Gedicht der Woche: Ich kann nicht schwimmen

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Das Vorwort
 
Kamen ist eine Stadt der Literatur, gleich mehrere, auch überregional bekannte Schriftsteller wohnen hier. KamenWeb.de möchte darauf durch die Reihe "Gedicht der Woche" hinweisen.
 

Ich kann nicht schwimmen

Ich weiß,
dass es morgen noch regnen wird
Doch ich habe mir einen Schirm gekauft
einen ganz Großen
mit roten Tulpen bedruckt
Und wenn ich dann morgen
das Haus verlasse
perlen die tropfen daran ab
und ich werde nicht nass
Vielleicht wird mir noch ein bisschen kalt sein
aber ich hab ja jetzt meinen Schirm
Und dann geh ich noch mal in die Stadt
und werde mir eine Jacke kaufen
Und ja dann
bin ich gut ausgestattet
und es kann mir nichts mehr passieren

Es sei denn...
es hört nie wieder auf zu regnen
und das Wasser tritt über die Ufer
und ist dann überall

Ich kann nicht schwimmen!

Bilitis Naujoks

 

Gedicht der Woche: Der Streit

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Das Vorwort
 
Kamen ist eine Stadt der Literatur, gleich mehrere, auch überregional bekannte Schriftsteller wohnen hier. KamenWeb.de möchte darauf durch die Reihe "Gedicht der Woche" hinweisen.
 
Der Streit
 

Du hast mir noch
etwas nachgerufen
batest mich zurück
Ich hörte nicht

ging einfach fort
ohne mich umzudrehen
zu Hause konnte ich
nicht schlafen, der Zorn hielt

mich wach bis
mein Körper
müde wurde
da verstand ich

was du sagen wolltest
mir wurde klar
wie taub ich gewesen war
wollte mich erklären, wollte

dich um Verzeihung bitten
heute bin ich bei dir
aber du bist nicht mehr
da, ich kann es dir

nicht sagen
nie mehr
Ich stehe vor dir und weiß
dass es zu spät ist

Bernhard Büscher

 

Gedicht der Woche: Wetterlage

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Das Vorwort
 
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Wetterlage

Ewig so weitergehen konnte es nicht
Nach ein paar Hitzesommern knüppeltrocken
Endlich wieder ein bisschen Wasser für meine
Bäche, Tümpel Äcker, für deine trockene Kehle
Meinen dröhnenden Kopf, Kälte dann
Bis in den Juli hinein, ein toter Jungvogel
Rosignackt im saftigfetten Gras
Schon wieder gießt es aus Kübeln
Die Bienen drehen völlig durch
Die Honigernte trotzdem gut
Ewig so weitergehen wird es nicht

Gerd Puls

Gedicht der Woche: Geheimnisse

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Wort & Buch

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Das Vorwort
 
Kamen ist eine Stadt der Literatur, gleich mehrere, auch überregional bekannte Schriftsteller wohnen hier. KamenWeb.de möchte darauf durch die Reihe "Gedicht der Woche" hinweisen.
 
Geheimnisse

Über Wasser kann ich laufen
und eine Sprache sprechen, die ihr nicht sprecht
Süße Geheimnisse haben sich mir offenbart
Singen kann ich
meine Stimme läuft über das Wasser
bis hin zur Nachtigall auf dem Zweig
Der Fisch sah sie als Futter an und nahm sie mit zum Meeresgrund
Der Vogel nahm sie mit zu seinen Kleinen, sie zu füttern mit meinem Geheimnis
Ich laufe weiter
doch trotz all der Sprachen
versteht mich keiner
Umgeben von Eichen und Pinien
erfüllt mich Freude
An mir vorbei fließt der Fluss
und ich flüstere meinen Wunsch:
Wenn ich nur wäre

Das zweite Geheimnis
Ich stach mich in den Finger
aus ihm floss eine rote Rose ...
Die Blume der Liebe! Die Blume des Schmerzes!
Ich weinte und mit mir weinte die Erde
Doch ich versprach ihr
wir würden, wenn wir groß sind
eine andere Blume kaufen

Das dritte Geheimnis
Ich vergrub mein Spielzeug
um einen Ort für die Geheimnisse zu haben
Ich vergrub meine Puppe
und während alle davonliefen
sah ich den Himmel entschwinden
Wir liefen durch Wälder
und auf Schienen
Da sah ich mein Spielzeug
bei einem Kind
Ich bat es: Gib mir meine Puppe
Es antwortete: Sie gehört mir
ich pflückte sie vom Puppenbaum
Sie glich meiner aufs Haar

Das vierte Geheimnis
Die Schwalbe
sinkt herab und steigt erneut in den Himmel
Wir bauten uns ein Spiel
schichteten Steine zu Stapeln
und warfen Stöckchen zwischen sie
Nie gelang es mir zu treffen
doch immer, wenn ich die Hände ausstreckte
fing mich eine Schwalbe ein
trug mich zum Himmel, seine Farben aufzulesen
und brachte mich zurück
Die Farben wurden zu einem Zauberstab
doch keiner glaubte mir
dass immer, wenn ich die Hand öffnete
ein Regenbogen aus ihr stieg

Das fünfte Geheimnis
Gib mir deine Füße
und nimm meine Schuhe
Mein Leben rollte davon
Ich lief ihm hinterher
Bückte mich, es aufzuheben
Wie ein halber Baum, der sich standhaft hielt
bete ich für die, die einst in meinem Schatten saßen
Meines Körpers Rest ist eine Wolke
die den Weg mir weist
wie die Fäden einer Spinne
Wie ein Sonnenfenster
esse ich die Zeit auf
und hänge die Fragen als Fragezeichen
an meine Ohren
In einer anderen Welt
in der es nichts Böses gibt
kümmere ich mich um meine Seele
Vergiss nicht, meinen Leichnam zu hüten

Das letzte Geheimnis
Die Wahrheit wird mit dir sterben
und von dir wird nichts übrigbleiben als ein Buch
An jedem Bahnhof lassen wir eine Tasche zurück
in der ein Baum ist
ein Stück Himmel und ein Stück Erde
dann
kaufen wir Strümpfe und eine Uhr mit der neuen Zeit
Das Land, das in unseren Erinnerungen herumlungert
ist geflohen
Noch immer bewahr ich mir mein wildes Haar
geerbt von meinen Ahnen
Mit einem weißen Vogel im Herzen
zittere ich noch immer bei jeder Melodie
als gehörte ich zu jedem Ort
Liebe ist harmonisch
und die Musik flirtet mit dem Tanz
Das Geheimnis:
Ich übe der Musik mein Dasein ein

Kholoud Charaf

Etwas über Beuys und meinen Vater

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Wort & Buch

von Gerd Puls

Schwierige Sache, finde ich, das mit dem Beuys.

Foto: Gerd PulsGerd PulsInterpretationsspielraum reichlich, Eindeutiges, zum Glück, ziemlich wenig. Schließlich handelt es sich um Kunst. Schwierige Sache, das merkte schon Bruder Johannes, Wissenschaftsminister anno dazumal, als Politiker, fast ausnahmslos Männer, stets stocksteif im graumäusigen, konservativ-bürgerlichen, oder hochherrschaftlich gediegenen Habitus am Rednerpult standen, noch steifer durch die Gegend stolzierten als heutzutage, noch gestelzter daherredeten und ihre Phrasen und Worthülsen absonderten als heute, 50 Jahre später.

Bruder Johannes kam aus dem Bergischen, hatte es nicht leicht mit dem aufmüpfigen Kunstprofessor vom Niederrhein, geboren in Krefeld, wobei der Joseph doch viel lieber in Kleve zur Welt gekommen wäre, warum auch immer. Am 12. Mai vor hundert Jahren, 1921 war das, mein Vater Heinz wurde ein Jahr später in Westfalen geboren, was erst mal nicht besser, aber auch nicht schlechter war.

Kindheit und Jugend für beide, für Joseph und Heinz, bestimmt keine Idylle. Hineingeboren in eine Zeit, geborgen im Schoß ihrer Familien, das vielleicht. Zugleich bestohlen, ihrer Kindheit, ihrer Jugend beraubt, eingefangen und vereinnahmt vom Nationalsozialismus, für dessen Hitlerjugend sie dann, zehn, zwölf Jahre später, genau das richtige Alter hatten. Zehn oder fünfzehn Jahre alte Jungen, die bis dahin kaum etwas anderes kannten. Strenge in Elternhaus und Schule, vielleicht etwas Religion, vor allem aber Parolen und Einvernahme, verbunden mit Drill und Stumpfsinn an Orten, an denen es eigentlich um Entwicklung, Reife, Bildung gehen sollte, um Menschlichkeit, Geborgenheit, Sicherheit, auch Perspektive. Doch vielleicht fanden sie all das dann genau dort, in den dumpfen Parolen, bei den ritualisierten Zusammenkünften der Pimpfe, auf dem kalten Appellplatz, in den stickigen Stuben der Hitlerjugend, in jener trüben, großsprecherisch-großkotzigen Zeit, und die jungen Kerle waren geblendet, begeistert, gefangen, vereinnahmt, locker einkassiert. Und dann, kaum erwachsen, immer noch so verdammt jung: alles verloren. Ewige Hitlerjungen konntet ihr bleiben, so oder so.

»Erwachsen« war man damals viel früher als heutzutage. Den Eltern nicht mehr auf der Tasche liegen, endlich auf eigenen Füßen stehen, was so die Argumente waren. Das mit dem Erwachsenwerden war meist nur die halbe Wahrheit, schön dahergeredet, nur eine Floskel, irgendwie falsch, verlogen, von außen bestimmt.

Schwierige Sache, das mit dem Beuys.

Die Verhältnisse eben. Damals so, heute eben anders, ließe sich resignierend sagen. Die Verhältnisse eben, die Jungen wie Joseph Beuys oder meinen Vater dann »auf eigenen Füßen« nach Polen und Russland brachten, nach Norwegen, Griechenland oder Nordafrika. Wehrmachtssoldaten, junge Kerle meist, ob sie nun »felsenfest« ans faschistische Großdeutschland glaubten und dafür kämpften oder nur »mitliefen« und dabei manchmal, selten, vielleicht gar zweifelten. Auch das soll es ja gegeben haben, und mein Vater, wenn überhaupt, war vielleicht auch ein »Mitläufer«, vielleicht, weil er nichts anderes kannte. Schwierige Sache. Mein Vater ist nie gern „mitgelaufen“, ist den Zusammenkünften lieber ferngeblieben. Das ist verbürgt, nicht bloß, weil er seinen Ausweis zerknüllte.

Bei Joseph Beuys muss es doch ganz ähnlich gewesen sein, sein Alter, seine Herkunft. Der junge Mann, der Funker und Bordschütze in Hitlers Bomber, der Sewastopol bombardierte und auf dem Rückflug in schlechtes Wetter geriet. Kein schönes, aber ein treffendes Bild, finde ich, das mit dem schlechten Wetter auf dem Rückflug. Das hatte sich doch schon vor Stalingrad längst abgezeichnet, das es umschlagen würde, und es ereilte die Deutschen Landser dann bald an allen Fronten, bei jeder Wetterlage, ob in Nord und Süd, West oder Ost. Glück gehabt schon, wenn es nicht Stalingrad war, wenn man überlebte und die Gefangenschaft nicht von langer Dauer.

Mein Vater war im Norden. Norwegen, Finnland, russische Grenze, Tromsö, Lofoten, Erzhafen Narvik. Strategische Punkte, wie fast jeder Flecken, wenn es nach Hitler und den deutschen Offizieren ging. Stecknadeln auf der Karte. Ein toter Soldat im Schnee, Polarlichter über eisigen Birken, kriechenden Kiefern, Kameradschaft, Holzhütte mit selbstgebauter Sauna. Legenden lassen sich aus allem stricken. Verbrannte Erde auf dem Rückzug. 

Nach dem Krieg hattest du eine Zeit lang Depressionen, Joseph. Wo sollte das hinführen mit dem traurigen, hageren jungen Mann und seiner Kunst? Ganz guter Zeichner. Leben von der Hand im Mund. Deinem Absturz hast du jedenfalls Bedeutung beigemessen und ihn nicht nur einmal mit eingebaut in deine Kunst.

Jeder Mensch ein Künstler. Ich stimme zu. Die Kunst meines Vaters bestand auch darin, dass er an Wochenenden und Feiertagen Zusatzschichten auf der Zeche fuhr, damit die kleine Familie ihr Auskommen hatte, die junge Frau endlich ihr schickes neues Kleid bekam. Auch mein Vater hatte Beklemmungen, hatte Ängste. Wenn er an den toten Russen dachte, an die verbrannte Erde auf dem Rückzug. Als alles doch längst vorüber war und vorbei, und man es am besten rasch wieder vergessen sollte. Manchmal raste dann sein Herz, fehlte ihm die Luft zum Atmen.

Das Erlebte verarbeiten, bewältigen die schlimme Zeit, die Gräuel verdrängen. Mit Starrsinn, Sturheit, Alkohol, mit Gewalt gegen Frau und Kinder womöglich. Da gab es viele. Beuys und mein Vater zählten nicht dazu. Heinz hat gearbeitet, seine Familie, Frau und Kinder geliebt, hat nicht mal geraucht wie der asketische Mann vom Niederrhein, trotzdem früh gestorben, noch keine Fünfzig.

Mit der Kunst gegen den Herzschmerz, gegen Bedrückung und Bedrängnis. Von der Judenfrage reden wir nicht. Probates Mittel. Was lässt sich groß einwenden gegen die Kunst? Wenn das Materielle bloß stimmen würde. Mal zwei Holzschnitte verkauft für 20 Mark, davon wirst du nicht satt. Finanziell auf wackligen Füßen, die Verlobte sagt Lebewohl, Kriegserlebnisse, die nachwirken, weiterwirken, da wächst sich die Krise rasch zur Depression aus.

Als Beuys endlich die Professorenstelle hat, geht es ihm besser, geht es bergauf. Vieles lässt sich erreichen, bewältigen, geraderücken mit Kunst. Sich von einer Lebenskrise nicht kleinkriegen lassen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, dann wird das schon. Den Leuten lässt sich vieles verkaufen, und manchmal sitzt das Geld auch locker. Unter hunderttausend Mark solltest du das nicht verkaufen, das ist eine Marke, Joseph, verkaufe dich nicht unter Wert. Dann die ganze Ausstellung verkauft auf einen Schlag. Ein einzelner Sammler. Leute mit dem richtigen Riecher, die an einen glauben, das Extreme schätzen.

Seinen Kindern baut er in den Räumen der Akademie einen Holzverschlag zum Spielen, mein Vater baut mit mir eine elektrische Eisenbahn auf einer großen Spanplatte, gemeinsam schrauben wir die Schienen fest, beleuchten den Bahnhof, die kleinen Häuschen. Das geht so durch die Jahre, die Fünfziger, Sechziger: Zu Weihnachten jedes Mal etwas für die Bahn. Heile Welt im Miniaturformat, idyllische Berglandschaft aus Pappmaché. Der rote Schienenbus schleppt sich die steile Strecke hoch, fährt über den Viadukt aus hellbraunen Plastik, die Steine wie echt.

Beuys beim Kaffeetrinken, Kirschkuchenessen im Garten des Kurators, Frau und Kinder adrett gekleidet, gesittet bei Tisch, Blümchendecke, akkurat gefaltete Servietten. Bürgerliche Idylle auch hier, Terrassenplatten aus Waschbeton, wackelige Gartenstühle. So war das in der Zeit, hatten wir auch. Als ich seine Installationen zum ersten Mal sehe, bin ich sprachlos, ratlos, leicht befremdet. Als ich ihm auf der Documenta begegne, bleibe ich schüchtern stehen, fehlen mir die Worte, nicht mehr als freundliche Begrüßung. Was wusste ich von angewandter Demokratie. So wenig wie von seinen Zeichnungen, Installationen, dem theoretischen Unter- und Überbau, dem ganzen Spektakel, dem überhöhten bedeutungsschweren Erklärungsansatz.

Von Anfang an warst du bei den Grünen mit dabei. Nichts dagegen einzuwenden, Joseph. Gut singen kann ich auch nicht, ebenso wenig aber hätte ich deinen Mut gehabt, es dennoch mit Überzeugung zu machen. Einfach so, entsetzlich schlecht. Mit Petra Kelly verstandest du dich gut. Als es mit dem Mandat nicht klappte, warst du enttäuscht. Aber dieser esoterische Firlefanz. Anthroposophen, warum musste es ausgerechnet dieser Steiner sein? Bisschen viel deutsches Wesen. Gegen deutsche 7000 Eichen lässt sich nichts sagen. Bäume bloß, die wachsen, wenn sie denn die längst toten Fichten, all die Buchen und Birken, Erlen und Eschen und diese Heißzeit tatsächlich überleben sollten.

Jeder Mensch ein Künstler, klar: The pack, das Rudel. Hinter einem VW-Bulli ein Dutzend Kinderschlitten, Marke Davos. Damit war ich Schulkind damals doch gerade erst über westfälische Rodelhänge geschrammt. Nein, die Schlittenkufen bei Beuys sind breiter, etwas für Profis, für größere Distanzen. Darauf allerlei merkwürdiges Gerät, Suchscheinwerfer und Filzdecken, akkurat zusammengerollt. Truppenbewegung, Militäraktion, denkst du automatisch, gleichförmig ausgerichtet alles. Schon marschierst du mit Beuys an die Front. Ostwärts, Polen, Russland, durch die Sahara bis Tripolis in kurzen Hosen, oder in dünner Uniform über den Polarkreis. Schneebedeckte Öde hier, gleich taucht ein Rudel Wölfe auf. Die wittern Beute.

Überleben in der Tartarenjurte, die doch nur ein deutsches Feldlazarett ist. Noch einmal davon gekommen, Joseph und Heinz.

Jeder Mensch ein Künstler. Jeder Mensch ein Politiker auch. Nicht nur, wenn es nach Beuys geht. Auch wenn du so unpolitisch bist, wie mein Vater es war oder ich es bin. Im Leben meines Vaters kam Kunst so wenig vor wie Politik. Er hielt sich raus, registrierte, was da in Bonn passierte und was in der Welt geschah. War unbeteiligt, höchstens Konsument und Wähler, mehr nicht. Und doch mittendrin. Immer noch Spielball und Opfer, wenn du so willst.

Jeder Mensch ein Politiker, danach handelte Beuys, so schuf er seine Werke, eng angelehnt an die eigene Biografie, an eigenes Erleben. Jeder Mensch ein Künstler. Jeder Mensch ein Politiker, Beuys lebte danach, lebte es vor. Machte den Mund auf, befremdete, verwirrte. Eckte an, rüttelte auf, rüttelte manchen aus dem Schlaf. Alles so einfach, alles mit einfachen Mitteln, mit ursprünglichen Dingen, die die meisten dennoch nicht verstanden, nicht verstehen wollten.

Jeder Mensch ein Künstler, ein Politiker auch.

Und du fragst dich unwillkürlich, wäre einer wie Beuys in dieser verrückten Zeit nicht wieder wichtig, nicht genau richtig? Oder war dieser Beuys in seiner Radikalität bloß ein Schamane, Scharlatan, Querdenker, Vordenker, Schrägdenker, wie es sie immer schon gab, überall gibt?

Gedicht der Woche: Schreibst du denn? (2014)

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Schreibst du denn? (2014)

Schreibst du denn, zeichnend und kritzelnd,
stumm schreiend und streitend?
Gießt du deine innersten Gefühle
in einen See aus Tränen?!

Dampf und Hitze wabern
hier und jetzt –
die Wahrheit will ans Licht,
die Gerechtigkeit wurde geraubt,
das Mitleid mit Füßen getreten,
und die Liebe schreit vor Schmerz,
wenn die Welt aus den Fugen ist
wenn die Anarchie regiert –
schauderst du vor so viel Qual und Lärm?
Oder hältst du stand, siehst hin, beharrst und schreibst?

Ihre Lüge nennen sie Wahrheit, deine Wahrheit Lug und Trug,
ihren Fanatismus nennen sie Ehre, dein Mut kostet dich das Leben.

Wie also könntest du nicht schreiben,
während du da stehst und alles entschwinden siehst –
natürlich schreibst du. Wie auch nicht!

Also los, schreib und lass es fließen.
Nur, wo ist das Papier?
Schreib es dir in die Seele, verbirg es in deinem Herzen,
dem sichersten aller Tresore,
unerreichbar für den Wind
sicher vor jeder Flut.


(übersetzt von Barbara Krohn
nach der englischen Übersetzung von Ghirmai Negash)

Gedichtzeile von William Butler Yeats über den Ersten Weltkrieg

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