Gedicht der Woche: Geheimnisse

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Das Vorwort
 
Kamen ist eine Stadt der Literatur, gleich mehrere, auch überregional bekannte Schriftsteller wohnen hier. KamenWeb.de möchte darauf durch die Reihe "Gedicht der Woche" hinweisen.
 
Geheimnisse

Über Wasser kann ich laufen
und eine Sprache sprechen, die ihr nicht sprecht
Süße Geheimnisse haben sich mir offenbart
Singen kann ich
meine Stimme läuft über das Wasser
bis hin zur Nachtigall auf dem Zweig
Der Fisch sah sie als Futter an und nahm sie mit zum Meeresgrund
Der Vogel nahm sie mit zu seinen Kleinen, sie zu füttern mit meinem Geheimnis
Ich laufe weiter
doch trotz all der Sprachen
versteht mich keiner
Umgeben von Eichen und Pinien
erfüllt mich Freude
An mir vorbei fließt der Fluss
und ich flüstere meinen Wunsch:
Wenn ich nur wäre

Das zweite Geheimnis
Ich stach mich in den Finger
aus ihm floss eine rote Rose ...
Die Blume der Liebe! Die Blume des Schmerzes!
Ich weinte und mit mir weinte die Erde
Doch ich versprach ihr
wir würden, wenn wir groß sind
eine andere Blume kaufen

Das dritte Geheimnis
Ich vergrub mein Spielzeug
um einen Ort für die Geheimnisse zu haben
Ich vergrub meine Puppe
und während alle davonliefen
sah ich den Himmel entschwinden
Wir liefen durch Wälder
und auf Schienen
Da sah ich mein Spielzeug
bei einem Kind
Ich bat es: Gib mir meine Puppe
Es antwortete: Sie gehört mir
ich pflückte sie vom Puppenbaum
Sie glich meiner aufs Haar

Das vierte Geheimnis
Die Schwalbe
sinkt herab und steigt erneut in den Himmel
Wir bauten uns ein Spiel
schichteten Steine zu Stapeln
und warfen Stöckchen zwischen sie
Nie gelang es mir zu treffen
doch immer, wenn ich die Hände ausstreckte
fing mich eine Schwalbe ein
trug mich zum Himmel, seine Farben aufzulesen
und brachte mich zurück
Die Farben wurden zu einem Zauberstab
doch keiner glaubte mir
dass immer, wenn ich die Hand öffnete
ein Regenbogen aus ihr stieg

Das fünfte Geheimnis
Gib mir deine Füße
und nimm meine Schuhe
Mein Leben rollte davon
Ich lief ihm hinterher
Bückte mich, es aufzuheben
Wie ein halber Baum, der sich standhaft hielt
bete ich für die, die einst in meinem Schatten saßen
Meines Körpers Rest ist eine Wolke
die den Weg mir weist
wie die Fäden einer Spinne
Wie ein Sonnenfenster
esse ich die Zeit auf
und hänge die Fragen als Fragezeichen
an meine Ohren
In einer anderen Welt
in der es nichts Böses gibt
kümmere ich mich um meine Seele
Vergiss nicht, meinen Leichnam zu hüten

Das letzte Geheimnis
Die Wahrheit wird mit dir sterben
und von dir wird nichts übrigbleiben als ein Buch
An jedem Bahnhof lassen wir eine Tasche zurück
in der ein Baum ist
ein Stück Himmel und ein Stück Erde
dann
kaufen wir Strümpfe und eine Uhr mit der neuen Zeit
Das Land, das in unseren Erinnerungen herumlungert
ist geflohen
Noch immer bewahr ich mir mein wildes Haar
geerbt von meinen Ahnen
Mit einem weißen Vogel im Herzen
zittere ich noch immer bei jeder Melodie
als gehörte ich zu jedem Ort
Liebe ist harmonisch
und die Musik flirtet mit dem Tanz
Das Geheimnis:
Ich übe der Musik mein Dasein ein

Kholoud Charaf

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