GeEl's MusiKolumne: Was ist "richtige" Weihnachtsmusik?

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Musik

von Dr. Götz Loos

Musik Datei176696959 Urheber abstract fotoliaMehr Musik als sonst? Man hat in der Weihnachtszeit den Eindruck, denn überall scheint weihnachtliche Musik jeder Gattung auf uns einzuschallen, ob im Laden, auf den Weihnachtsmärkten, im Radio und Fernsehen sowieso, viele Weihnachtskonzerte (jedenfalls mehr als zu Ostern...) etc.

Die leichtere Muse wird mit Evergreens bedient wie "Last Christmas" von Wham oder "Driving Home For Christmas" von Chris Rea; letzteres übrigens guter Swing, nicht belangloser Pop! Dennoch kommen gerade diese immer wieder gespielten Songs manchen zu den Ohren raus oder werden zu "Running Gags" (so auch innerhalb von KamenWeb - nicht wahr, Armin?). Gleiches gilt für die ewig gleichen Weihnachtslieder - für die einen ein nicht zu missender Inbegriff von Weihnachten, für die anderen aber aufgezwungen und nervig. Da hilft auch die 135. TV-Reportage über die Entstehung von "Stille Nacht" nicht. Und tatsächlich ist das gute Dutzend an allen bekannten Weihnachtsliedern eine Auswahl unter hunderten - schade, dass man sich da zu wenig um Entdeckung und Breitenwirkung kümmert.

Viele Leute bemerken um Weihnachten mehr als sonst ihre klassisch-musische (im weiten Sinne) Ader, dabei sind es häufig Werke aus dem Barock. Der Standard ist Bachs Weihnachtsoratorium, aus dem zumindest die ersten drei Kantaten zu Gehör kommen - in Kamen vergeht kaum ein Jahr ohne entsprechende Aufführungen; so auch am letzten Wochenende mit Evangelischem Kammerchor und Kantorei. Immer wieder hörenswert und in beachtlichen Interpretationen, aber es ist doch längst nicht alles. Gern wird zu Weihnachten auch Händels "Messias" aufgeführt, in meinen Augen DAS barocke Oratorium besthin - aber genau betrachtet, spielt die Weihnachtsgeschichte darin nur eine Rolle unter mehreren. Das schönste spezifische Weihnachtsoratorium für mich ist allerdings dasjenige von Camille Saint-Saëns. Schon der Eingangssatz mit seinem moderaten Orgelintro und den Motiven in den Streichern geht mir sehr nahe und versetzt mich mehr als andere Stücke in den Eindruck eines besinnlichen, ruhigen Abends, drinnen und draußen, in der Weihnachtszeit. Von Saint-Saëns gab es angesichts seines 100. Todestages kürzlich Vermehrtes in Radio und TV, darunter auch das Oratorium. Mehrfach wurden Interpretationen seiner 3. Sinfonie, der "Orgelsinfonie" (richtiger: Sinfonie "mit Orgel"), gebracht. Wenn auch nicht für Weihnachten komponiert, so kann man dem Werk Weihnachtliches abgewinnen, allein schon weil die Kirchenorgel ein in der Weihnachtszeit gern gehörtes Instrument ist. Aber wer den Film "Ein Schweinchen namens Babe" in der Weihnachtszeit 1995 im Kino gesehen hat, dem wird die Musik unvergesslich sein, eben das prächtige Thema aus dem 4. (bzw. 2.2.) Satz genannter Sinfonie, das dort sowohl im gekürzten Original auftaucht als auch bearbeitet aus dem 70er-Jahre-Reggae-Popsong "If I Had Words" (Scott Fitzgerald/Yvonne Keeley) - zeitweise Dauerbrenner auf WDR 2 (wäre auch einmal etwas für unsere Chöre!). Zu Weihnachten stehen oft die bekannten Ballette von Tschaikowskij auf dem Programm, besonders "Der Nussknacker", der ja am Weihnachtsabend spielt. Das Ballett komplett bekommt man immer wieder im Fernsehen zu sehen, für das reine Hören wurde die "Nussknacker-Suite" vom Komponisten zusammengestellt. Diese beinhaltet zwar beeindruckende ausgewählte Musikstücke aus dem Ballett, man denke an den "Tanz der Zuckerfee" oder den "Blumenwalzer". Das in meinen Augen beste Stück fehlt hier jedoch, der "Schneeflockenwalzer", dessen überirdische Klänge in eine besinnliche Winterwald-Atmosphäre mit sanftem Schneegestöber führen. Russische Komponisten haben generell einige weihnachtliche Werke geschrieben, das meiste davon ist bei uns leider wenig bekannt. Gleiches gilt weithin für skandinavische Weihnachts- und Adventsmusik, insbesondere ungezählte schöne, eingängige Lieder. Genannt seien hier unter vielen die Komponisten und Arrangeure Gustaf Nordqvist aus Schweden ("Jul, Jul, strålande Jul"), der Däne Niels La Cour ("Hodie Christus natus est") und der Norweger Ørjan Matre ("Eit barn er født in Bethlehem"). Und auch der an sich in der Kirchenmusik bekannte Brite John Rutter hat viel mehr Gutes geschaffen und arrangiert als die Handvoll bei uns immer wieder aufgeführter Chorlieder.

Da bereits Filmmusik erwähnt wurde, so ist zu bedenken, dass viele US-amerikanische Weihnachtslieder durch ihr Auftreten in Hollywoodklassikern berühmt wurden. In jüngerer Zeit war es der geniale John Williams, der für die "Kevin"-Filme ("Home alone") Weihnachtsmusik geschaffen hat, die klingt, als wäre sie schon immer da gewesen (durch das regelhafte Konsumieren der Filme - für Viele mindestens ein jährliches Weihnachtsritual - setzt sich die Musik im Gedächtnis fest). Aber natürlich ragt etwas qualitativ heraus; für mich ist es das zutiefst berührende "Christmas Star" aus "Kevin allein in New York" - ein würdiges Weihnachts-Chorstück. Bei der "West Side Story" mit der Musik Leonard Bernsteins denkt man vermutlich zuerst am wenigsten an Weihnachten. Die aktuelle Verfilmung durch Steven Spielberg hat das Werk neuerlich wieder intensiv in die Medien gebracht. Es ist die zeitlich versetzte "Romeo und Julia"-Geschichte, welche die Menschen anspricht und vielleicht eine Motivation war, den Film über Weihnachten in die Kinos zu bringen. Die Intention der Versöhnung durch Liebe wirkt zu Weihnachten gewiss am ehesten authentisch. Zum Schluss noch zu einem Popklassiker: "We Are The World" - persönlich für mich ein wichtiger Song, weil er 1990 die Hymne unserer Abiturstufe am Kamener Gymnasium war und bis heute auf jeder Nachfeier nostalgische Gefühle erzeugt. Das Stück war eine Reaktion von Musikschaffenden aus den USA auf das vorwiegend europäische (und vor allem britische Pop- und Rockgrößen umfassende) Projekt "Band Aid", das Gelder zum Kampf gegen die Armut und die damit verbundene extreme Hungersnot in Äthiopien zusammenbringen wollte. Band Aid hatte dazu den Song "Do They Know It's Christmas" zu Weihnachten 1984 veröffentlicht. Dieses Lied ist bis in die heutige Zeit ein etablierter Weihnachts-Pop-Song geworden. In den USA wurde dem entsprechend das Projekt "USA For Africa" gegründet; Lionel Richie und Michael Jackson schrieben hierfür "We Are The World", das im Frühjahr 1985 herauskam, also erst einmal mit Weihnachten nichts zu tun hat. Beim intensiven Zuhören fällt allerdings auf, dass man sich anderswo bedient hatte - nämlich bei dem 1962 im Angesicht der Kubakrise von Gloria Shayne rhythmisch ähnlich wie "Little Drummer Boy" komponierte und von Noël Regney mit Text versehene, nachfolgend zum Weihnachtslied gewordene "Do You Hear What I Hear". Die Version mit Bing Crosby (der "White Christmas" populär machte) als Sänger ließ einen Hit daraus werden, eine deutsche Version sang Willy Hagara unter "Lasst den Weg uns gehen" ein. Die Mittelstrophen sind musikalisch identisch mit Teilen von "We Are The World" - und so ist der Song mit einem wenigstens in den USA erfolgreichen Weihnachtslied verbunden.

Lange Kolumne, viel Text. Und es könnten noch so viele hörenswerte Weihnachtsmusiken erwähnt werden... Dazu vielleicht später einmal mehr an anderer Stelle.

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