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    Er war wichtig – Erinnerung an Max von der Grün

    Eine Hommage zum 100sten Geburtstag

    von Gerd Puls

    Max von der Gruen I 425GPZum 100. Geburtstag des Schriftstellers Max von der Grün erinnert eine Hommage an seine prägenden Jahre im damaligen Heeren, wo er als Bergmann arbeitete und erste literarische Werke schrieb. Seine Erfahrungen im Ruhrgebiet bildeten die Grundlage für viele seiner später international beachteten Romane.Am 25. Mai jährt sich sich der Geburtstag Max von der Grüns zum 100sten Male. Für die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts war er ein bedeutender, vielfach preisgekrönter und zudem einer der am häufigsten verfilmten deutschen Schriftsteller. Von 1951 bis 1963 lebte Max von der Grün in der damaligen Gemeinde Heeren und  arbeitete dort als Bergmann unter Tage auf der Schachtanlage Königsborn II/V.

    Wie viele andere auch war er auf der Suche nach Arbeit kurz nach dem Weltkrieg ins Ruhrgebiet gekommen. Nachdem man ihm mehrere Zechen als neuen Arbeitsplatz angeboten hatte, war die Wahl des Arbeitsplatzes im Ort Heeren eher zufällig. „Königsborn, das hörte sich schon besser an“, lautet folgerichtig der Titel einer Erzählung, in der er seine Ankunft in Westfalen beschreibt.

    Im Grünen Weg in Heeren erwarb er bald ein kleines Reihenhaus. Eine Gedenktafel im Vorgarten erinnert an den früheren Bewohner. Der Radweg über die ehemalige Zechenbahntrasse von Bönen nach Kamen wurde nach ihm benannt, ebenso der Platz zwischen Dortmunder Hauptbahnhof und der Stadt- und Landesbücherei sowie mehrere Schulen, verteilt über die Bundesrepublik.

    Die frühen Jahre im Ruhrgebiet und in seinem Wohnort Heeren waren anregend, wichtig und initialzündend für Max von der Grün als Schriftsteller. Hier schrieb er neben der Schichtarbeit unter Tage seinen „Erstling“, den Roman Männer in zweifacher Nacht. Fast zeitgleich veröffentlichte er seinen berühmten, Aufsehen erregenden und bald darauf verfilmten Roman Irrlicht und Feuer. Er sorgte für seinen Durchbruch als Schriftsteller, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und machte ihn weit über die Grenzen der damaligen Bundesrepublik hinaus bekannt.

    Eine Schlüsselszene im Roman war Anlass, dass eine in Lünen ansässige Bergbauzulieferfirma in auf Schadensersatz in Höhe von 250.000,--DM verklagte und er vor Gericht musste. Die Streitsumme, war sehr viel Geld für die damalige Zeit, erst recht für einen Bergmann wie Max von der Grün.

    „Hätte ich den Prozess verloren, hätte es mich die Existenz gekostet“, hat er wiederholt geäußert. Er machte sich Sorgen, und schließlich führten der Prozess, der große mediale Rummel und die zahlreichen Termine, die er wahrnehmen musste, dazu, dass er seinen Arbeitsplatz auf der Heerener Schachtanlage verlor und nach Dortmund zog, wo er bis zu seinem Tod 2005 in Lanstrop als freier Schriftsteller lebte und zahlreiche weitere Romane, Erzählungen und Hörspiele schrieb.

    Schon früh als Schulkindkind lernte der Schriftsteller und Zeichner Gerd Puls Max von der Grün in seinem Wohnort Heeren kennen.

    „Seine erste Frau Liselotte, war kurze Zeit nach ihm ebenfalls aus Franken ins Ruhrgebiet gekommen und arbeitete als Lehrerin an der Heerener Volksschule, die ich damals besuchte. Die gemeinsame Tochter Rita war Schülerin ein paar Klassen unter mir,“ berichtet Gerd Puls. „Etwa um 1960 herum war es, als uns Max von der Grün, der sich sehr für das Dorfleben interessierte, auf einem Rodelausflug der Schule ins verschneite Sauerland begleitete. Dabei begegneten wir uns zum ersten Mal. Dieses frühe Kennenlernen habe ich später in einer Erzählung für einen Band mit Schulgeschichten beschrieben, die bereits mehrfach veröffentlicht wurde.

    Später, als ich begonnen hatte, selbst zu schreiben, traf ich ihn regelmäßig bei Lesungen und Buchvorstellungen, sowie regelmäßig bei den Versammlungen des Schriftstellerverbandes, die jeden Monat in den Dortmunder Reinholdi Gaststätten und später in einem Verwaltungsgebäude am Rheinlanddamm stattfanden. Max von der Grüns Worte dort hatten Gewicht, wir jüngeren hörten auf ihn, er wurde von den Kollegen ernst genommen wurde, hatte er doch die meiste Erfahrung und war für jüngere Autoren ein Vorbild. Man konnte von ihm lernen, vor allem, wenn es darum ging, authentisch, ehrlich, realistisch und wahrhaftig zu schreiben und zu handeln. Leben und Schreiben in Einklang zu bringen, nichts Abgehobenes zu Papier bringen, das lediglich der Phantasie geschuldet war. Es war eine fruchtbare, bereichernde, prägende Zeit voller Neugier und Aufbruchstimmung, auch wenn beispielsweise die Montanindustrie des Ruhrgebiets damals längst schwere Zeiten durchlebte und ihrem Ende zuging.

    Max von der Grün hatte ein kritisches Auge und Bewusstsein, er war ein unerschrockenes Vorbild, ein wichtiger Begleiter,“ erinnert sich Gerd Puls. „Jemand, der Partei ergriff für die Belange der Arbeiter und die sogenannten kleinen Leute. Ich sehe immer nur Menschen, war ein Credo. Vom kleinen Ort Heeren hatte er Kontakte zum Dortmunder  Bibliotheksleiter Fritz Hüser geknüpft. Gemeinsam gründeten sie die Gruppe 61, nach der berühmten Gruppe 47 eine weitere bedeutende deutsche Schriftstellervereinigung.

    1963, als sein berühmter Roman Irrlicht und Feuer großes Aufsehen erregte und in aller Munde war, dämmerte mir langsam, was es mit dem Arbeiterautor aus Heeren auf sich hatte. „Hier lies mal,“ sagte meine Mutter und reichte mir die Tageszeitung. „Da hat ein Bergmann aus Heeren einen Roman geschrieben, der sorgt für Aufsehen, und es gibt wohl Ärger. Plötzlich wurde klar, dass es Zusammenhänge gab zwischen seiner engagierten Literatur und unserem gemeinsamen Wohnort Heeren. Neben vielen weiteren Autoren, vor allem jungen Schriftstellern der Nachkriegszeit, wurde der frühere Heerener Bergmann Max von der Grün so zu einem wichtigen Vorbild für mich.

    Ich besuchte inzwischen ein Unnaer Gymnasium, wir hatten einen ganz guten Deutschunterricht,“ erzählt Gerd Puls. „Wir lasen viel und spielten auch Theater. Es waren nicht nur Goethe oder die Buddenbrooks, die man uns nahebrachte. Autoren wie Heinrich Böll, Siegfried Lenz oder Wolfgang Borchert spielten ebenfalls eine Rolle. Als ich in einer Unnaer Buchhandlung allerdings einmal Günter Grass’ Blechtrommel kaufen wollte, erklärte man kurzerhand, dafür bist du noch zu jung, du willst doch nur ganz bestimmte Stellen und Szenen darin lesen. Nein, das wollte ich nicht, mich interessierte Literatur insgesamt, und ich las alles, was ich in die Finger bekam. Die Blechtrommel habe ich dann in einer anderen Buchhandlung bekommen. Und ziemlich zeitgleich berichtete die Tageszeitung über den Roman eines Bergmanns aus meinem Dorf.“

    Sein kleiner Heimatort Heeren spielt plötzlich eine größere und für Gerd Puls wichtige Rolle in der Literatur, und der gebürtige Heerener Autor, Maler und frühere Schulleiter findet in Max von der Grüns Romanen und einigen frühen Erzählungen mit einem Male Vertrautes und Altbekanntes in seinen Büchern.

    „Die Menschen, meine Nachbarn, die auf der Zeche arbeiteten, die Wege und Straßen, Orte und Kneipen, die plötzlich auftauchten, kannte ich. Es waren die Menschen und Stätten meiner Kindheit, die beschrieben wurden und einen weiteren Zugang zur Welt der Literatur öffneten, die mir als Heranwachsenden so viel bedeutete. Die frühen Erzählungen, die Fernseh- und Hörspiele Max von der Grüns spielten allesamt im Ruhrgebiet, die Erzählung Am Tresen gehen die Lichter aus handelt vom kleinen Ort Heeren, im Roman Irrlicht und Feuer gibt es Szenen, die an der Zechenbahn zwischen Kamen und Heeren spielen, und in einem Hörspiel sind die sechs Portraits alter Männer eindeutig Heerener Bergbauinvaliden zuzuordnen. Das Fernsehspiel Smog weist kritisch und eindringlich bereits früh auf den sorglosen Umgang mit Ressourcen und damit verbundene Schäden für Mensch und Natur hin.

    Sieh an, dachte ich, der überschaubare Ort Heeren mit seinen arbeitenden Menschen ist ein Stück Literatur. Daran habe ich mich bei meinem eigenen Schreiben anfangs hin und wieder orientiert, habe mich später oft daran erinnert und manches einfließen lassen in eigene Gedichte und Erzählungen.“

    Das Interesse an Max von der Grün, an dessen Bücher, Hörspiele und Verfilmungen hielt an. Gerd Puls veröffentlichte darüber immer wieder Essays, Reportagen, Erinnerungen und Berichte. Darunter Anmerkungen und kritische Würdigungen einzelne Werke Max von der Grüns in Periodika und wissenschaftlichen Veröffentlichungen der Westfälischen Literaturkommission Münster, so in dem Sammelband „Vom Heimatroman zum Agitprop“, Bielefeld 2016. Längere Texte von Puls mit Bezügen und Verbindungen zu Heeren erscheinen nun 10 Jahre danach aus Anlass und zu Ehren des 100sten Geburtstages ebenfalls in einem weiteren Sammelband Literatur in Westfalen (Siehe Essay: Hommage…), fanden aber auch Eingang in eigene Bücher mit Regionalbezug wie dem Erzählband Beste Aussicht, Westfälische Grüße, Bochum 2014.

    „Ab und zu gab es kürzere Texte von uns beiden in verschiedenen Sammelbänden, nebeneinander und in guter Nachbarschaft, über die ich mich stets freute. So schickte mir Max von der Grün im Jahr 1984 eine Erzählung für meine Anthologie Im Autobahnkreuz, die ich zusammen mit einem Unnaer Kollegen anlässlich der Gründung des westfälischen Literaturbüros in Unna in einem Ruhrgebietsverlag herausgegeben habe. Über seinen Beitrag in dem Buch habe ich mich deutlich mehr gefreut als über das Grußwort des damaligen Kultusministers, der ja immerhin mein oberster Dienstvorgesetzter war. Als Lehrer war er kein Vorbild für mich, Max von der Grün als Autor war dies weit mehr.

    In Aufsätzen, Erinnerungen und Berichten habe ich Max von der Grüns Beziehung zu Heeren, seine frühen und prägenden Jahre dort, zu hinterfragen versucht. Seine für mich wichtige Bedeutung und Vorbildfunktin spielte immer eine nicht unwesentliche Rolle, auch wenn es sich oft lediglich um kleine Anekdoten und Zeitepisoden handelte, oder eben um Kindheits- und Schülererinnerungen wie in meiner Erzählung „Mit euch Schlitten fahren“ über unsere frühe Begegnung beim Ausflug ins Sauerland.

    Max von der Grün war ein humanistischer, ehrlicher, engagierter, kritischer und parteiergreifender Autor, der kein Blatt vor den Mund nahm und für manche zu deutlich, zu direkt und unbequem war. Ein authentischer, lebhafter Mensch, der mitunter polternund „laut bullern“ konnte, ein Schriftsteller, an den ich mich sehr gern erinnere.

    Zum Beispiel waren die Verfilmungen seiner Romane und deren Ausstrahlung im Fernsehen stets etwas besonderes für mich. Auch wenn ich Zwei Briefe an Pospischiel, oder die späteren Stellenweise Glatteis und Flächenbrand gründlich gelesen hatte, verfolgte ich die Fernsehfilme stets gespannt. Bekannte Schauspieler wie zum Beispiel Günter Lamprecht oder Regisseure wie Wolfgang Petersen sorgen für eine qualitätsvolle Umsetzung, die Drehbücher schrieb Max von der Grün oft selbst. Und immer weisen seine Texte über das Ruhrgebiet und die Region hinaus. Dass sein spannendes Kinderbuch Die Vorstadtkrokodile mit einem körperbehinderten Jungen als Hauptfigur ein Klassiker wird, ist wenig verwunderlich. Auch sein Erinnerungsbuch Wie war das eigentlich? Kindheit und Jugend im Dritten Reich darf in dieser Aufzählung nicht fehlen, seine bedrückende Aktualität und mahnende Funktion behält es leider auch nach fast 50 Jahren und darf jüngeren und älteren Lesern immer noch dringend empfohlen werden.

     

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