Zeitungstipp befolgt: Frau legt Meerrettich 5 Stunden auf Fußgelenk - toxische Hautreaktion

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in "Darf ich?"

darf ich500Titel "Darf ich?" enthält Datei: #166484651 | © pixelkorn / Fotolia.comvon Julian Eckert

Luxemburg. Eine österreichische Zeitungsleserin befolgte einen Tipp von „Kräuterpfarrer Benedikt“, der die Linderung von Rheumabeschwerden versprach. Das Problem: Der Tipp war falsch. Die Frau erlitt Schmerzen an ihrem Fußgelenk. Sie wollte deshalb 4.400 Euro Schmerzensgeld von dem Zeitungsverlag. Heute hat der EuGH über den Fall entschieden.

Die Klägerin war Leserin der „Kronen-Zeitung“, österreichs auflagenstärkste Tageszeitung mit einer Reichweite von gut 2,4 Millionen Leserinnen und Lesern. Als sie eines Tages in „ihrer“ Zeitung von einem Tipp gegen ihre Rheumabeschwerden laß, beschloss sie, diesem zu folgen. In der Rubrik „Hing’ schaut und g‘sund g‘lebt“ hatte „Kräuterpfarrer Benedikt“ geschrieben:

„Frisch gerissener Kren (Meerrettich, Anm. d. Red.) kann mithelfen, die im Zuge von Rheuma auftretenden Schmerzen zu verringern. Die betroffenen Zonen werden vorher mit einem fettigen pflanzlichen Öl oder mit Schweineschmalz eingerieben, bevor man den geriebenen Kren darauf legt und anpresst. Diese Auflage kann man durchaus zwei bis fünf Stunden oben lassen, bevor man sie wiederum entfernt.“

Nach drei Stunden abgebrochen

Die Frau befolgte den Ratschlag und rieb den frischen Meerrettich auf die schmerzende Stelle, ihr Fußgelenk. Anschließend beließ sie ihn dort - wie im Artikel von „Kräuterpfarrer Benedikt“ geschrieben - für etwa drei Stunden. Im Laufe der Zeit ereilten sie aber nach ihrem eigenen Vortrag stärkere Schmerzen, sodass sie den Meerrettich entfernte. Sodann stellte sie eine toxische Hautreaktion an ihrem Fußgelenk fest. Es stellte sich heraus, dass in dem Zeitungsartikel die Anwendungsdauer falsch abgedruckt war. Statt zwei bis fünf Stunden hätte es zwei bis fünf Minuten heißen sollen. Als dieser Fehler aufflog, verlangte die Leserin Schmerzensgeld von „ihrer“ Tageszeitung. Sie hielt einen Betrag von 4.400,- Euro für angemessen. Der Kronen-Verlag zahlte nicht freiwillig und so erhob die Frau Klage.

Klage gegen Zeitungsverlag

In erster und zweiter Instanz scheiterte sie jedoch mit ihrem Begehren. Der Oberste Gerichtshof in Österreich (vergleichbar mit dem deutschen Bundesgerichtshof) legte den Fall dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg zur Vorabentscheidung vor. Grund hierfür war, dass die Produkthaftungsrichtlinie der Europäischen Union, also EU-Recht, für die Fallentscheidung relevant war. In derartigen Konstellationen können nationale Gerichte den EuGH vorab zur korrekten Auslegung von EU-Recht befragen.

EuGH: Kein Schmerzensgeld

Heute hat der EuGH entschieden: Die Frau erhält kein Schmerzensgeld. Grund hierfür ist, dass es sich trotz des Fehlers in der Zeitung bei dieser nicht insgesamt um ein fehlerhaftes Produkt gehandelt habe. Ein Produktfehler werde anhand bestimmter Faktoren ermittelt, die dem Produkt selbst innewohnen und insbesondere mit seiner Darbietung, seinem Gebrauch und dem Zeitpunkt seines Inverkehrbringens zusammenhängen. Somit könnten Schmerzensgeldansprüche bspw. bestehen, wenn ein Wasserkocher aufgrund eines technischen Defekts zu einem Stromschlag führt. Aber die „Kronen-Zeitung“ war trotz der falschen Zeitangabe nicht insgesamt ein fehlerbehaftetes Produkt. Nur für solche sieht die EU-Produkthaftungsrichtline aber entsprechende Ansprüche vor.

Fazit

Und was könnte die Schlussfolgerung aus dieser Geschichte sein? Auch vermeintlich hilfreiche Ratgebertipps zur Behandlung mit Hausmitteln sollten vor der Anwendung bestenfalls selbst noch einmal kritisch überdacht werden.

Anzeigen

kamenlogo  stiftungslogo rot200

kamengutschein240

ko logo

technoparkkamen