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GSW TEST2022

"NPW goes POP: Back to the 90s": Open Air mit Vielfalt

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Musik

von Dr. Götz Loos

Musik Datei176696959 Urheber abstract fotoliaDatei: #176696959 | Urheber: abstract | fotolia.comHmm... Da heißt die Veranstaltung "GSW Kamen Klassik" - aber von klassischer Musik kann man da schon lange nicht mehr reden. Gut, einige Stücke sind Crossover - aber wenige. Denn der Klang, den die Neue Philharmonie Westfalen plus Solistinnen und Solisten hier bringt, ist auch in den wenigsten Fällen "klassisch" bearbeiteter Pop und Rock. Da sollte ein neuer Name, ein neues Etikett her. Aber das seien Randnotizen...

Der Untertitel sagte, was man erwarten konnte: "NPW goes POP: Back to the 90s". Und ein mit Zuhörenden reich gefüllter Parkplatz vor der Konzertaula - mit Feieratmosphäre, Getränken, Bratwurst - gab und gibt dem Konzept recht, den Samstagabend zu Beginn der Sommerferien zu einer Tradition eines gefälligen Open-Air-Konzertes etabliert zu haben und endlich weiter fortzuführen.

Es ergaben sich jedoch sehr kurzfristig Probleme, die aufgefangen werden mussten: NPW-Generalmusikdirektor Rasmus Baumann fiel krankheitsbedingt aus und musste gleich durch zwei Personen ersetzt werden, da er nicht nur dirigieren, sondern auch solistisch am Klavier auftreten sollte. Wolfgang Wilger übernahm das Dirigat hervorragend, die Professionalität und deutlich erkennbare Spielfreude der NPW taten ihr Übriges. Deshalb vorab: Das Orchester traf die erforderlichen Klänge abstrichlos zum Besten - Rock und Pop meistert die Neue Philharmonie in gleicher Weise wie sie in ihrem sinfonischen und musiktheatralischen Kern eine herausragende Meisterschaft erlangt hat. Und insbesondere bei "Sex Bomb" (Tom Jones) bekam man zudem eine aufregende Bearbeitung in Big-Band-Art zu hören - in Anlage und Interpretation eine ganz beeindruckende Leistung. Ähnliches kann man zu "Let Me Entertain You" (Robbie Williams) ausführen, nur nicht ganz so gut (aber mit tollen Kapriolen der Posaunen).

Doch bevor Weiteres zum Programm zu sagen ist, Einiges zu weiteren Protagonisten: Carsten Kirchmeier moderierte den Abend - in seiner schon hier bekannten Mischung aus musikhistorischer Kundigkeit, kurzweiligen Episoden (vor allem aus seinem Leben, verbunden mit jeweiligen Songs und Musikrichtungen) sowie durchaus persönlichen Bewertungen - dabei immer mit Witz, Ironie und Intellekt. Einen besseren Conferencier vermag man sich kaum zu wünschen. Und die persönlichen Abneigungen u.a. gegen den triefenden Kitsch des "späten" Bryan Adams (die Kirchmeier sehr ausbreitete, obwohl Adams gar nicht auf dem Programm stand) teile ich uneingeschränkt; seine Ausführungen bereiteten mir jedenfalls rundum Vergnügen.

Die Gesangsparts übernahmen Henrik Wager und Viviane Essig. Es ist freilich immer schwierig, bei ganz unterschiedlichen Gesängen in den Originalen je nach Song den passenden Ton zu treffen, doch in den überwiegenden Fällen gelang es, auch wegen der mitunter erstaunlichen stimmlichen Wandlungsfähigkeit beider. Dem Publikum gefiel sichtlich der Gesang, so dass er gewiss als Erfolg verbucht werden kann. Die Stärke des Gesangsduos lag auch in den häufigen Duetten, die in den Originalen meist gar nicht vorhanden waren - dadurch ergaben sich individuelle Noten und angenehm und spannend Neues für die Songs - qualitativ hochwertig und sehr hörenswert, wenigstens in den meisten Fällen.

Die 1990er Jahre brachten eine Menge an musikalischen Stilen hervor oder etablierten sie, so dass ein quasi "Rundumschlag" im Programm, selbst unter Auslassung extremerer Richtungen, stets als Wagnis angesehen werden muss. Jedoch denke ich, dass dies hier außerordentlich gut gelungen ist - also eine gelungene Auswahl und überwiegend gelungen (oder mehr) in Ausführung und Interpretationen.

Das Konzert startete instrumental mit "Children" von Robert Miles. Mit diesem Pionierwerk des Dreamhouse war dann auch der House-Komplex, der sich in den 90ern stark diversifizierte, für dieses Konzert erledigt. Die ersten wirklichen Songs gehörtem dem Britpop an: "Bittersweet Symphony" von The Verve sowie Oasis' "Wonderwall". Und hier zeigten sich im Gesang von Henrik Wager die ersten qualitativen Differenzen: "Wonderwall" hervorragend, aber bei "Bittersweet Symphony" stimmlich einfach nicht passend. Glücklicherweise blieb dies bei Wagers Vorträgen weithin eine Ausnahme.

Aus dem weitgespannten Programm seien weiterhin erwähnt: Bei "Ironic" von Alanis Morissette und "Torn" von Natalie Imbruglia gelang es Viviane Essig nicht, die Stärke und den Tiefgang der Originalstimmen zu treffen - was aber zuvor bei "What's Up" (4 Non Blondes) bestens glückte. Wiederum bei "Get Here" (Oleta Adams) war mir die Darbietung zu flach.

Stings Songs "Fields Of Gold" und "Shape Of My Heart" wurden passabel herrübergebracht, aber richtig gut war "If I Ever loose My Faith in You" - auch das erste herausragende Duett.

"Shiny happy people" (REM), zweimal Lenny Kravitz, zweimal Jamiroquai (u.a. "Cosmic Girl") waren gesanglich durchaus beeindruckend. Doch die besten stimmlichen Leistungen, verbunden mit einzigartigen Orchester-Arrangements, kamen zum Vorschein bei Metallicas "Nothing Else Matters" (im Original schon Crossover) und - man höre und staune - bei Nirvanas "Smells Like Teen Spirit". Dieser Bahnbrecher des Grunge wurde nahe am Original umgesetzt, das Orchester vermochte die verzerrten Abschnitte einzigartig abzubilden, der Gesang gestaltete sich angemessen rau.

Latin Pop wurde mit verschiedenen Facetten abgedeckt, mit gelungener Dynamik und passendem Gesang: "Let's Get Loud" (Jennifer Lopez),  "Livin' La Vida Loca" (Ricky Martin) und "Mambo No. 5" (Lou Bega). Selbst der schon an sich nervige "Makarena" war - nach köstlicher Kirchmeier-Anekdote - in dieser Interpretation nicht (ganz) übel.

Den einstweiligen Schlusspunkt setzte ein Medley aus den rhythmisch ähnlichen "Gonna Make You Sweat" (C+C Music Factory), "Two Princes" (Spin Doctors) und "Tubthumping" (Chumbawamba) - sehr stark! Doch ganz am Ende kam noch der Wunschsong, den das Publikum im Vorfeld aus drei Vorschlägen auswählen durfte - es wurde "Angels" von Robbie Williams; na ja... - aber gut vorgetragen und so ein schöner Akzent für den Gang nach Hause (und ich war froh, dass es nicht der von mir meistgehasste "Cotton Eye Joe" wurde). Insgesamt ein schönes Konzert, mit musikalisch interessanten Aspekten und viel Vergnügen für das Publikum.

Archiv: Kamen Klassik holt den Pop in Reinkultur auf die hochsommerliche Bühne

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