Kein weiteres Buch von mir in diesem Jahr. Bloß Kalenderblätter und einige Geschichten in diversen Sammelbänden, in ein paar Zeitschriften auch. Wenige Gedichte wie stets. Dann gab es nicht nur in diesem Jahr viele Veröffentlichungen zu Max von der Grün, dem wertgeschätzten Kollegen, dessen 100-ster Geburtstag in diesem Jahr zu feiern war. Also erschienen zwei neue längere Texte im Periodikum Literatur in Westfalen.
Alles nicht besonders viel, doch ergaben sich Lesungen im Sauerland und Ostwestfalen, in Kamen auch, schließlich hat der große alte Kollege Max ein paar Jahre hier gelebt.
Weitere Beiträge, mal hier, mal dort. In einer Brenner-Anthologie beispielsweise, in einem Bergwanderbuch oder in Büchern mit Geschichten zu den ewigen Menschheitsthemen Unterwegssein und Hunger. Kurze Erzählungen aus persönlicher Sicht, kleine Lesungen daraus in Österreich und in der Schweiz,
Nun arbeite ich an drei Projekten parallel. Pausiere a heißen Sommertagen, die das Schreiben erschweren. Nach meinem Lesebuch soll es auch ein Bilderbuch geben, so etwas wie ein Katalog meiner Bilder durch die Jahrzehnte. Das Bilderbuch ist fast fertig, und die Sammlung neuer Erzählungen könnte ich veröffentlichen so wie sie ist. Aber vielleicht, bestimmt sogar, hoffe ich, kommt da noch etwas, das hineinpasst ins neue Buch. Oder in ein Schulbuch, für das ich schon fleißig gesammelt habe. Ein unendliches Thema mit so vielen Facetten. Kein Wunder, wenn man wie ich lange als Lehrer gearbeitet hat. Das muss einfach festgehalten werden, auch aus Schüler- oder Elternsicht. Hausmeister, Kultusminister, Schulaufsicht nicht vergessen.
Drei aktuelle Projekte also, die ich nicht aus den Augen verlieren will. Für ein weiteres, für mich ungewöhnlich umfangreiches Projekt ist noch viel Recherchearbeit nötig. Es gibt nur ein grobes Gerüst, noch keine Struktur, obwohl ich genau weiß, worüber ich schreiben will.
Literatur braucht Zeit, das weis ich ganz gut, schließlich mache ich es nun schon seit gut 55 Jahren. Und es braucht Ausdauer, Disziplin, Beharrlichkeit, davon besitze ich nicht besonders viel.
Bei aller gebotenen Bescheidenheit vergesse ich mein bisschen Zeichnen nicht, da ist in diesem Jahr mal wieder schön was zusammengekommen. Die Blätter ausstellen noch mal, wenn es nicht so mühsam wäre. Stattdessen mache ich ja nun mein Bilderbuch, habe es fast fertig und auch einen Verlag. Ausstellen vielleicht später mal, das können andere arrangieren, eine kleine Retrospektive wäre nicht schlecht, denn gezeichnet habe ich genau so lange wie geschrieben, und die letzte Ausstellung ist ewig her.
Immerhin habe ich mir vorgenommen weiterzumachen, am Ball zu bleiben, wie es so schön heißt. Nur Fußballgeschichten werde ich wohl nie wieder schreiben, nicht bloß wegen diesem Infantino oder Infantilo, Albernes, allzu nahe liegendes Wortspiel, aber im Laufe der Jahre habe ich tatsächlich über alles mögliche geschrieben, auch über Fußball. Kleine Sachen, die dann auch in der schwarzgelben Stadionzeitung erschienen. Aber egal, was es noch schreiben gibt in der verbleibenden, kurzbemessenen Zeit: ein hungriges Herz wäre hilfreich, womit wir wieder bei dem einen Thema Hunger sind. Dazu ein paar Gedanken für Kamen-WEB:
Hungry Heart
Everybody's got a hungry heart
Lay down your money and you play your part
Everybody's got a hungry heartBruce Springsteen
Der gute alte Bruce. Damals, 1980, hast du noch nichts von ihm gehört. Dabei ist Musik. Jazz und Rockmusik, dir doch so wichtig. Und die Jungs in deiner Straße, die da vor dem Kiosk lungern, Bierpulle in der Hand, Fluppe zwischen den Fingern, haben auch hungrige Herzen. Wie du mit deinen langen Haaren und hungrigem Herzen nach Musik, nach Mädchen, nach einem Stück Sahnetorte. Nach Zukunft, nach Perspektive, was immer das sein soll. Oder gibt es das gar nicht, weil du nichts fühlst, nichts spürst.Irgendetwas muss es doch geben irgendwo hinter dem Zechenwäldchen, irgendetwas hinter Schulhofmauer, Gartenzäunen und Siedlungsstraßen, niedrig und eng.
Du hast kein hungriges Herz, du hast Bohnensuppe und Schinkenschnittchen, ein Dach über dem Kopf, am Sonntagnachmittag ein Stückchen Sahnetorte. Alles andere liegt ziemlich im Nebel, auch deine diffusen, halbgaren Träume. Ein wenig malen willst du, etwas zeichnen und schreiben. Sonst nichts, du bist so verdammt naiv, hast kein hungriges Herz. Was soll das sein, ein hungriges Herz? Was ahnst du, was weist du schon, also setzt du dich hin und zeichnest und schreibst ein wenig. Mit halbem Herzen, das kein bisschen hungrig ist. Kein hungriges Herz, du betrachtest alles nur von weitem an, aus sicherer Entfernung. Du bleibst hocken in deiner öden Ecke, dich verlaufen, dich verirren kannst du nicht.
Everybody’s got a hungry heart, für dich gilt das nicht, und der Hunger da in Äthiopien geht dich auch nichts an, auch nicht, dass sie munter weiter ihre Panzer bauen, Raketen stationieren mit Atomsprengköpfen bestückt bei dir um die Ecke. Die toten Bäume in deiner Stadt zählen so wenig wie die Obdachlosen, die misshandelte Frau, das sterbende Kind.
Du redest von Gestern, heute schicken sie Drohnen, legen Landstriche in Trümmer über Nacht. Hunger nach Frieden, nach Freiheit ist nie groß genug. Sehnsucht nach einem sicheren Dach über dem Kopf hattest auch du all die Jahre in deinem gemütlichen Nest. Hunger nach Liebe, nach Geborgenheit, Hunger nach mehr Menschlichkeit haben die meisten. Einige wenige aber zertreten mit blutigen Stiefeln alles Menschliche, töten jedes hungrige Herz.
Everybody’s got a hungry heart, Bruce, das singt sich leicht. Jeder ist hungrig auf eine Handvoll Reis, drei Kartoffeln, ein Stück Brot. Du bist brav hocken geblieben, stecken geblieben, dennoch falsch abgebogen mit deinem satten Herzen. Was Durst ist, weißt du nicht. Ein kleiner Schluck Wasser. Nur mal nippen, die Lippen benetzen.
Water of love, auch so ein hübsches altes Lied. Du hast Marks Gitarre, seinen Gesang im Ohr. Water of love, deep in the ground, aint no water to be found, mehr ein leises Murmeln. Wenn du durstig bist, musst du für ein paar Tropfen wer weiß wie tief bohren. Durch hartes Gestein, in verborgene Schichten. Unerreichbar für einen wie dich, wie tief dein Brunnen auch ist.
Ach ja, die Musik. Rockmusik vor allem, wenige Textzeilen in kurzen Songs. Hungry heart von Bruce, Water of love von den Dire Straits. Zwei kleine Lieder, in denen es um Hunger geht und Durst. Du legst noch einmal die alten Platten auf, hörst Bruce und Mark, lässt dich trösten von Gitarrenklängen und traurigen Liedern.
Komm, alter Junge, noch ist nicht aller Tage Abend. Bleib offen, mein Freund, bleib neugierig und skeptisch, lass dir nichts erzählen, nichts vorgaukeln. Bewahre dir ein hungriges Herz.
Gerd Puls





