Stadtgeschichte: Baudenkmal Neorenaissance Villa Lechleitner

am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

von Edith Sujatta

Kamen. 1851 gründete der Bohringenieur Carl Julius Winter seinen Betrieb als Kesselschmiede und Tiefbauunternehmen, „ direkt am neuen Kamener Bahnhof gelegen". Er bohrte in der Umgebung erfolgreich nach Sole und Kohle.
1871 vergrößerte er seine Firma, er wird zum größten Tiefbauunternehmer Deutschlands. Im Jahr 1886 übernahm Julius Ferdinand Gustav Winter (1855-1914) den gesamten Betrieb. Er gründete 1894 mit anderen westfälischen Unternehmern wie Heinrich Grimberg und August Borsig die Kalibohrgesellschaft „Wintershall" in Kasse (zusammengesetztes Wort aus Winter und hals, griechisch für Salz).
1898 ließ er sich direkt an seinem Werk eine repräsentative Villa im Neorenaissance-Stil bauen (Renaissance 1520-1660). Dieser und andere historische Baustile gelten ab 1870/71 als „Vaterländischer Stil" oder auch als „deutscher Historismus". Das dreiachsige gegliederte Gebäude mit einem von einem dreiteiligen Stufengiebel bekrönten Mittelrisaliten ist reich geschmückt mit Zierfeldern, Palmetten und einem abschließenden Kranzgesims. Das Portal weist im unteren Drittel stark verzierte Säulen auf, die einen mit Zierkartuschen geschmückten Segmentbogen als Frontispiz tragen. Das untere Geschoss ist mit Quaderputz und alle Gebäudekanten mit von Gesimsen durchbrochenen Quaderlisenen geziert. Alle Fenster haben eine reich geschmückte Umrahmung. Etwas seitlich vom Haus standen früher rechts und links zwei gleich aussehende, als Stall und Remise genutzte Nebengebäude. Auf dem dadurch entstehenden Hof befand sich ein Rondell mit Springbrunnen. 1974 wurde das baufällige rechte Gebäude abgerissen. Der Gesamteindruck war wohl so repräsentativ und ungewöhnlich für unsere kleine Stadt, dass Pastor Pröbsting es in seiner Chronik als „schönste Villa in Kamen" erwähnt.     
1905 nahte das Ende des Unternehmens. Durch einen Kalkulationsfehler und eine erfolglose Großbohrung erlitt die Firma große Verluste, die dann sogar zur Betriebseinstellung am 1. April 1914 führten. Julius Winter beging, genau sechs Tage vor der Konkurseröffnung, am 2. Juli 1914 in der Bibliothek seiner Villa Selbstmord. Etwas zu früh, denn nach Beginn des Ersten Weltkrieges wurden in seinen Werkshallen sehr rentabel elektrische Zünder hergestellt.
Es folgten mehrere Besitzerwechsel, zum Glück immer, bevor innen oder außen größere Veränderungen vorgenommen wurden.
1940 wurde das Haus Eigentum des Fabrikanten Karl Lechleitner. Die Familie ist, wie man gut am Namen hört, nicht aus Westfalen, sondern sie gehörte zur zweiten Welle der Zechen-Zuwanderer. Das waren keine Bergleute mehr, sondern Dienstleister für die Bergleute. Karl Lechleitner wurde schon in Kamen geboren, als Drehermeister eröffnete er seinen ersten Betrieb 1928 an der Ostenmauer. Nebenbei betrieb er mit seiner Frau eine der ersten Tankstellen der Stadt, Tag und Nacht geöffnet im Wechsel mit ihr und mit einer Benzinpumpe im Handbetrieb. Viele ältere Kamener haben außerdem bei Karl Lechleitner ihren Führerschein gemacht. Den Fuhrpark der Fahrschule nutzte er auch für seine Auto-Hauderei (Hauderer ist ein nur in unserer engeren Umgebung benutztes Wort für Fuhrleute, die Menschen und Waren beförderten). Wie man sieht, führte hier enormer Fleiß zum Erfolg .
Heute befinden sich die Neorenaissance-Villa und die „Zahnradfabrik Lechleitner" in dritter Generation im Besitz der Familie.
Bei der Bombardierung des Bahnhofs 1945 stürzte der Giebel ein und die Front des Hauses wurde stark beschädigt. Nach einer Notinstandsetzung wurde das Gebäude1976 von Dr.-Ing. Karl Lechleitner renoviert und in den Originalzustand zurückversetzt. Auch heute ist die Villa noch eine Zierde für unsere Stadt.

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