Musikkritik: 1. Sinfoniekonzert der Spielzeit 2021/2022 der Neuen Philharmonie Westfalen: Mehr Auftakt war niemals - und grandios dazu

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Musik

von Dr. Götz Loos

Musik Datei176696959 Urheber abstract fotoliaDatei: #176696959 | Urheber: abstract | fotolia.comKamen. Fast ein Jahr lag das letzte Sinfoniekonzert der Neuen Philharmonie Westfalen zurück. Die Pandemie hatte allen zwischenzeitlichen Versuchen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch am jetzigen Mittwoch gab es einen neuen Anfang mit der neuen Saison. Michael Makiolla, neuer Vorsitzender des Fördervereins der NPW, thematisierte nach Roland Vespers Einführungsvortrag die  Problematik und plädierte leidenschaftlich für Kultur, Musik und das Orchester - das ihm schon in seiner Zeit als Landrat besonders am Herzen lag.
 
Dann aber endlich wieder Musik auf der Bühne. Auch hier - wie im Publikum - noch die Corona-Vorschriften, weshalb Brahms' “Akademische Festouvertüre“, eigentlich vorgesehen, wegen zu vieler Musiker auf der Bühne nicht gebracht werden konnte. Aber das “Restprogramm“ bot mehr als Hinreichendes. Zunächst die Ouvertüre für Orchester “Sakuntala“ von Karl Goldmark, in Kamen vermutlich erstmals zu hören, da die teilweise zu Lebzeiten Goldmarks sehr populären Werke heute viel zu wenig aufgeführt werden. Dies ist wieder einmal wesentlich dem Nationalsozialismus zu “verdanken“, der die Werke des aus einer jüdischen Familie stammenden Komponisten bannte und dieser Schaden nach 1945 nachwirkte. Umso wichtiger ist es, heute alle Gelegenheiten zu nutzen, dem Publikum die Stücke wieder nahe zu bringen. “Sakuntala“, Goldmarks Durchbruchswerk, ist dazu eine gute Gelegenheit, da es ein gefälliger Ausdruck der Spätromantik ist. Und die Interpretation war einzigartig. Orchester und GMD Rasmus Baumann brachten eine zugleich schwungvolle, tiefgehende und transparente Darbietung.
 
wph 150921DGLFoto: Dr. Götz Loos für KamenWeb.deGoldmarks Ruf brachte Jean Sibelius dazu, bei ihm in Wien Unterricht zu nehmen. Und über dessen Ruhm muss heute kaum mehr geredet werden. Das Konzert für Violine und Orchester d-moll, das nächste Werk auf dem Programm, gehört zu Sibelius' wohl bekanntesten Werken. Freilich ist es in Teilen herb und schroff, bringt aber nicht minder melodiöse, eingängige Motive. Und es verlangt dem Solisten, hier Kirill Troussov, einiges an Virtuosität ab. Jedenfalls begeisterten Troussov und NPW das Publikum - völlig zurecht, denn der charakteristische “Sibelius-Klang“ wurde in glänzender Weise absolut getroffen und Troussovs Spiel wirkte ganz intuitiv, selektiv nach Gefühl des Solisten - gut gewählt - betont und zu keiner Zeit mechanisch. Eine Sonate für Violine solo (Nr. 3) von Sibelius war die nicht minder herausragende Zugabe.
 
Das letzte Werk des mit “Vorbilder“ überschriebenen Abends war Schumanns vierte Sinfonie. Hier ist bei jeder Interpretation insbesondere das gewählte Tempo von Interesse. Während Sibelius also in Goldmark ein Vorbild sah (jedenfalls in Teilen), war Schumann an Beethoven orientiert - und schuf mit dieser Sinfonie, eigentlich schon früh (da die später so genannte Vierte in erster Fassung kurz nach seiner Ersten komponiert worden war), doch etwas Eigenes: Eine Folge der Sätze ohne Pausen (“attacca“) und zudem eine in Vielem eigene Handschrift, die die musikalische Romantik erheblich voranbrachte. Die Einleitung dieser Sinfonie in d-moll wird in vielen Einspielungen langsam vorgetragen, wodurch das feierliche Thema aber wie eine Trauermusik klingen kann, was Schumann gewiss nicht intendiert hat. Rasmus Baumann wählte hier wie für die ganze Sinfonie ein schnelleres Tempo, was sehr gut tat. Manches klang dadurch kantiger, wilder, ungezähmter - bei generell bester Aufführungskonformität und souveräner Einsatzsicherheit der Stimmen (also wie gehabt!). Der vierte Satz (Presto) geriet dadurch zum reinsten Feuerwerk. Das leichte Innehalten in der Romanze (zweiter Satz) war nur kurzes Intermezzo im sonst rastlosen Spiel. Dafür gab es stehende Ovationen - bravissimo für den Auftakt, den Neuanfang!
 

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