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    Kamens großer Friedhof ist 160 Jahre alt geworden

    von Klaus Holzer

    Impressionen vom alten Kamener Friedhof – vom historischen Haupteingang und der Einladung zur Eröffnung über erhaltene jüdische Grabsteine und moderne Urnengräber bis zu den „zwölf Aposteln“. Fotos: Stadtarchiv Kamen und Klasu HolzerImpressionen vom alten Kamener Friedhof – vom historischen Haupteingang und der Einladung zur Eröffnung über erhaltene jüdische Grabsteine und moderne Urnengräber bis zu den „zwölf Aposteln“. Fotos: Stadtarchiv Kamen und Klasu HolzerKamen. Der große Friedhof in Kamen-Mitte, unser „alter“ Friedhof, war auch einmal der „neue“ Friedhof. Im Februar dieses Jahres jährte sich seine Einweihung zum 160. Mal. Anlaß, sich einmal an seine Geschichte zu erinnern.

    Er ist schon Kamens dritter Friedhof, nach dem Kirchhof um die Severinskirche (heute Pauluskirche) herum. Dieser hatte bis 1810 Bestand, dann wurde er zu klein, eine räumliche Ausdehnung war nicht mehr möglich. Ein neuer „Todtenhof“ (Stadtchronist Buschmann) wurde an der Hammer Chaussee (heute Hammer Straße) vor dem Ostentor angelegt, der aber wegen zu hohen Grundwasserstandes schon 1866 wieder aufgegeben werden mußte. Er blieb wegen der Totenruhe noch 25 Jahre lang unangetastet, ehe er 1891 in den heute noch bestehenden Stadtpark umgewandelt wurde. Eine wegen ihrer Höhenlage geeignete Fläche für eine neue Begräbnisstätte wurde am Overberger Weg (heute Friedhofstraße) gefunden, also für damalige Verhältnisse (man erledigte fast alles zu Fuß) „sehr entfernt von der Stadt und macht die Beerdigungen beschwerlich und ungesund“ (Stadtchronist Pröbsting).

    Zunächst wurde der Todtenhof „dräniert und planiert und mit einer Weißdornhecke umzogen“ (Pröbsting). Dann fand die Eröffnung statt, im gewohnt feierlichen Rahmen „durch gemeinsame Betheiligung der zwei Geistlichen der größeren ev. Gemeinde und des Geistlichen der kleineren ev. Gemeinde, während der katholische Pfarrer, durch seine kirchlichen Vorschriften gebunden, sich von der Feier fernhielt“. Und jedermann zog mit, die Geistlichen und Lehrer mit den Schulkindern und die städtischen Behörden (!). Zuerst ging es zum alten Friedhof. Dort wurde gesungen, gebetet und es wurden Reden gehalten. Dann gingen alle zum neuen Friedhof. Dort wurde wieder gesungen, gebetet und es wurden Reden gehalten. Zum Schluß wurde er geweiht und dem „Schutze Gottes und aller guten Menschen befohlen“.

    Das Neue, das Besondere an diesem Friedhof war, daß er gleich als kommunale Begräbnisstätte gedacht war, d.h., die Toten der verschiedenen christlichen Religionen wurden „der Reihe nach und durcheinander begraben“ (Pröbsting). Und zum ersten Mal war es Juden erlaubt, in der Stadt begraben zu werden, nachdem sie zuletzt vor der Stadtmauer an der Koppelstraße in Höhe der Häuser 24 und 26  bestattet worden waren. Wie revolutionär diese Praxis war, geht aus dem Kommentar Pröbstings hervor: „ … die Juden werden abgesondert begraben und ist ihnen ein dreieckiger Platz vorn am Overberger Wege zum jüdischen Begräbnisplatz eingeräumt und auf Kosten der Stadt eingerichtet worden. Dies Verfahren muß als eine Rücksichtnahme gegen die Judengemeinde bezeichnet werden, welche diese hoch anschlagen und anerkennen sollte, da ihr hierdurch die Befolgung ihrer religiösen Sitten ermöglicht wird, welche sich sogar die Christen auf dem Communalen Todtenhofe versagen müssen“. Heute liegen hier  auch zivile und soldatische Opfer aller Kriege, zu Tode gekommene Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter verschiedener Nationen und Glaubensrichtungen begraben. Und natürlich finden sich hier die Gräber prominenter Kamener Familien und eines Kamener  Ehrenbürgers, des Bergrats Funcke.

    Eine weitere Neuerung führte die Stadt gleich mit ein. Sie stellte einen Friedhofsgärtner ein, dem sie auf dem Gelände auch gleich eine passende Wohnung baute.

    Weil damals aber nicht nur die Camener (bis 1903 meist mit C) hier bestattet wurden, sondern auch alle zum Kirchspiel (zu einer Kirche gehörender Bezirk, in dem ein Pfarrer predigen und amtieren darf, umfaßt i.d.R. mehrere Dörfer bzw. Städte) Camen gehörigen Dörfer dieses Recht hatten, stieß der neue Friedhof bald an seine Grenzen. Zweimal innerhalb weniger Jahre kaufte Camen Nachbargrundstücke zur Erweiterung. Später bekamen alle Dörfer ihre eigenen Friedhöfe.

    In den 1960er Jahren drohte der Friedhof in Kamen Mitte erneut zu klein zu werden, daher wurde der 1884 angelegte Südkamener Friedhof nach Osten hin erweitert. Alle, die keine Grabstätte auf dem alten Friedhof hatten, wurden von nun an hier begraben.

    Dann jedoch setzte ein grundlegender Wandel der Beerdigungsformen ein. Die herkömmliche Art der Erdbestattung im Sarg wurde zunehmend als überholt empfunden: zu teuer, sie verbraucht zuviel Platz und verlangt zuviel Pflege, die man den Nachkommen nicht zumuten will, die herkömmliche Familie wurde seltener, Lebensgemeinschaften ohne Trauschein nahmen zu, es gab immer weniger Kinder, die Zahl der Alleinstehenden und der Kleinhaushalte hingegen nahm zu. Kurz, die tradierten Lebensverhältnisse veränderten sich und mit ihnen die Beerdigungsformen. Die Vorbehalte gegen Kremierung schwanden zunehmend. Heute lassen sich an die 70% aller Menschen kremieren und schonen so Ressourcen und eventuell doch vorhandene Nachkommen. Mit anderen Worten: es gibt wieder Platz auf unserem alten Friedhof.

    Vor allem aber hat er einen unschätzbaren Vorteil vor allen neueren Anlagen. Über mittlerweile 160 Jahre hat er sich zu einer wunderbaren Parkanlage entwickelt mit einem herrlichen alten Baumbestand. Sein hervorstechendster Baum war eine zwölfstämmige Kastanie namens „Die Zwölf Apostel“. Heute sind es leider nur noch elf: „Judas“  (Klar! Wer sonst?) war faul, mußte abgesägt werden.

    Jetzt hat eine kleine Gruppe interessierter Ehrenamtler es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Schmuckstück, das sich würdevoll in das immaterielle Kulturerbe „Die Friedhofskultur in Deutschland“ einfügt, stärker in den Blick der Öffentlichkeit zu holen.

    Einen längeren Artikel über den Kamener Friedhof finden Sie unter www.kulturkreiskamen.de

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