Musikkritik: Die Sonne kam dann doch – zum glänzenden russischen „GSW Kamen Klassik“-Abend

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Klassik717CVDie Sonne kam dann doch – zum glänzenden russischen „GSW Kamen Klassik“-Abend. Foto: Christoph Volkmer für KamenWeb.devon Dr. Götz Heinrich Loos | Fotostrecke >>> (Christoph Volkmer)

Kamen. Ein kleines Jubiläum feiern konnte am Sonntag die Open-Air-Konzertreihe der Neuen Philharmonie Westfalen „GSW Kamen Klassik“. Seit zehn Jahren kann man diesem schönen „inoffiziellen“ Abschluss der Saison der großen klassischen Musik oder vielmehr der Neuen Philharmonie Westfalen auf Kamener Boden beiwohnen. Bürgermeister Hermann Hupe ließ es sich nicht nehmen, in einer kleinen Ansprache darauf ausgiebig hinzuweisen – wie er auch die GSW als Hauptsponsor ins Licht rückte. Und in der Tat: Was hier geschaffen wurde, ist eine kleine Sensation – zumal das Programm auch nicht anspruchslos ist. Dieses Mal waren es ausschließlich Werke von russischen bzw. auch sowjetischen Komponisten.

Das Wetter spielte mit; eine halbe Stunde vor dem Konzert schauerte es noch etwas über dem Platz vor der Stadthalle, zum Beginn war es noch wolkig, aber keine Regentendenz mehr – zum Ende kam sogar die Sonne heraus… Es blieb also beim Open-Air. Leider hatte das Wetter wohl einige potenzielle Zuhörerinnen und Zuhörer abgeschreckt; jedenfalls war es schon voller in den letzten zehn Jahren.
Florian Ziemen, der Generalmusikdirektor am Theater Niedersachsen, war der musikalische Leiter des Abends, der auch zwischendurch einige Bemerkungen zu den Werken tätigte und freilich die Werke ansagte.

 

Mit Glinkas bekannter schwungvoller Ouvertüre zur Oper „Ruslan und Ludmilla“ startete das Programm. Angenehm transparent war die Interpretation, aber für meine Begriffe zu langsam. Fünf Werke von Tschaikowskij folgten: der bekannteste Walzer aus dem „Dornröschen“, die allseits bekannte Szene aus „Schwanensee“, ebenfalls daraus dann der „Tanz der kleinen Schwäne“ sowie der Blumenwalzer aus dem „Nussknacker“, soweit die Ballettstücke des Komponisten. Sie waren in der Interpretation alle herausragend, abgesehen von einigen Passagen im „Dornröschen“-Walzer, wo ich mir Flöten und Oboen akzentuierter gewünscht hätte. Dass die kleinen Schwäne etwas langsam watschelten, d.h. dass es auch schneller geht, möchte ich aber gar nicht weiter anmerken; in Ballettaufführungen wird je nach Zweck dieses Stück mal schneller, mal langsamer gespielt.

Von größerem Interesse für mich war die Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ – das ist wahrhaft großer Tschaikowskij, mit einer Musik, die einem heiß und kalt werden lässt. Die Interpretation ließ keine Wünsche übrig. War das Bisherige eher Standardrepertoire, so konnte man hieran wieder ermessen, welchen Stellenwert das Orchester hat: Nämlich einen Spitzenplatz, einen Erstrangigen.

Auf die Pause folgte zunächst „Das große Tor von Kiew“ aus Mussorgskijs „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchestrierung von Ravel. Bombastik und Zartheit liegen hier eng beieinander – und doch gab diese Interpretation unter Florian Ziemen etwas Neues: Die bombastischen Teile besonders des Anfangs klangen sehr marschartig, keineswegs schlecht, aber doch anders und eben interessant.

Rachmaninows „Vokalise“ op. 34, Nr. 14, wurde anschließend intoniert – eigentlich auch Pflichtprogramm, aber dennoch sehr berührend gespielt. Drei Stücke aus Prokowfjews „Romeo und Julia“-Ballett: „Julia als junges Mädchen“, die „Balkonszene“ und der „Tanz der Ritter“ – alle sehr unterschiedlich, aber hervorragend interpretiert. Wiederum war hier die Durchsichtigkeit des Klanggebildes besonders spannend angelegt, sogar im „Tanz der Ritter“, der durch tiefe Blechbläser und Streicher sonst etwas dicht-schwerfällig werden kann.

Aram Khatchaturian war nachfolgend mit zwei Stücken aus seinem Ballett „Gayaneh“ vertreten: „Tanz der Rosenmädchen“, grazil und zart; dann der sehr bekannte „Säbeltanz“, in einer sehr angemessen nachvollzogenen Dynamik und entsprechenden Tempo – das Publikum zeigte sich begeistert.
Das Ende des Abends nahte mit der „Berceuse“ und dem Finale aus Strawinskijs Ballett „Der Feuervogel“ – das anrührende Thema wunderbar ausgebreitet, mit schönem Hörnerklang.

Natürlich musste es Zugaben geben: Der bekannte Walzer aus Tschaikowskijs Oper „Eugen Onegin“ zu Beginn – ebenso frisch interpretiert wie die anderen Werke und in jeder Hinsicht perfekt. Dies gilt genauso für das letzte Werk des Abends: Walzer Nr. 2 aus Schostakowitschs zweiter Jazz-Suite – inzwischen sehr bekannt aus Film, Fernsehen und Radio inklusive – zu meinem Leidwesen – der Vereinnahmung durch André Rieu. Letzteres führt sogar so weit, dass einige Damen im Publikum doch verwundert waren, was Rieus Musik hier machen würde; eine sehr strafwürdige Unkenntnis, wie ich finde!! Doch ehe ich hier zum arroganten Besserwisser mutiere, schnell ein Resümée: Der Neuen Philharmonie Westfalen würdiges, durchaus anspruchsvolles Konzert, auch mit bekannten, aber nicht leichten Melodien. – Und ein Ausblick: Weiter so! Auf die nächsten zehn Jahre!

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