Musikkritik: Zwei Konzerte zum ersten Advent: Ein „bunter Abend“ und besinnlich Chorisches

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Kamen. Advent bedeutet immer auch eine musikalisch hohe Zeit – ohne viel zu suchen, es ist immer irgendwo etwas zu hören. So auch an diesem Sonntag: Ein Weihnachtskonzert der Städtischen Musikschule im Foyer der Stadthalle und – leider mit etwas Überschneidung – ein Ökumenisches Adventssingen in der „Heiligen Familie“.
Das Weihnachtskonzert der Musikschule überraschte durch ein buntes Programm, das überwiegend auf Tanz ausgerichtet war. Nun, wenn Weihnachten ein frohes Fest sein soll, darf Tanz nicht fehlen – also passt es doch! Aber auch die barocken Klänge Telemanns, die Bestandteil des Konzertes waren, können nicht als genuin weihnachtlich gelten (auch wenn Musikschulleiter Alexander Schröder dies eingangs betonte), ist es doch eine Konzertsuite von ihm, kein für Weihnachten komponiertes Stück. Wie üblich, setzt sich die Suite aus verschiedenen Tänzen zusammen – und passt so dann doch ins tänzerische Bild. Also ein „tanzendes Weihnachten“ mit entsprechenden Klängen aus diversen Ländern – und der Beteiligung verschiedener Ensembles der Musikschule. Vielleicht zunächst zur Beruhigung: Alle waren hervorragend, haben Gutes bis Bestes gegeben, so dass es schwer fällt, überhaupt negativ Kritikwürdiges zu entdecken.
Das gibt es aber dann doch, nämlich im Programmheft, das offenbar mit der „heißen Nadel“ gestrickt wurde, ohne dass Korrektur gelesen werden konnte; so haben sich Rechtschreib- und Gedankenfehler eingeschlichen, insbesondere: „Kurt Mahr“ statt richtig „Curt Mahr“, „K. Kreidler“ statt richtig „Klaus Treidler“, Villoldo Arroyo schreibt sich ohne Bindestrich, Telemanns Werk heißt „Suite F-Dur“, nicht „Ouvertüre F-Dur Suite“ und bei den russischen Namen wäre eine einheitliche Transkription sinnvoll gewesen, da steht einmal (deutsch übertragen) „Tschaikowsky“ und ein anderes Mal (englisch) „Shostakovic“; dabei ist gerade bei Letzterem die deutsche Schreibweise Schostakowitsch so bekannt, dass die hier verwendete sicherlich einige Zuhörende verwirrt haben durfte. Okay, das mag oberlehrerhafte Prinzipienreiterei sein, also wenden wir uns lieber dem Programm und der Musik zu.
Astor Piazzollas „Café, 1930“ (sic!) aus seinem „Histoire du Tango“ machte den Anfang, hier in der vorgesehenen Originalbesetzung mit Flöte und Gitarre. Ina Herkenhoff und Jörg Lungenhausen schafften mit einem einfühlsamen Spiel eine warme Atmosphäre mit leichten tangohaften Klängen, hoher Präzision und Profession. Das ließ mehr Gutes erwarten. Das Erwachsenenensemble (oder auch „Erwachsenenspielkreis“) mit seinen vorherrschenden Bläserklängen unter neuer Leitung von Ina Herkenhoff folgte mit Lowell Masons populärem Kirchenlied „Nearer, my God, to Thee“, einer verkürzten Bearbeitung von Schostakowitschs Walzer No. 2 aus der Jazzsuite No. 2 (der aus „Eyes Wide Shut“) und „Vois sur ton chemin“ aus Bruno Coulais‘ Musik zum Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ (so richtig geschrieben --). Alle drei Werke waren gut einstudiert, wenn man auch bemerken konnte, dass höchste Konzentration und Anspannung aufgebracht wurden, damit alles stimmig gelang. Aber so gab es schöne Klänge ohne Misstöne.
Akkordeonmusik war nun angesagt. Unter den Augen ihrer Dozentin Angelika Papadopoulos spielten die Schüler Felix Heckmann und Jan Hermasch Schatrows Walzer „Auf den Hügeln der Mandschurei“, Villoldo Arroyos Tango Argentino „El Choclo“ und gemeinsam zu Dritt den ersten Satz aus Curt Mahrs Konzert für zwei Akkordeons. Bewunderswert, wie die beiden jungen Schüler ihr Instrument beherrschen – sie erzeugen schon eine Atmosphäre, die über das technisch Perfekte hinausgehen, ins Emotionale hinein. Keine Frage, hier wurden und werden Meister ihres Faches ausgebildet. Nun folgte das gesamte Akkordeonensemble unter Leitung von Angelika Papadopoulos und intonierte eine Bearbeitung eines russischen  „Gorbitschok“ durch Martina Schumeckers - sehr leidenschaftlich und kräftig; nicht minder dann der „Spanische Walzer“ von Klaus Treidler. Die Leistungen, die die Musiker brachten, waren erstklassig.
Mit Telemanns Suite F-Dur kam nun das Kammerorchester und bezauberte durch eine wunderschöne Interpretation, durchaus mit einigen hörbaren barocken Techniken. Es gab nichts Kritisches, nichts Misslungenes zu finden, sondern eine lobenswerte Darbietung muss hier herausgestellt werden. Das Kammerorchester war dann am Ende noch einmal dran, zunächst aber spielte ein Querflötenquartett aus Yvonne Flechsig, Ina Herkenhoff, Sylvia Linke und Manuela Schultebrauks zwei Stücke aus Tschaikowskijs „Jugendalbum“, op. 39 („Das Begräbnis der Puppe“ und „Polka“), wiederum mit atemberaubender Stimmigkeit und wunderbaren, punktgenauen und ansprechend tiefgehenden Klängen. Zum Schluss daran Ferenc Farkas‘ „Partita all’ungaresca“, beruhend auf ungarischen Volkstänzen und Klängen aus dem 16. Jahrhundert – jeder der sechs Sätze wurde dabei bestens ausgekostet und wieder war eine technische Perfektion gepaart mit emotionaler Ansprache.
Fazit: Der Musikschule ist dieses Mal wirklich ein beachtliches Konzert mit Erfüllung des Anspruches in bester Weise gelungen.
Für den Schreiber vorliegender Zeilen ging es aber schnell weiter: Ökumenisches Adventssingen in die katholische Kirche. Leider waren der Chor der Hellweg-Werkstätten und die Evangelische Kantorei schon aufgetreten und ich kam gerade herein, als der MGV Sangesfreunde Kamen unter Matthias Ostermann das letzte ihrer drei Lieder vortrugen: „Vater unser“ – aber das taten sie so kraftvoll und anrührend, dass es auch einem nicht-religiösen Menschen naheging. Der Cäcilienchor Heilige Familie wiederum unter Ostermann brachten „Wir freuen uns, es ist Advent“ und „Hoch tut euch auf, ihr Tore der Welt“ plus eine Zugabe; und wieder kam eine Qualität dabei heraus, die wirklich erstaunlich war: bestens abgestimmt, völlig synchron und problemlos in allen Stimmlagen. Friedhelm Schmidt dirigierte danach den Evangelischen Posaunenchor Kamen mit dem populären „Feliz Navidad“ (José Feliciano), vielleicht etwas schleppend, aber feierlich und prächtig. Die Gemeinde sang unter Begleitung der Orgel (Lukas Borgschulte) „Maria durch ein Dornwald ging“, bevor die Veranstaltung mit Bachs eigenhändiger Bearbeitung für Orgel seines Kantaten-Choralsatzes „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (BWV 645) schloss – dieser Satz aber in Borgschultes Interpretation sehr ruhig und dennoch sehr anspruchsvoll (mit etwas Improvisation in den Trillern), immer wieder hörenswert und sollte stets daran erinnern, dass das ursprüngliche Lied von Philipp Nicolai im nahen Unna geschrieben worden war.

Musikkritik: 50 Jahre Musikschule und 25 Jahre Bigband der Musikschule: Ein „Nice ‘n‘ Easy“-Abend der Premiumklasse

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Kamen. Die Bigband der Städtischen Musikschule Kamen, die „Nice ’n‘ Easy Big Band“ (sicherlich eine Hommage an Count Basie), bestritt am Samstag im Foyer der Stadthalle das Abschlusskonzert der Feierlichkeiten zum 50jährigen Musikschuljubiläum – und konnte ihr eigenes 25jähriges Bestehen feiern. Der Ruf, den sich Rüdiger Wilke und sein Ensemble inzwischen erarbeitet haben, ist herausragend – und so soll es auch nicht verschwiegen sein, dass die Bigband hier wiederum erfolgreich ihr Bestes gab; angesichts der Tatsache, dass die Bigband-„Landschaft“ bedeutend kleiner wird und auch die Möglichkeiten, mit einem Bigbandkonzert aufzutreten, immer geringer werden, ist es umso wichtiger, dass entsprechende Bands auf Qualität setzen – und dieser Abend war definitiv einer der Premiumklasse – Amateurmusiker (was sie freilich nicht alle sind) hin oder her…

Rüdiger Wilkes unermüdlicher Einsatz, der auch in einer Dankesansprache von Musikschulleiter Alexander Schröder gewürdigt wurde, hat aus dem Ensemble diese Qualität geformt. Und auch seine Bigbandler wissen das zu schätzen, denn sie dankten ihrem Chef ebenfalls, mit netten Worten und Präsenten, worauf Wilke gerührt nur erwidern konnte: „Ich hab immer gedacht, die hassen mich alle, weil ich sie immer so quäle“. Aber die vielleicht manchmal notwendige harte Hand trägt reiche und reife Früchte, wie alle Aufführungen in den letzten Jahren stets bewiesen haben. Da war es sicherlich nicht nur „Probenquälerei“, sondern auch ein motivationsreicher Anreiz, einmal wieder im Herzen Kamens zu spielen, um das Beste zu geben.

Bob Carletons „Ja-Da“ (oder „Jada“) machte den Anfang. Ursprünglich 1918 komponiert, entwickelte sich durch diverse Coverversionen des Originals, bei denen Bigbands eine große Rolle spielten, allmählich daraus ein Jazzstandard. Dennoch ist er gerade bei uns nicht allzu oft zu hören – und so brachte die „Nice ‘n‘ Easy Big Band“ umgehend Schwung und Frische in die Räumlichkeiten.

Die Auswahl der folgenden Werke reichte von Swing und Jazz bis zu Rock und Pop in allen denkbaren Facetten; die Arrangements waren ebenfalls weit gestreut, auch der im Jazz hochverdiente Arrangeur Mark Taylor war vertreten. „It don’t mean a thing“ von Duke Ellington, mit Gesang, war dabei sicherlich das obligatorische Stück, da es schon vom Text her die Swing-Ära begründete. War dieses Werk mit Gesangspartie sehr beeindruckend vorgetragen, gab es noch eine Steigerung mit Glenn Millers „Chattanooga Choo Choo”, bei dem ein Gesangsquintett wirklich eine glänzende Leistung vorlegte. Das Orchester musizierte dabei in einem der Original sehr nahen Arrangement und vollbrachte (nahezu) einen „echten“ Glenn-Miller-Sound. Was kann man da noch mehr erwarten? Aber es gab noch mehr. Michael Jacksons „Man in the mirror“ und Pharrell Williams’ „Happy” sind von der Anlage her schon „verjazzt” – bestens in diesen Interpretationen! Von Stevie Wonder wurden gleich zwei Songs in entsprechenden Arrangements gebracht: „Superstition“ und „I wish“. Das Keyboard hätte vielleicht etwas kräftiger abgesetzt werden können, aber mit einem kumulativen Instrument ist eine Clavinet-Stimme schwer zu realisieren. Dafür gab es ein schönes Solo und auch sonst waren hier die Solos – wie auch in anderen Stücken – durchaus virtuos und belegten, dass die Spieler ihr Fach beherrschen. Unter allen sei nur Andreas Heuser erwähnt, der mit seiner Gitarre schnelle wie langsame Partien mühelos vortrug, so dynamisch sie auch waren. Und es sei auf den bekannten Jazzdrummer Detlev Schütte hingewiesen, der hier trotz sicherlich eines vollen Terminkalenders mitgewirkt hat und dem Ganzen noch eine zusätzliche Würze verleihen konnte.

Ina Herkenhoff, Flötistin und Musikschuldozentin, schlüpfte nun auch in eine Solosängerinnen-Rolle und überzeugte mit satter, anschmiegsamer Altstimme. Damit war sie bei „God bless the child“ aber das genaue Gegenteil des Originals Billie Holiday. „New York, New York“ war dann ebenso nicht unbedingt nahe an Sinatra, aber doch expressiv, eben durch ihre Beherrschung der Tempi und tiefen Lagen. Ziemlich einfühlsam brachten Band und Sängerin schließlich Norah Jones‘ „Don’t know why”; das Arrangement war hier auch ausgesprochen schön, vor allem für die Trompeten.

Das „unglaublichste Arrangement überhaupt“, wie Rüdiger Wilke betonte, war aber ein im Stil von Glenn Miller gehaltenes von „Winter Wonderland“, einem in den USA extrem populären Weihnachtslied (der Komponist Felix Bernard ist hingegen ziemlich wenig bekannt), das auch bei uns, teilweise in deutschen Übersetzungen und Übertragungen, in den letzten Jahrzehnten bekannter geworden ist. Als Zugabe folgte abschließend „Respect“, das durch Aretha Franklin mit sehr extrovertiertem Vortrag berühmt geworden ist und heute als eine Frauenrechtshymne gilt, obwohl Komponist Otis Redding im Original eine ganz andere Intention vertrat. Sehr stark – im doppelten Sinne – waren hier die Posaunen.

Die Pause zwischen den beiden Teilen des Bigband-Abends war übrigens keine Pause: Die Bigband der Musikschule Schwerte unter Andreas Schneider, der auch in der Kamener Band Posaune spielt, trat nun zwischenzeitlich auf das Podium, teilweise mit Musikerinnen und Musikern der Kamener Besetzung (die dann keine Pause hatten), Sie boten neben bekannten Melodien aus „Rocky“ u.a. „Skyfall“ (Adele) und „Hallelujah“ (des jüngst verstorbenen Leonard Cohen) – qualitativ gleichwertig mit der „Nice ‘n‘ Easy Big Band“. Der Abend war generell gelungen; über 90 Zuhörerinnen und Zuhörer waren erschienen; eher zögerlich gingen einige „swingend“ mit, aber Szenenapplaus und begeisternde Applause am Ende der Stücke waren doch stets drin. Man wünscht sich jedenfalls häufigere Auftritte dieses qualitativ fraglos hoch professionellen Ensembles.

Musikkritik: Geistliche Abendmusik: Überirdische Gesänge und virtuose Klavierdarbietung

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Kamen. Am Ende des Kirchenjahres gibt es in der Pauluskirche stets eine musikalische Andacht, die für Liebhaber geistlicher Musik mit mancherlei interessanten Werken aufwartet - so auch an diesem Ewigkeitssonntag, als die Evangelische Kantorei, die Jugendkantorei und ein Projektsingekreis unter Leitung von Kirsten Schweimler-Kreienbrink ein solches Programm vortrugen. Begleitet wurde die Chorgemeinschaft am Klavier von Svetlana Svoroba, die auch einige Werke solistisch spielte. Neben Werken von Romantikern (Mendelssohn, Mussorgskij, Tschaikowskij, Chopin, Debussy) waren es solche von Kirchenmusikkomponisten unserer Zeit (Wallrath, Quigley, Nagel, Christill, Klever) sowie Gesänge aus Taizé, die zu hören waren. Zwischendrin gab es Lesungen von Pfarrer Andreas Dietrich und fast abschließend einen Segen.
Das erste Chorwerk war schon zutiefst beeindruckend: Klaus Wallraths Kanon „Herr, erhöre mein Gebet“ wurde äußerst professionell interpretiert; von seiner Anlage her ist es schon ein tief beeindruckendes, sehr emotional ansprechendes, tiefgehendes  Werk mit etwas konservativer Strukturierung, das die Chorgemeinschaft – alle drei oben erwähnten Chorgruppen – hier mit Perfektion, absoluter Synchronizität und beeindruckender Dynamik meisterte. Nicht minder beeindruckend, aber völlig anders in Struktur und Ausdruck, war Anne Quigleys „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ – abweichend durch eine größere, auf die Passung für die Stimmen ausgerichtete Freiheit in der Gestaltung – man könnte sagen, ein echtes Kirchenlied, auch für das Singen in Zeltlagern und dergleichen; dennoch sehr anrührend. Und hier interpretiert durch die vier jungen Damen der Jugendkantorei – die ihre Sache herausragend machten in Technik und Ausdruck, da war nichts Unsauberes zu hören, sondern eine bestens gelungene Einstudierung.
Alle drei Chöre meisterten dann den Taizé-Gesang „In te confido“ („Jesus Christus, auf dich vertraue ich“). Die Musik aus Taizé ist durch ihre multiple Motivwiederholung gekennzeichnet, die oft den Charakter eines in seinen einzelnen Parts schnell hintereinander folgenden Kanons hat und erzeugt dabei wunderbare, überirdische Klänge, die hier in bester Perfektion und Eindrücklichkeit vorgetragen wurden.
Svetlana Svoroba, Pianistin, die als Musikpädagogin sehr viele Projekte gemacht hat und macht (aber – das sei hier nicht verschwiegen – als „Tastenfachkraft“ der „Bullemänner“ wohl am bekanntesten ist), spielte Mussorgskijs „Une larme“ (= eine Träne) op. posth. 70/18 mit der gebotenen Melancholie, ebenso danach Tschaikowskijs „Chanson triste“ op. 40,2 mit der dem Komponisten eigenen Verzweifelungs-Traurigkeit, technisch perfekt und so gefühlvoll wie nötig.
Matthias Nagels „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen“ zum Psalm 121 wird als „Ballade“ bezeichnet – und tatsächlich ist es das auch: Zart, aber nicht unbelebt, wird die Musik dem Inhalt angepasst, anders als Mendelssohns entsprechendes Terzett aus dem „Elias“ (allerdings mit der Aufforderung „hebe deine Augen auf…“), aber doch auch mit der Berührung einer Zurückgenommenheit und stilleren Bewegtheit. Wiederum gelang es, hier dem Singkreis (einem gelungenen Projekt, wie es schien!), mit bester Aufführungswürdigkeit und musikalischer Perfektion. Die Kantorei folgte mit „Wirf dein Anliegen auf den Herrn“ von Mendelssohn (aus „Elias“); es gelang den Vortragenden hier bestens die feinen Nuancen und Schattierungen herauszuarbeiten, die der Komponist gesetzt und an denen er ohrenscheinlich bei Blick auf sein Gesamt-Chorwerk reizvolle Freude hatte.
Noch ein Gesang aus Taizé: „Confitemini Domino“ („Vertraut dem Herrn, denn er ist gütig. Halleluja“) – keine Abstriche gegenüber den bereits getätigten Ausführungen, eher noch etwas Positives hinzu: hierbei fiel die sehr gute Verständlichkeit der Worte im Gesangsvortrag auf, was grundsätzlich beim Singen eine große Rolle spielen sollte, aber meist in der Realität nicht spielt.
Svetlana Svoroba interpretierte dann Debussys „Clair de lune“ – mit atemberaubender technischer Vollkommenheit und hier nun auch mit einer sehr ansprechenden emotionalen Ausdrucksfülle, was gewiss teilweise an der impressionistischen Anlage des Werkes lag (hier so stark wie in nur wenigen anderen Werken Debussys – ob die Interpretationen deshalb alle komponistengemäß sind, ist fraglich, aber bei „Clair de lune“ ist es so offensichtlich…).
Nochmals sehr die Gefühle ansprechend: Horst Christills „In deinen Händen steht die Zeit“ (mit Text von Eugen Eckert), vorgetragen von der Jugendkantorei – und nochmals bewies der Nachwuchs hier, dass er in Professionalität kaum den „Älteren“ nachsteht. Mendelssohn Bartholdy war noch zweimal zu hören: „Auf Gott allein will hoffen ich“ (Kantorei) und ganz zum Ende hin „Verleih uns Frieden“ (noch einmal alle drei Chöre). Dazwischen noch Peter Klevers (bzw. Text von Lothar Zenetti) „Sei unser Gott“, ein etwas beschwingtes Werk (so angemessen vom Singkreis interpretiert) – und nochmals Svetana Svoroba mit Chopins Nocturne Es-Dur op. 9,2 (einem breiten Kreis bekannt geworden ab den späten Achtzigern als Titelmelodie der „Nachtgedanken“ mit Hans Joachim Kulenkampff; daran muss zumindest ich immer denken – für einen Freund der Musik fast schon „blasphemisch“ ----), bestens!
Was bleibt also: Viel Lob und Anerkennung für alle Beteiligten; die Darbietungsprofessionalität der Kamener Kirchenchöre wurde erneut bestätigt (und ihnen bescheinigt, dass sie hinsichtlich der kirchenmusikalischen Aufführungsqualität sicherlich mit zu den besten in der Umgebung zählen); schließlich ein Extralob an die dezent kleine (aber hoffentlich ausbaufähige) Jugendkantorei, die bereits im Niveau den „ausgewachsenen“ Chören entspricht, was auch keine Selbstverständlichkeit ist.


Musikkritik: 3. Sinfoniekonzert: „Ein deutsches Requiem“ mit Tiefgang und Gefühl

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Kamen. Die Popularität des „deutschen Requiems“ von Johannes Brahms ist enorm. Andreas Kosinski, Bratscher der Neuen Philharmonie Westfalen und Vertretung von Roland Vesper im Einführungsvortrag, las am gestrigen Sonntag in der Konzertaula eine Kritik vor, die anlässlich einer der ersten Aufführung entstand – und die brachte es schon in allen Facetten so hervorragend auf den Punkt, dass es keiner weiteren Ergänzung bedarf. Der Rezensent kann lediglich seine eigene Wertschätzung des Werkes ausdrücken, ein echtes „Lieblingsstück“. Die Zielrichtung des „deutschen Requiems“ beeindruckt nicht minder: Brahms, der hier als geborener Protestant schon sich immer weiter von der Kirche entfernt hatte, bediente sich doch Bibeltexten für sein Werk, allerdings selbst gewählten (nicht denen der katholischen Requien) in deutscher Sprache – um damit die Hinterbliebenen zu trösten. Seine Textauswahl war genial und ist verbunden mit einer nicht minder genialen Musik. So darf es nicht verwundern, dass das „deutsche Requiem“ in mehr oder weniger geringen Abständen in Kamen aufgeführt wird.

Musikkritik: Musikalische Vesper in der Margaretenkirche: Händel in guten Interpretationen

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Kamen. Am Sonntag richtete der Kammermusikkreis der Evangelischen Kirchengemeinde Methler unter Leitung von Jochen Voigt eine Musikalische Vesper in der Margaretenkirche aus. Auf dem Programm standen ausschließlich Werke von Georg Friedrich Händel, sieht man einmal von der Zugabe ab. Als Solisten bzw. Solistinnen traten auf: Clara Busemann (Harfe), Elisabeth Natzel (Violine) und Katarzyna Grabosz (Sopran). Die Solopartien der Flöten (Travers- und Blockflöte) spielte Jochen Voigt.

Zuerst gab es das Concerto grosso G-Dur HWV 314 für Violine, Traversflöte, Streicher und Basso continuo. Es ist ein sehr händeltypisches Werk, was die Kompositionsstruktur anbetrifft; manche Melodien und Phrasen glaubt man zu kennen, weil ähnliche in anderen Händel-Werken auftreten. Dieser Erkennungscharakter darf aber nicht über die hohe Professionalität hinwegtäuschen, die intime Kenntnis Händels über die Anlage von Concerti grossi. Die Ausdrucksfülle des Werkes ist sehr ansprechend, wenn die Interpretation gelingt. Und sie ist hier zweifellos gelungen. Schwungvoll agierten der Kammermusikkreis und die Solisten, gaben auch das Adagio mit angemessener Ruhe, aber im Ausdruck sehr bedeutungsvoll. Gelungener Anfang!

Es folgte das Konzert B-Dur HWV 294 für Harfe, zwei Blockflöten, Streicher und Basso continuo. Dieses Werk gehört zu den sehr bekannten Kompositionen Händels, in der Harfenliteratur ist es sowieso Pflicht für jede Harfenistin und jeden Harfenisten. Die Interpretation war entzückend und von hoher Qualität - was natürlich auch mit der Solistin Clara Busemann zu tun hatte, aber nicht nur: Jedes Solo gelingt nur dann gut, wenn die Einbettung oder der Dialog (mit dem Ensemble) gelingt. Und hier waren Einbettung und Dialog sehr gut und günstig für den Klang. Sehr beeindruckend, die Leichtigkeit, mit der der Kammermusikkreis bei einem sehr guten Klangbild das Werk nahm. Clara Busemann bewies eine gute Virtuosität, die gerade bei den schwierigen Stellen deutlich wurde. Zu viel Emotionalität wurde vermieden - und das ist bei diesem vorwärtsstrebenden Werk genau richtig; mehr Verspieltheit ist nötig, das klappte vorzüglich.

Das Konzert B-Dur HWV 288 für Violine, Streicher und Basso continuo hingegen hätte mehr Esprit gebraucht. Es wurde zumindest in Teilen zu schleppend interpretiert. Die Geigensolistin Elisabeth Natzel, die sonst hervorragende Qualität bewies, hatte zu kämpfen und traf in einzelnen Abschnitten nicht immer den richtigen Ton. Der Gesamteindruck war zwar durch das Überwiegen gut gelungener Partien nicht schlecht, er hätte angesichts der anderen Leistungen des Abends aber definitiv besser sein können.

Strahlend dann aber das abschließende "Gloria in excelsis Deo", HWV deest, mit der Gesangssolistin Katarzyna Grabosz. Ihre unaufgeregte, etwas zurückgenommene Interpretationsart beeindruckte, wenn sie auch das Vibrato teilweise etwas hätte ebenfalls etwas zurücknehmen können. Auch der Kammermusikkreis war wiederum im Vortrag und in der Abstimmung mit der Solistin herausragend. So endete dann ein gelungener Konzertabend, unterbrochen von Psalm 33, Bibellesung und Gebet mit Vaterunser.

Aber er endete nur fast so, denn nun war das Publikum zur Zugabe gefordert. Gemeinsam mit dem Kammermusikkreis wurde das "Gloria sei Dir gesungen" aus Bachs Kantate "Wachet auf, ruft uns die Stimme", als solitäres Lied im Gesangbuch enthalten, vorgetragen - und so schloss eine beeindruckende Musikalische Vesper.

Musikkritik: Schubert und Brentano treffen sich, arrangiert von Reinhard Fehling: Eine Uraufführung der besonderen Art

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Kamen. Der Komponist Franz Schubert ist tot. Der Dichter Clemens Brentano auch. Beide schon ziemlich lange. Zu Lebzeiten besuchten diese Wegbahner der Romantik vermutlich einige der gleichen Aufführungen, trafen sich aber nie persönlich. Inhaltlich und - oder biographisch verbindet sie Einiges, daher verwundert es, dass sie nie etwas miteinander zu tun hatten. Und trotzdem trafen sie sich am Samstagabend in der Konzertaula - posthum und durch einen Dritten, einen großen Kamener Musiker, arrangiert. Unter dem Titel "Märchen, Nacht und Träume. Ein Treffen der Herren Schubert und Brentano, nachträglich arrangiert von Reinhard Fehling" gab es ein besonderes Konzert, zugleich Uraufführung dieses "Arrangements", was insbesondere freilich die Brentano-Vertonungen Reinhard Fehlings betrifft.
Mit seinem Chor "Die letzten Heuler" und dem Instrumentalensemble "Les Sirènades" sowie den Gesangssolisten Julia Grüter (Sopran) und Michael Dahmen (Bariton) hat Reinhard Fehling, der selbst dirigierte und Klavierpartien übernahm (insbesondere Gesangsbegleitung) ein großes neues Kunstwerk geschaffen, das neben der Musik auch viel Wert auf den Text legte, der teilweise gelesen wurde, teilweise eben gesungen und zum Teil verschmolzen gelesene Teile mit gesungenen. Von den "Letzten Heulern" trugen mehrere, zum Teil abwechselnd, gelesene Partien vor; der längste Vorlesepart war das "Märchen vom Myrtenfräulein" Brentanos. Eine Moderation, eigentlich ein in Segmente geteilter Vortrag der geschichtlichen und biographischen Hintergründe von Schubert und Brentano - auch Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzählend (wesentliche Aspekte hat Fehling auch im Programmheft vorbildlich aufgearbeitet; unbedingt aufhebenswert!). Mit diesen Elementen erinnerte alles eigentlich an einen Abend in einem bürgerlichen Salon - oder eine "Schubertiade", wie die salon-ähnlichen Abende mit Schubert genannt wurden, bei der man sich aber eher im engeren Freundeskreis traf. Das war so beabsichtigt und so bemühten sich Mitwirkende, das in die Konzertaula eintretende Publikum sofort nach vorn zu dirigieren, so dass sich möglichst alles um die Bühne konzentriert und alle nahe beieinander sitzen. Mehr noch, auch auf der Bühne waren Sitzplätze installiert, die Ensemble und Chor flankierten; allerdings trauten sich nur wenige Zuhörerinnen und Zuhörer, hier "auf dem Präsentierteller" Platz zu nehmen. 

Das Programm war zweiteilig, durch die Pause getrennt. Zunächst gab es Schubert-Lieder. Fehlings Affinität zu Schubert ist ja schon durch diverse Aufführungen bekannt. Wieder einmal gelang es ihm, mehr als nur eine Aneinanderreihung von Liedern zu schaffen - durch Erläuterungen, durch Ineianderschachteln von Text und Musik - und allein schon durch die Abfolge der Lieder. Zur Instrumentierung sei noch gesagt, dass das Ensemble nicht nur die üblichen Instrumente der klassischen Musik umfasste (Violine, Viola, Cello, Flöte, Fagott, Klarinette und Horn), sondern sehr exponiert auch eine Gitarre, teilweise harfenklangartig, grundsätzlich aber auch ein Instrument, das sowohl Schubert als auch Brentano beherrschte - für Schubert in seinen frugalen Kammern und Armenwohnungen das einzige Instrument, mit dem er komponieren konnte (Klaviere waren im Alltag oft unerreichbar). "Nacht und Träume", "Wanderers Nachtlied", "Die bist die Ruh'" waren Chorlieder, die die "Letzten Heuler" mit einer unglaublichen Professionalität herüberbrachten. Häufig sind es die Soprane, die in den hohen Lagen etwas patzen - hiervon war kaum etwas zu bemerken; im Gegenteil, sang der Sopran allein, war das zauberhaft, feenhaft! Reinhard Fehling hatte für das "Ave Maria", den ersten Auftritt der Sopranistin Julia Grüter, ein besonderes Arrangement bereitet: ein Teil aus Brentanos "Szene aus meinen Kinderjahren" wurde mit Schuberts Anbetung der jungfräulichen Gottesmutter verwoben - dazu trug Fehling das Gedicht vor, während er die bekannte Melodie auf dem Klavier bereits vortrug; Julia Grüter setzte dann ein. Eine sehr bemerkenswerte, die inhaltliche Verknüpfung der Werte betonende Vorgehensweise.

Julia Grüter sang die "Litanei auf das Fest Allerseelen", dann setzte Michael Dahmen mit seinem sanften Bariton ein und intonierte "Im Abendrot", "Frühlingstraum" und "Des Baches Wiegenlied". Bei "Auf dem Wasser zu singen" sangen Bariton und Chor gemeinsam - in großer Dichte und Geschlossenheit, traumhaft und schön. Noch besser: "Der Wanderer" - sehr munter sangen Grüter und Dahmen zusammen mit dem Chor und führten das Publikum gut gelaunt in die Pause.

Eine große Erwartung stand vor dem zweiten Teil, Fehlings Brentano-Vertonungen. Clemens Brentano gehört zu den großen romantischen Dichtern, dennoch wurden nur wenige Vertonungen von Komponisten vorgenommen. Fehling vermutet im Programmheft, dass Brentanos Dichtungen vielleicht schon selbst Musik sind, unvertonbar, weil schon Vokalklänge und Sprachrhythmus in Brentanos Sprache liegen. Dennoch hat Fehling es versucht. Wer nun auf Vertonungen in Schuberts Stil hoffte, der hoffte vergebens. Reinhard Fehling benutzte eine eigene Tonsprache - spätromantisch und doch klar und durchscheinend, relativ einfach in der Struktur; vielleicht um die Worte und Rhythmen des Dichters möglichst wenig zu entstellen (kritisiert er doch im Programmheft Brahms und Strauss, die sich an Brentano versuchten und wenig Gutes dabei herauskam, weil die Musik seine Texte geradezu erwürgt). Heraus gekommen sind dabei aber durchaus gute musikalische Strukturen, die die Worte stützten und wenig effekthascherisch wirkten. Nach dem "Eingang", der wirklich wie ein Prolog für das Kommende wirkte, sehr interessant die "Phantasie", wobei die gesprochenen Strophen von hereinkommenden Musikern mit ihren Instrumenten (Flöte, Klarinette, Fagott, Horn) musikalisch durchsetzt wurden. "Der Spinnerin Nachtlied" war serenadenhaft strukturiert, mündete in einen leicht heiteren, aber abschließend melancholischen Klang.

Nun folgte das Hauptstück, das "Märchen vom Myrtenfräulein" - ein feines Märchen mit einem wunderschönen Grundtenor, das aber alle Elemente des Märchens vereinte, bis hin zum splatterartigen Mord, einem guten Ende mit Bestrafung der bösen Mörderinnen. Fehling beschränkte sich mit der Vertonung einzelner Teile des Märchens, die überwiegend schon als Lieder bezeichnet waren; der größte Teil wurde vorgelesen - was vielleicht einige Längen verursachte, aber das war nun gewiss Absicht des Komponisten. Die zarte Melancholie, die auf den meisten Stücken lag, wurde schlagartig mit dem Hochzeitstanz am Ende durchbrochen - einem bayerischen Volkstanz, wie er auch von Gustav Mahler schon in Werken eingebaut wurde. Das wurde dann auch in Wiederholung die Zugabe, zu der Reinhard Fehling dann sogar - sehr moderat - tanzte.

Als Finale wählte Fehling zuvor das Gedicht "Sprich aus der Ferne", nach seiner Aussage sein Brentano-Favorit. Und so hatte er sich bei der Komposition ohrenscheinlich noch mehr ins Zeug gelegt. Die Interpretation war jedenfalls allseits sehr engagiert, sehr vorwärtsstrebend, sehr dynamisch und sehr glänzend. "Sprich aus der Ferne / Heimliche Welt / Die sich so gerne / Zu mir gesellt": ein strahlender Abschluss eines Gedichtes mit Strahlkraft und von beseelender Genialität. Ein begeisterter Applaus war dem Komponisten gewiss, von einem nicht ganz kleinen Publikum - obwohl man sich eine noch vollere Aula gewünscht hätte. Reinhard Fehling jedenfalls bewies einmal mehr seine Kreativität, seinen Einfallsreichtum, seine kompositorischen Fähigkeiten und seine Vortrefflichkeit, Gesamtkunstwerke zu schaffen. Wie es Schubert und Brentano gefallen hätte, kann man nicht wissen, aber es gereichte beiden zur Ehre - es wurde eine gelungene Hommage an beide.

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