Fast wie ein normales Krankenhaus - Hinter den Kulissen des Justizvollzugskrankenhauses Fröndenberg

am . Veröffentlicht in Kamen Backstage

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Fröndenberg. Nur wenige Kilometer sind es von Kamen bis zum Hirschberg in Fröndenberg. Hier steht Deutschlands größtes Justizvollzugskrankenhaus. Etwa 130 Patienten befinden sich zurzeitfür durchschnittlich 16-18 Tage hinter einer hohen, mit Stacheldraht geschützten Steinmauer in ärztlicher Behandlung. KamenWeb durfte im Rahmen der „Backstage“-Artikelserie einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Es ist 6:30 Uhr morgens, als die Patienten, die zugleich auch Gefangene sind, geweckt werden. Ein genau getackter Tagesplan steht ihnen bevor. Nach medizinischen Kontrollen und dem Bettenmachen steht das Frühstück an, welches aus Brot und Belag nach Wahl besteht – eingenommen in der eigenen Zelle. Gegen 7:30 Uhr beginnt der Medizinbetrieb. Je nach Diagnose besteht dieser aus der Anfertigung von EKGs, Röntgenaufnahmen, Physiotherapie oder Operationen – wie in einem normalen, zivilen Krankenhaus. Generell wirkt im Fröndenberger Justizvollzugskrankenhaus vieles wie in einem herkömmlichen Krankenhaus. Denkt man sich die allgegenwärtigen Justizvollzugsbeamten und die Gitter vor den Fenstern sowie zahlreiche Schleusen weg, so arbeiten dort herkömmliche Chirurgen, Internisten, Anästhesisten, Physiotherapeuten, Pflegekräfte und psychiatrische Mitarbeiter. Auch eine eigene Großküche gibt es, die für Patienten und Mitarbeiter drei Mahlzeiten am Tag zubereitet. „Wir sind gewissermaßen ein Akutkrankenhaus der erweiterten Grundversorgung“, erklärt Anstaltsleiter Joachim Turowski, der selber Volljurist ist. „Wir sind besser ausgestattet als manch kleine Klink, jedoch nicht so umfangreich wie eine Fachklinik“. Zu den Abteilungen, über die Deutschlands einziges JVA-Krankenhaus dieser Art verfügt, zählen neben einer Psychiatrie auch eine mit 12 Ärzten besetzte innere Abteilung mit seuchenspezifischer und kardio- und onkologischer Behandlung auf drei Stationen sowie eine Chirurgie mit 6 Ärzten undzusätzlicher Urologie, Orthopädie und Gynäkologie. Sogar ein HNO-Arzt ist hier tätig.Eine Dauerpflegestation, in der pflegebedürftige Gefangene untergebracht sind, befindet sich ebenfalls auf dem über 55.000 Quadratmeter großen Gelände. Die Patienten kommen vornehmlich aus NRW, aber auch aus Thüringen, Sachsen, Bayern und weiteren Bundesländern. Ebenfalls hier angesiedelt ist eine Mutter-Kind-Einrichtung, in der Mütter ihre Haft im offenen Vollzug absitzen. Ihre Kinder, die erst wenige Tage bis hin zu 6 Jahre alt sind, verbringen ihre ersten Lebensjahre gemeinsam mit der Mutter dort. 16 Plätze hat die Mutter-Kind-Einrichtung derzeit, ein Ausbau ist bereits geplant.

 

In einem klassischen Krankenhaus dürfen sich Patienten weitestgehend frei bewegen. Dies ist in dem JVA-Krankenhaus ganz anders. „Jeder Gefangene hat das Recht auf eine Freistunde am Tag“, so Anstaltsleiter Turowski. „Diese wird dann zum Teil täglich – auch bei Regen in Anspruch genommen“. Die restliche Zeit des Tages sind die Patienten in Begleitung durch Bedienstete unterwegs oder in ihren Zellen eingeschlossen, sofern sie sich nicht nachmittags auf der Station bewegen dürfen. Strikte und strenge Geschlechtertrennung findet auf allen Stationen statt. Auch die Einlieferung neuer Patienten findet anders statt, als in einem klassischen Krankenhaus. „Die Patienten kommen im Regelfall mit den normalen blau/weißen JVA-Bussen“. Sollte diese Art der Einlieferung jedoch aus medizinischen oder sicherheitstechnischen Gründen nicht möglich sein, kann auch ein Liegendtransport im Rettungswagen oder eine Einlieferung per Helikopter durch das SEK erfolgen. Letzteres findet vor allem dann statt, wenn die Einlieferung über den Landweg ein zu großes Sicherheitsrisiko darstellen würde, wie bspw. bei einem terroristischen Straftäter. „Nach der Ankunft findet zunächst eine Anmeldung an der Pforte statt, anschließend folgt eine erste Diagnose“, erklärt Turowski. Zuvor jedoch wird jeder Patient akribisch kontrolliert und in Krankenhauskleidung umgekleidet. In den Kontrollen sind unter anderem schon diverse Drogen zum Vorschein gekommen, teilweise sogar versteckt im eigenen Körper. „Wir kennen die Vorgeschichte und den Verurteilungsgrund der Patienten und treffen dann angemessene Sicherheitsmaßnahmen“. Diese könnten bis hin zu einer dauerhaften Begleitung durch Justizvollzugsbeamte führen. „Seit meiner Amtszeit, also seit 11 Jahren, gab es keinen einzigen Ausbruchsversuch mehr“, berichtet der Jurist Turowski, der zuvor auch schon in klassischen Justizvollzugsanstalten gearbeitet hatte. Hierfür sind nicht zuletzt die 105 Justizvollzugsbeamten verantwortlich, die mit Kontrollen und einer 24-Stunden Videoüberwachung des gesamten Geländes jeden Winkel des Krankenhauses im Auge behalten. „An den Besuchstagen planen wir zusätzliche Justizvollzugsbeamten ein um die Sicherheit zu gewährleisten“,so der Anstaltsleiter. Um Justizvollzugsbeamter zu werden, kann sogar der praktische Teil der Ausbildung im JVA-Krankenhaus absolviert werden. „Außerdem bilden wirzum mittleren Verwaltungsdienst aus und unsere Ärzte können bei uns ihre Facharztausbildung machen“.

Und so wirkt Deutschlands einziges eigenständiges Justizvollzugskrankenhaus hinter den Kulissen gar nicht so sehr anders, als ein normales Krankenhaus. Wären da nur nicht die JVA-Beamten, die vielen abgeschlossenen Türen und vor allem die Gitter vor jedem Fenster…

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