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GSW TEST2022

"Astoria" - Reinhard Fehlings Musikfilm mit Witz, Spannung und tiefer Intention

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Musik

Einige filmische und musikalische Beobachtungen

von Dr. Götz Loos

Musik Datei176696959 Urheber abstract fotoliaDatei: #176696959 | Urheber: abstract | fotolia.com"Szenen nach Astoria" möchte Reinhard Fehling den Film lieber geheißen sehen, den er zusammen mit seinen "Letzten Heulern" realisiert hat. Es wurden also Szenen aus der umfangreicheren Vorlage, des Stücks von Jura Soyfer ausgewählt. Sechs Lieder hatte Fehling vertont und die Szenen, die zu diesen Liedern inspirierten bzw. hinführten, waren maßgeblich sowohl für die konzertante und szenische Darstellung, die ich bereits im letzten Jahr in der Konzertaula ansehen durfte, als auch für den im Februar uraufgeführten Film.

Ein ungezwogenes Rahmenprogramm gab es für die Zweitaufführung des Films vergangenen Donnerstag in der Ökologiestation in Bergkamen-Heil. Plauderei und Gesang bei Gitarre, Würstchen und Getränken gab es neben der Führung zu Locations des Films und lockeren, kleineren Vorträgen von einigen der Filmschaffenden, die aus dem Nähkästchen plauderten. Während also die Ökologiestation für die meisten der Außen- und Innenaufnahmen zur Verfügung stand, wurden die Gesangsszenen (in Schwarzweiß) im Kino "Schauburg" in Dortmund aufgenommen.

Alle Lieder - um das Musikalische vorwegzunehmen - wurden herausragend und kraftvoll, mit hoher Professionalität, interpretiert. Das Geheimnis des mächtigen Klangs und des runden, disziplinierten Vortrages durch Chor, dem Ensemble "Wilde 7" und Solisten und Solistinnen bestand darin, dass zu selbst aufgenommenem Playback "drüber" gesungen wurde. Ein wirkliches Erlebnis. Der Grundrhythmus der meisten Songs war derjenige der Arbeiterkampflieder, was Jura Soyfers Intention wohl gut entsprochen hätte. Andererseits ist es schon ein Kunststück, Soyfers bisweilen etwas akrobatische Konstruktionen mit genialen Phrasen, Metaphern und einer überaus klassisch-theatralischen Sprache, die Wortwendungen der Moderne unvergleichbar einrahmt, in Takte zu setzen - was Reinhard Fehling allerdings meisterhaft verstanden hat.

Bei der schauspielerischen Leistung kann man gleichfalls höchste Professionalität attestieren. Michael Kamp, der schon bei der konzertant-szenischen Aufführung Höchstleistungen als Schauspieler wie als Sänger vollbrachte, wuchs über sich hinaus und hauchte dem erst gerissenen, später entglittenen und getriebenen Hupka einen komödiantischen Charakter ein, der seinesgleichen sucht. Überhaupt passen die gewählten Schauspielerinnen und Schauspieler glänzend zusammen. Monika Bujinski als die Gräfin ist sowohl Ergänzung als auch Widerpart und Spiegel zu Michael Kamp.

Claus Dieter Clausnitzer, wohl bekanntester unter den Akteuren, spielt mit größtem Unterhaltungswert den launischen Polizistin. Und auch die weiteren Hauptdarsteller und -innen Barbara Blümel, Harald Schwaiger, Elias Sträter und Birte Hanusrichter erweisen ihrem Fach alle Ehre. Nicht zuletzt ist der wohlbekannte Kamener "Lokalmatador" Bernd Böhne zu erwähnen, der Pistolettis Rolle ähnlich maximal engagiert und professionell lebte wie Michael Kamp den Hupka - bis hin zum Gesang. Kurzum, nicht nur die Zuschauerwirkung ist grandios, man bemerkt zudem den Spaß, den den Darstellenden bei der Arbeit im Gesicht stand. Dem Kameraführer und Cutter Dirk Baxmann muss eine von vornherein positiv stimmungsgeladene Atmosphäre zur Verfügung gestanden haben.

Und so setzten Alle nach bestem Können und Spiel-/Gesangsfreude alle Facetten um, die Soyfer im Original gesetzt hatte - allen Spott, alle Ironie, alle Naivität, alle Botschaft (und in ihrem tiefen Kern umstandslos sichtbar). "Abgewimmelt werden müsst ihr alle, aber wenigstens ordnungsgemäß" - das hat mit Gewissheit jeder verstanden. Und die "Ware" bzw. "Ausschussware Mensch" wurde zu oft betont, als dass es bzw. sie zu überhören gewesen wäre. Reinhard Fehling schaffte dazu besonders dramatische, monoton vorwärtstreibende Klänge - zum "Einbrennen" besonders geeignet.

Bei eingehender Betrachtung war Jura Soyfer seiner Zeit voraus. Die "Aufklärung" durch die Presse, dass die Heimat vom staat verschieden sei, dass die Geographie (bzw. die Räumlichkeit und Gliederung der Welt) "abgeschafft" werden müsse (Stichwort Globalisierung, durchaus in negativer Konnotation) - all das kommt uns heute nicht unbekannt vor. Um das zu verstehen, reichten die gewählten Szenen aus Astoria.

Kleines Bonmot nebenbei: Reinhard Fehling selbst hatte einen Hitchcock-mäßigen Cameo-Auftritt bei der Denkmalenthüllung. Kurzfazit: Film gelungen, Spaß gehabt, Nachdenkliches mitgenommen. Und wer auf den Geschmack gekommen oder jetzt neugierig geworden ist, kann den Film auf DVD oder USB-Stick beim Schöpfer erwerben.

Archiv: Astoria - der Film

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