Musikkritik: Kostbarkeiten der lyrikbasierten romantischen Musik

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Musik

7. Konzert der Sinfonischen Reihe der Neuen Philharmonie Westfalen

von Dr. Götz Loos

Musik Datei176696959 Urheber abstract fotoliaDatei: #176696959 | Urheber: abstract | fotolia.comKamen. Die Neue Philharmonie Westfalen unter ihrem Chef Rasmus Baumann widmete sich dieses Mal Werken mit lyrischer Vorlage - so hieß das Programm schlicht "Lyrik". Nun gibt es Vertonungen von Gedichten, mit und ohne Gesang, wirklich reichlichst in der Kompositionsmenge über die Epochen hinweg und manche Komponisten haben sich regelrecht darauf spezialisiert. Dieses Programm aber war nicht querbeet zusammengestellt, sondern gut durchdacht, wenn man sich die musikalische Sprache näher ansieht. Alle vier sind spätromantischer Natur und doch stehen sie für unterschiedliche Richtungen und zeitlich bedingte Eigenheiten. Die am stärksten abweichende Komposition, wenn man nach Gemeinsamkeiten sucht, ist die Nummer 2 des Programms: "Les nuits d'été" von Hector Berlioz. Berlioz begründete eine der spätromantischen Schulen, mit zuvor nicht gehörten malerischen Klängen. Seine Gedichtvertonungen der Sommernächte mit Sopran und Orchester sind bunt und reichen von Süße bis Schwere und Tragik, der Vortragenden einiges abverlangend. Musikalisch hier wie sonst bei Berlioz bemerkt man einen starken Aufbruch bisheriger Regeln und klare Elemente einer ihm immer wiederkehrenden Tonsprache. Zuvor gab es Claude Debussys "Prélude à l'après-midi d'un faune", das als eines der Einführungswerke des musikalischen Impressionismus sehen kann - Debussy selbst war kein Freund einer solchen Kategorisierung und wollte keine derart schwelgerische Interpretation wie sie heute üblich sind. Dennoch brachte das Ergebnis seiner Stilsuche viel Neues und Freies, ungehörte Melodietypen und -folgen. Und genau solche scheinen in den beiden anderen Werken des Abends auf und enthalten somit Anklänge an Debussy. Das mag beim "Zauberlehrling" von Paul Dukas etwas verwundern, ist es doch fast gar eine Parodie auf Goethes entsprechendes Werk, mit seinem Stampfen, Poltern, Nachzeichnen der Bewegungen, geradezu ein Wegbereiter von betonender Filmmusik (wozu es im Nachgang auch mehrfach benutzt wurde). Die gläsernen Streicherklänge und manche Tonfolgen zeigen eine klare Beeinflussung durch Debussy. Und auch Max Reger hat in seinem Werk "Eine romantische Suite", op. 125, solche Klänge verarbeitet. Er spannt aber darüber hinaus einen breiten Rahmen des Ausdrucks durch alle möglichen Mittel, welche die Spätromantik hervorgebracht hat. Viel zu selten wird diese Suite bei uns in die Konzertsäle gebracht - angesichts des ausgesprochenen Genusses, die sie bereitet.

Zu den Interpretationen des Abends: Debussy gestaltete Rasmus Baumann ohne übertriebene Betonungen, oft tief und schwer gestaltete Passagen gerieten hier viel spielerischer, was mich begeisterte. Und - natürlich - makellos in der Ausführung, einfach hervorragend.

Die Berliozschen "Sommernächte" sahen Anne Schwanewilms als Solistin. Souverän und ausdrucksvoll gestaltete sie die Gesangspartien, bestens dynamisch abgestimmt mit dem Orchester. Dank einer Programmbeilage mit deutscher Übersetzung, besorgt von Roland Vesper, konnte man den Liedtexten gut folgen und die Übersetzung der Wortdramatik in Musik durch den Komponisten nachvollziehen.

Bei Dukas' "Zauberlehrling" kann man kaum etwas falsch machen. Das Werk begeisterte von sich aus, trotzdem leisteten die Musiker in den geforderten Gruppen Großartiges. Für mich am Werk wie in der Interpretation war und ist der Soloeinsatz des herb tiefen Kontrafagotts, das sonst in vielen anderen Kompositionen als Teil der Basslinie kaum hervortritt.

Schließlich zu Regers Suite: Meine Begeisterung für dieses an Eichendorffs Gedichten orientiertes Werk habe ich bereits betont. Der Wandel der Elemente, mit und ohne Übergänge, wurde herausragend dargestellt, vom Anfang bis zum grandiosen Ende. Die vielen Register, die Reger gezogen hat, wurden absolut angemessen und mit ästhetischem Gespür an das Publikum vermittelt. Da blieb in der Tat kein Wunsch offen. Insgesamt demnach ein weiterer Meilenstein in den Leistungen und der Leistungsfähigkeit des Orchesters.

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