinfoniekonzertes der Spielzeit 2014/15 der Neuen Philharmonie Westfalen am Mittwochabend in der Konzertaula – jedenfalls erschloss sich dies aus dem vorangestellten Motto: „Aller guten Dinge...“ Und tatsächlich: Drei Werke, davon das erste mit zweimal drei Sätzen, die anderen beiden jeweils mit dreien. Dirigent war der junge US-amerikanische Maestro Evan Christ, derzeit Generalmusikdirektor in Cottbus.
    Und da waren sie wieder, die Drei, beim ersten Werk: Prokofjews Suite „Die Liebe zu den drei Orangen“ op. 33. Die Suite fußt auf der dritten (... schon wieder!) Oper von Sergej Prokofjew, in der einem Prinzen geweissagt wird, dass er sich in drei Orangen verliebt; das tut er auch und schält schließlich drei Mädchen aus den drei Orangen, von denen er die Prinzessin (eine von denen, nicht alle drei!) heiratet. Wie die meisten Werke Prokofjews (abgesehen von „Peter und der Wolf“ sowie seiner „klassischen Sinfonie“) bekommt man dieses Werk abseits der kulturellen Metropolen vergleichsweise selten zu hören, so dass allein diese Auswahl schon als gelungen betrachtet werden muss. Die Interpretation war atemberaubend; freilich ist es in erster Linie die Kompositionsweise, die bei Prokofjew hier – wie meistens bei ihm – klassisch-romantische und moderne Formen verbindet, auf Dynamik baut, einen großen Orchesterapparat benötigt und sowieso klangliche Sonderwege beschreitet, die eine große Dramatik mit sich bringen – eben bis in die kleinste Suite. Aber das Ganze hängt natürlich auch an der Interpretation: Und da erlebte man einen etwas verspielten, in Gestik und Mimik durchaus lausbübisch-ausgelassenen, weniger technokratisch als organisch-rhythmusorientiert dirigierenden Evan Christ, dem sichtlich Spaß bereitete, was er da machte. Und das Orchester zog mit und so boten sie einen erstklassigen, gewiss voll angemessenen Prokofjew – in sechs Sätzen, programmatisch angelegt – gemäß der Opernhandlung, aber dennoch mit großer Spannung und Dynamik bis zuletzt.
    Danach folgte das bekannte „Tripelkonzert“ Beethovens, genauer: Konzert für Klavier, Violine, Violoncello und Orchester C-Dur op. 56. Und da waren sie wieder, die Drei: ein Solistentrio und drei Sätze. Ersteres war hier das Trio Karénine aus Paris – mit Paloma Kouider (Klavier), Anna Göckel (Violine) und Louis Rodde (Violoncello), drei sehr junge, inzwischen weltweit erfolgreich als Trio konzertierende Musiker. Von ihrer Virtuosität konnte man vom ersten Moment an überzeugt sein: Mühelos spielten sie auch die schwierigeren Partien, waren bestens aufeinander und das Orchester abgestimmt und brachten eine ungeahnte Erfrischung in den Klang dieses häufiger gespielten Werkes; es schien, als wären sie neugierig auf die Wendungen der Musik und entdeckten etwas Neues darin – und das war der Unterschied zu vielen anderen Interpretationen, aus denen mitunter eher eine Pflichtprogramms-Lustlosigkeit heraustrieft. In ihrer Frische und Spielfreude passten sie aber auch zum Dirigenten, der wiederum erkennen ließ, dass er mit Spaß am Werke war – allerdings leitete er den Orchesterpart auch klangstruktürlich anders an als man es gewohnt ist: Es war kein glatt gebügelter Beethoven, sondern er war etwas rau und ungezähmt: manchmal klang es fast so, als wären die Musiker auf Originalinstrumenten aus Beethovens Zeit tätig; also eine durchaus erfreuliche Abwechslung. Der verdiente Applaus war allen Beteiligten sicher und deshalb gab das Trio Karénine eine Zugabe: das Scherzo aus Schuberts Klaviertrio Nr. 2 op. 100: Technisch und ausdrucksfähig von bester Perfektion, hier hätte man sich vielleicht auch etwas Innovatives gewünscht – aber letztlich in bewährter Triotradition.
    Das Programm endete mit der Sinfonie Nr. 3 C-Dur op. 52 von Jean Sibelius – wie Prokofjews Werke leider noch zu wenig gespielt auf nordrhein-westfälischen Bühnen, ist es doch vielleicht die eingängigste Sinfonie des Komponisten, da aber hier Sinfoniezyklen Sibelius’ die Ausnahme der Aufführungen sind, bekommt man ohnehin meist nur einzelne Sinfonien des eigenwilligen Spätromantikers zu hören und vermag daher keine volle Wertschätzung für sein sinfonisches Werk als Ganzes aufbringen – was sehr schade ist, denn für meine Begriffe gehören sie mit zu dem Besten, was das Gattung Sinfonie jemals hervorgebracht hat. Drei (!!!) statt vier Sätze bauen die Dritte von Sibelius auf, eine Neuerung für den Komponisten und für den sinfonischen „Mainstream“ im Grundsätzlichen und doch musikdramaturgisch geschickt, wenn man die einzelnen Themen des Werkes in ihrem Zusammenhang würdigt. Der Beginn mit den Streichern, zunächst nur Celli und Kontrabässe, wirkt wie ein lustvoller, spontaner Tanz, etwas stakkato- und flatterhaft (gespielt „mit liegendem Bogen“), der dann durch Einsatz der Holzbläser und vor allem der Hörner steigert bzw. von kräftigen Akkorden mit fanfarenartigen Rufen überlagert wird. Die Neue Philharmonie und Evan Christ nahmen hier das „Allegro moderato“ sehr ernst, wobei das „Moderato“ Vorrang hatte – also etwas langsamer und betonter als in vielen anderen Interpretationen, aber durchaus reizvoll. Der gesamte Satz, der immer mehr vom „Tänzerischen“ ins Hymnisch-Feierliche übergeht, wurde in dieser vom Tempo her gemäßigten Weise vorgebracht, was der Wahrnehmung und dem emotionalen Eindruck sehr gut tat. Gleiches kann für den zweiten und dritten Satz gesagt werden: Die Angemessenheit der Interpretation verlangt nach Lob in den höchsten Tönen, von der technischen Perfektion und der Ausdrucksfähigkeit nicht zu reden. Trotz verdienter „Bravo“-Rufe nach dem gloriosen Schluss nur ein kleiner Wehmutstropfen: Die gewählte Aufstellung, die der so genannten deutschen Orchester-Sitzordnung ähnelte, d.h. vor allem zweite Violinen auf der rechten Seite, den ersten gegenüber (die Kontrabässe, die dann nach hinten gehörten, wurden aber – wohl aus Platzmangel auf der Bühne – links hinter die ersten Violinen gesetzt), war gerade für Sibelius’ Dritte etwas kontraproduktiv. Spielten die ersten und zweiten Violinen gleichzeitig Crescendo, kamen die Akkorde der Bläser nicht immer deutlich zum Tragen, was der Klarheit des Ausdrucks abträglich war. Dennoch bleibt ein grandioser, nachwirkender Gesamteindruck. Also: Dreimal „bravo“!


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