Eine satirische Nachlese zum Kamener Altstadtfestival 2026
Archivbild: Die Antenne-Unna-Altstadtparty 2022 auf dem Alten Markt – für viele Kamener bis heute der Maßstab, an dem sich das neue Altstadtfestival messen lassen muss.
Kamen wollte nach Jahren der legendären Antenne-Unna-Altstadtpartys endlich wieder ein Altstadtfest. Bekommen hat die Stadt ein Altstadtfestival. Das klingt moderner, internationaler und vermutlich auch nach einem Förderantrag. Dass zwischen "Fest" und "Festival" Welten liegen können, durfte der ehrwürdige Alte Markt am 3. und 4. Juli am eigenen Kopfsteinpflaster erfahren.
Wo früher Generationen gemeinsam zu Coverbands schunkelten, wurde der historische Marktplatz kurzerhand zum "Festivalgelände" erklärt. Vermutlich reichte dafür ein neues Banner und ein paar Bauzäune. Der Alte Markt selbst, dessen Fachwerkfassaden schon Pest, Kriege und jahrhundertelangen Wandel erlebt haben, dürfte innerlich dennoch kurz zusammengezuckt sein.
Das Programm versprach "Musik für jeden Geschmack". Eine mutige Formulierung. Tatsächlich gab es von Akustik über Punk, Hardcore, Rap und Hip-Hop bis Soul fast alles – allerdings nicht unbedingt in der Reihenfolge, die man auf einem Stadtfest mitten zwischen Eiscafé, Tapas-Bar und Außengastronomie erwarten würde.
So begann der Freitag harmlos mit der Musikschulband Straight Ahead. Danach wurde es deutlich kerniger. Captain Horst, seit Jahrzehnten eine Institution der heimischen Punkszene, sorgte für gute Stimmung und einen gut gefüllten Markt. Anschließend übernahmen Marathonmann mit Hardcore-Rock und später Cäthe, bevor KC & The Soul Brothers den Abend musikalisch wieder dort abholten, wo viele Besucher ihn vermutlich von Anfang an vermutet hatten: bei Soul, Funk und tanzbarer Partymusik.
Die Kritik ließ deshalb nicht lange auf sich warten. Gastronomen stellten fest, dass Hardcore-Rock während des Abendessens zwar den Puls steigern könne, aber nicht unbedingt den Appetit. Gäste verlegten ihr Essen vorsorglich in den Innenbereich, wo die Schnitzel bessere Überlebenschancen hatten als draußen zwischen Gitarrenwänden und Double-Bass-Gewittern.
Der Samstag setzte die musikalische Expedition fort. Les D'Acchords eröffneten gemütlich, ehe mit The Scabs und Goose Park gleich zwei Punkrock-Formationen übernahmen. Danach folgte Rapper Dein Couseng, der seine Texte teilweise spontan vor Ort entwickelte. Das Publikum entwickelte im Gegenzug spontan den Wunsch, sich den Getränkeständen oder dem Nachhauseweg zu widmen. Vor der Bühne entstand zeitweise so viel Freiraum, dass man dort vermutlich problemlos einen weiteren Bierwagen hätte aufstellen können.
Erst Vita brachte am Abend wieder deutlich mehr Bewegung auf den Platz. Tatsächlich kamen zahlreiche Fans eigens nach Kamen – ein schöner Erfolg für das Festival und der wohl deutlichste Beweis dafür, dass einzelne Künstler durchaus Publikum ziehen können.
Interessant war dabei vor allem die Zielgruppenplanung. Der zweite Tag sollte ausdrücklich junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren ansprechen. Diese nahmen die Einladung allerdings eher als unverbindliche Empfehlung wahr. Stattdessen dominierten Familien, Kinderwagen und Besucher, die sich noch daran erinnern konnten, als der Marktplatz zuletzt "Altstadtfest" hieß.
Vielleicht lag genau darin das eigentliche Missverständnis.
Denn ein Stadtfest ist eben etwas anderes als ein Festival. Während Festivals meist bewusst eine bestimmte Szene bedienen und Besucher auch weite Anreisen in Kauf nehmen, lebt ein Altstadtfest von seiner Breite. Es soll Rentner, Familien, Jugendliche, Vereinsmitglieder, Kneipengänger und zufällige Passanten gleichermaßen ansprechen. Wer mitten in einer historischen Innenstadt feiert, beschallt eben nicht nur Konzertbesucher, sondern auch Anwohner, Gastronomen und Menschen, die eigentlich nur gemütlich ein Abendessen genießen wollten.
Auch die Running Order war durchaus diskussionswürdig. Ausgerechnet während der klassischen Essenszeiten dominierten Punk und Hardcore. Soul, Funk und die tanzbaren Klassiker kamen erst spät am Abend – also genau dann, als viele ältere Besucher bereits den Heimweg antraten oder die Polizei wenig später ohnehin das Ende der Veranstaltung einläutete.
Überhaupt hatte das Bühnenprogramm am Freitag ungeplante Konkurrenz. Während KC & The Soul Brothers spielten, rückte die Feuerwehr mit einer Drehleiter an und rettete eine Person aus einem Gebäude am Markt. Für einige Minuten war die spektakulärste Darbietung des Abends nicht auf der Bühne, sondern einige Meter darüber zu beobachten.
Am Ende bleibt ein gemischtes Fazit.
Das Konzept war mutig. Die Organisation funktionierte. Die Technik war hervorragend. Regionale Bands bekamen eine Bühne, und mit Vita gelang sogar ein Publikumsmagnet.
Doch vielleicht hat Kamen bei der Suche nach einem neuen Altstadtfest das Wort "Festival" etwas zu wörtlich genommen.
Der Alte Markt ist eben keine Festivalwiese auf der grünen Wiese, sondern das Wohnzimmer der Stadt. Dort muss Musik nicht jedem gefallen – aber möglichst vielen.
Oder anders gesagt:
Kamen wollte nach den großen Antenne-Unna-Partys wieder ein Altstadtfest.
Bekommen hat die Stadt ein Festival.
Und der Alte Markt bewies an diesem Wochenende einmal mehr jene Eigenschaft, die ihn seit Jahrhunderten auszeichnet: erstaunliche Leidensfähigkeit.
Stimmen vom Marktplatz – oder: Das Publikum vergibt Punkte
Wie nach jedem großen Ereignis begann auch nach dem Altstadtfestival die in Kamen fast ebenso traditionsreiche Disziplin: die Nachbesprechung in den sozialen Medien. Das Urteil fiel dabei deutlich gemischter aus als das Wetter.
Während die Stadt das neue Konzept als gelungenen Neustart wertete, fanden viele Besucher vor allem einen Programmpunkt uneingeschränkt gelungen.
„Das Beste am Stadtfest war der Kindertrödel.“ brachte Klaus Wiemhoff die Prioritäten vieler Familien auf den Punkt. Ein Satz, der vermutlich nicht als offizieller Werbeslogan für das Musikprogramm gedacht war.
Andere fielen deutlich kürzer aus. „Nie wieder!!“, kommentierte Mike Dettmers. Mehr Worte schienen nach zwei Festivaltagen schlicht nicht mehr nötig.
Axel Schulte formulierte es diplomatischer: „Hat mir dieses Jahr nicht gefallen.“ Ein Urteil, das in Westfalen bereits als deutliche Kritik durchgeht.
Musikalisch geriet vor allem der Freitagabend ins Kreuzfeuer. Udo Kroes zeigte sich enttäuscht:
„Die Musik am Freitagabend war eine absolute Katastrophe. Keine Stimmung. Wir sind nach zwei Stunden nach Hause gefahren. Über Musik kann man streiten, aber das ging gar nicht.“
Damit sprach er genau den Punkt an, über den bereits Gastronomen diskutiert hatten: Nicht jede Festival-Playlist funktioniert automatisch auf einem historischen Marktplatz zwischen Außengastronomie, Familien und Feierpublikum.
Noch nostalgischer wurde es bei Tanja Robinson:
„Früher war das Altstadtfest das Highlight der Stadt. Es war so schön und in der ganzen Stadt verteilt. Heute echt nur noch ein Armutszeugnis.“
Auch Ulrich Paul blickte eher zurück als nach vorne:
„Früher gab es wenigstens gute Mucke, was zu sehen und Stimmung. Kamen ist lange nicht mehr das, was es war... Schade.“
Und Christian Melis störte sich vor allem am frühen Ende:
„Ein absolutes Armutszeugnis. Um 22:30 Uhr gingen die Lichter aus und vorbei. Da hätte ich schon ein bisschen mehr erwartet. Auch von den Künstlern her könnte was Besseres gebucht werden.“
Natürlich gab es auch Besucher, die gerade die musikalische Vielfalt und die Einbindung regionaler Bands ausdrücklich lobten. Doch unter dem Strich zeigte sich ein Eindruck, den viele teilen dürften:
Das Altstadtfestival war kein schlechtes Festival.
Es war nur für viele Kamener nicht das Altstadtfest, auf das sie so lange gewartet hatten.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung für 2027. Denn zwischen einem Festival, das Szenen begeistert, und einem Stadtfest, das eine ganze Stadt zusammenbringt, liegen manchmal nur wenige Meter auf dem Alten Markt – gefühlt aber mehrere musikalische Welten.
Archiv: Bunte Mischung: Zweiter Tag von neuem Festival auf dem Alten Markt





