Musikkritik: "Engel und Dämonen" - romantische Tiefgänge in alle Richtungen

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Musik

6. Konzert der Sinfonischen Reihe der Neuen Philharmonie Westfalen 

von Dr. Götz Loos 
 
mk160222GLKamen. Ein grandioses Programm mit den Romantikern Schumann und Mendelssohn sowie dem Spätromantiker Bruckner lässt viel erwarten. Und wurde nicht enttäuscht, um dies bereits vorab zu sagen. Ja - diese Frage habe ich bereits mehr als einmal in Bezug auf die Neue Philharmonie Westfalen formuliert: Wie schreibt sich eine Kritik, wenn alles von vorn bis hinten ohne jeglichen Makel war? Jedenfalls spricht dann alles für das Orchester; es spricht alles für den Dirigenten - in diesem Fall als Gast der umtriebige Pavel Baleff; und es spricht alles für den Solisten, hier der nicht nur aus der wiederholten Zusammenarbeit mit der NPW in Kamen wohlbekannte Matthias Kirschnereit. Alle leisteten Großartiges und zementierten erneut Ruf und Ruhm der NPW als bedeutendes, erstrangiges deutsches Sinfonieorchester. Also "Engel und Dämonen" als Programm - Gegenpole und doch im Verständnis der romantischen Epoche nicht so weit auseinander. Von Dämonen getrieben ist der Protagonist in Lord Byrons Drama "Manfred". Und die Stimmungsschwankungen sowie die zumeist auf ihn wirkende Mystik inklusive der romantikertypischen Todessehnsucht werden von Robert Schumann in seiner Bühnenmusik dazu glänzend vertont. Zu Gehör kam der bekannteste Teil daraus, die "Manfred-Ouvertüre". Pavel Baleffs Dirigat war exakt und gab in harmonischen Bewegungen bestens vor, wie die Interpretation zu formen war. Und diese brachte die erforderliche herbe Süße, die Brüche und Ausbrüche, die Melancholie, Verzweiflung und zeitweise Erholung ohne irgendeine übertriebene Betonung herüber. Wirklich in Allem so, wie ich es mir vorgestellt hatte.
 
Es folgte das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 g-moll op. 25 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Verehrung und Liebe als romantische Schlüsselthemen leiteten den Komponisten bei der Abfassung des Werkes - diejenige zu einer Pianistin. Mendelssohn baute alle Elemente der Hochromantik in dieses Werk ein, das bis heute so frisch und lebendig wirkt, selbst in seinen Schwärmereien, dass man förmlich überrascht wird. Dahinter verschwindet die sonst für Mendelssohn so charakteristische Tonsprache weitestgehend - er schuf hier etwas Neues; vielleicht war sein Stil auch noch nicht geprägt oder ausgereift (jedoch positiv gesehen). Matthias Kirschnereit setzte seinen Klavierpart genauso frisch und luftig um, mit dem erforderlichen Tiefgang in den träumerischen Bereichen. Es wurde sofort deutlich, dass er das Werk intim kannte und ihm die notwendigen Ausdrucksformen bis ins kleinste Detail bewusst waren. Geradezu ein Hörvergnügen! In der Zugabe blieb Kirschnereit bei Mendelssohn: Aus dem sechsten Heft der "Lieder ohne Worte", op. 67, spielte er das dritte - sehr zurückgenommen, die liedhafte Melodie nicht überbetonend - eine geniale Interpretation.
 
Von der Länge her unfraglich das Hauptwerk des Abends war Anton Bruckners Sinfonie Nr. 2 c-moll (Fassung von 1877). Verglichen mit anderen Sinfonien des Komponisten wird diese deutlich seltener aufgeführt, so dass es gewiss an der Zeit war, sie wieder einmal dem Publikum nahezubringen. Als Bruckner-Verehrer kann ich ganz klar sagen, dass ich voll auf meine Kosten kam. Schon fast in der Manier der Aufführungen Günter Wands gab es keine interpretatorischen Mätzchen wie Verzögerungen, Hervorhebungen, Überbetonungen und dergleichen, die die Partitur so nicht hergibt. Klar und kräftig, die vielen Pausen weniger als Brüche darstellend denn als nötige Elemente im Fluss des jeweiligen Satzes. Kritisch zu spielende Stellen wurden ausnahmslos hervorragend gemeistert. Pavel Baleff bewies sich als Bruckner-Kenner angesichts seiner Vorgaben. Rundum gelungen, rundum mit Auszeichnung. 
 
Bei all diesen Meisterleistungen war es nur schade, dass offenbar der heraufziehende Sturm dafür gesorgt hatte, dass die Konzertaula noch weniger gefüllt war als unter den Bedingungen der Pandemie ohnehin.

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