Film- und TV-Seitenblicke: Tatort: Spieglein, Spieglein

am . Veröffentlicht in Film- und TV-Seitenblicke

tatortscreenkwvon Dr. Götz Loos

Geschwistermord? Nein, ganz so schlimm ging es im neuen Münster-"Tatort" nicht zu. Aber immerhin um Doppelgängermorde: Doppelgänger des Ermittlerteams und der Verwandtschaft um Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Gerichtsmediziner Karl Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) müssen dran glauben, angefangen mit einer Person, die Staatsanwältin Klemm (Mechthild Grossmann) verflixt ähnelt. Die Mörderin - das wird schnell klar - ist eine Sachbearbeiterin im Straßenverkehrsamt (Kathrin Angerer). Und schließlich stellt sich heraus, dass der kurz vor der Haftentlassung stehende, einst von Thiel und Boerne überführte Mörder Sascha Kröger (Arnd Klawitter) die Frau über eine Liebesabhängigkeit steuert - also Stellvertretermorde, mal eine neue Form der Rache - und deshalb ein sehr reizvolles Thema.

Während ich diese Zeilen niederschreibe, habe ich bereits andere Kritiken gelesen, die nahezu alle negativ ausfallen. Diese Sicht der Dinge teile ich nicht und halte die Meinungen der anderen Rezensenten für überzogen bis thematisch verfehlt. Seit Langem ist die primäre Intention der Münster-Tatorte nicht die plausible Klärung von Fällen, sondern ein spaßiges Bällezuwerfen der beiden Hauptprotagonisten Thiel und Boerne vor münsterländischer Lokalkulisse. Da in dieser Hinsicht vieles ausgereizt ist, müssen frische Ideen her - und solche wurden hier glänzend von Autor Benjamin Hessler erdacht und von Regisseur Matthias Tiefenbacher umgesetzt. Allein die aberwitzige Idee der Stellvertretermorde ist schon ein großes Plus.

Wenn in anderen Rezensionen die Rede davon ist, dass Klamauk und Wortwitz fehlten, muss ich mich ernsthaft fragen, welcher Film da angeschaut wurde... Ich habe jedenfalls beides hinreichend wahrgenommen - vielleicht mit weniger Slapstick; aber ist der Voraussetzung für "das alte Ehepaar" Thiel und Boerne? Aber schon die Szene mit Beiden in Unterwäsche bei der Morgentoilette war doch vom Feinsten...

Besonders genial erscheint mir der Einfall, nicht einfach die Doppelgänger aller Betroffenen als Doppelrollen zu besetzen, sondern wirklich "nur" ähnliche Menschen zu suchen. Und selbst bei Thiel sah es ja zunächst so aus als sei sein Doppelgänger auch nur ähnlich. Letztlich durften Prahl und Liefers dann aber doch in Doppelrollen schlüpfen - was das Publikum so wohl auch erwartet hätte. Besonders gelungen: Das Treffen von Boerne auf seinen Doppelgänger, einen Jazzprofessor. Nachdem er ihn hinlänglich beschnuppert hatte, baute der sonst so dünkelhafte Gerichtsmediziner erkennbare Sympathien für sein "Spiegelbild" auf - eine Wendung, mit der ich nicht gerechnet hätte!

Aber die Grundidee der Doppelgängermorde hat natürlich auch etwas Spukhaftes, wie selbst Boerne anmerkte, so dass man nicht behaupten kann, dieser Tatort sei frei von Spannung gewesen - im Gegenteil, die Entwicklung der Handlung erzeugte eine gewaltige Spannung. Dazu noch liebevolle Details und Running Gags wie der Spezialkaffee von Mirko, der Urlaubsvertretung für Nadeshda oder das Team am Ende wie eine kleine Familie...

Dieser Münster-Tatort ist deshalb rundum gelungen, er ist einzigartig und nicht einfach eine Fortschreibung der Thiel und Boerne verbindenden Dramaturgie. Nach solchen innovativen Ideen sehnt man sich immer beim Tatort, da die Kreativität nicht nur in Münster herausgefordert wird. Der letzte Freiburger Fall ("Für immer und dich") basierte auf einer wahren Geschichte und war bei der Darstellung des altersungleichen Pärchens sehr einfühlsam, während mir die Ermittler einfach zu lahm erscheinen. Der letzte Dortmunder Fall wurde sehr gescholten, weil er angeblich überkommene Milieus und Klischees bediente. Wer sich im Ruhrgebiet auskennt, weiß aber, dass es solche Siedlungen und Verhältnisse durchaus noch gibt - allem Zetern des Dortmunder Oberbürgermeisters zum Trotz, der natürlich seine Stadt nur in seiner Sichtweise auf gelungene Strukturwandelprojekte gerichtet sehen möchte. Aber wie wurde Schimanski am Anfang zerrissen - und heute verkauft die Stadt Duisburg Schimanski-Souvenirs. Also war auch der Retrocharme der Dortmunder so gesehen neuartig. "Spieglein, Spieglein" jedoch ist für mich von den genannten der beste Tatort der letzten Zeit.

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