Die klassische Stadtführung zum Muttertag

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

kamenansichtHKamen, Anblick aus Südosten, 1890er Jahre (Archiv Klaus Holzer)Kamen. Kamen ist eine alte Stadt, deren Wurzeln im Hochmittelalter liegen. Noch heute gibt es nicht wenige Bauwerke in der Altstadt, die von dieser frühen Geschichte zeugen. Gästeführer Klaus Holzer nimmt Interessierte auf einen Stadtrundgang mit und erzählt ihnen Näheres über Kamens reiche mittelalterliche Geschichte. Gibt es noch die alte Stadtmauer? Wie viele Stadttore hatte Kamen? Welches sind Kamens älteste Bauten? Hatte Kamen nicht auch einmal eine Mühle?
 
Da wird dann u.a. die Rede sein von Kamens Weichbild, von Häusern und Straßen und der Kleinbahn UKW, die weniger als 50 Jahre durch unsere Stadt fuhr. Markt, Rathaus und Pauluskirche gehören zum Rundgang. Und auch „Kamen, die verruchte Stadt“. Natürlich geht es nicht ohne die Einbeziehung der Seseke, schließlich ist Kamen die Sesekestadt.
 
Termin: Sonntag, 8. Mai 2022
Zeit: 14.30 Uhr
Treffpunkt: Brunnen auf dem alten Markt
Dauer: gut 2 Std.
Kosten: € 4,00

Skulptur erinnert an Stadtdirektor und Bergbaugeschichte

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Heitsch322SKEnthüllten die Skulptur im Foyer des Rathauses, die der ehemalige Stadtdirektor Fritz Heitsch erstellt hat: Beigeordnete Ingelore Peppmeier, Bürgermeisterin Elke Kappen, Stefan Milk und Andreas Wegmann (v.l.n.r.). Foto: Stadt Kamen

Kamen. Der Bergbau hat in Kamen viele Spuren hinterlassen. Er hat nicht nur die Stadt, sondern auch die Menschen geprägt. So auch den ehemaligen Stadtdirektor Fritz Heitsch (1900-1971), dessen Berufsleben unter Tage begann. Die Leidenschaft für den Bergbau behielt er Zeit seines Lebens bei – als Bildhauer erschuf er Skulpturen und Plastiken von Bergleuten. Eine ist ab jetzt im Foyer im Rathaus zu sehen.

Die Skulptur stammt aus dem Nachlass von Klaus Heitsch (10.7.1940-30.1.2021). Dieser hatte die Bergmannsplastik seiner Vaters als Zeugnis und zur Erinnerung an die Bergbauhistorie der Stadt Kamen überlassen. Um die Umsetzung der letzten Wünsche ihres verstorbenen Freundes kümmerten sich Stefan Milk und Andreas Wegmann – und freuten sich jetzt sehr, dass die Skulptur im Rathaus einen angemessenen und würdevollen Platz gefunden hat. Gemeinsam mit Bürgermeisterin Elke Kappen und der Beigeordneten Ingelore Peppmeier enthüllten sie jetzt die Plastik. Eine Informationstafel, die an das Leben und Wirken des ehemaligen Verwaltungschefs erinnert, ist in Vorbereitung. Einig waren sich die Beteiligten, dass der Standort gut gewählt ist: „Die Skulptur hält an einem exponierten Ort im Rathaus die Erinnerung an unseren ehemaligen Stadtdirektor sowie an über 110 Jahre Bergbaugeschichte wach“, sagte Bürgermeisterin Elke Kappen. Fritz Heitsch leitete von 1948 bis 1965 die Verwaltung der Stadt Kamen.

Eine weitere Bergmannsskulptur aus dem Nachlass von Klaus Heitsch hat ihren Platz im Co-Working-Bereich des Technologiezentrums Monopol gefunden – genau genommen im Bürobereich der früheren Bergwerksdirektoren. „Die Figur steht eindrucksvoll für die industriegeschichtliche Vergangenheit des Hauses“, so die Beigeordnete und Wirtschaftsförderin Ingelore Peppmeier. Eine weitere Figur illustriert und ergänzt zudem seit einiger Zeit die Bergbau-Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte.

Stefan Milk und Andreas Wegmann erinnerten anlässlich der Enthüllung der Skulptur im Rathaus an die Großzügigkeit und Spendenbereitschaft von Klaus Heitsch. „Er war der Stadt als stiller Partner und Förderer eng verbunden. Vor allem soziale Projekte aus dem Jugendbereich hat er gern und oft unterstützt“, berichtete Milk. So hat er noch anlässlich seines 80 Geburtstages um Spenden zugunsten der Jugendarbeit der Stadt Kamen gebeten. Diesem Wunsch folgten Milk und Wegmann auch bei Sammlung auf der Gedenkfeier anlässlich des Todes. Hierbei kamen stolze 3.000 Euro zusammen, die Milk und Wegmann dem „Förderverein für Jugendhilfe Kamen“ zur Verfügung gestellt haben.

Lob und Dank konnten die Ortsheimatpfleger aus dem Düsseldorfer Heimatministerium in Empfang nehmen

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kartenbuch0122KHSHeeren-Werve. Lob und Dank konnten die Ortsheimatpfleger aus dem Düsseldorfer Heimatministerium in Empfang nehmen. Ministerin Ina Scharrenbach bedankte sich in einem Brief für die  Zusendung des Buches „Kamen im Spiegel historischer Ansichtskarten“,  das die Arbeitsgemeinschaft der Ortsheimatpfleger kürzlich herausgegeben hat. Gleichzeitig hatten sich die Ortsheimatpfleger für die finanzielle Förderung durch einen Heimatscheck bedankt. Die Ministerin fand nicht nur Freude beim „Schmöckern“, sie stellte auch fest, dass die Kollektion der Karten und die Formulierung der Texte mit „Herzblut“ angegangen wurden. Die Geschichte Kamens seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1930 er Jahr werden nach Meinung der Ministerin mit großer Lebendigkeit und in ihrer ganzen Vielfalt dargestellt.

Auch für die allgemeine Arbeit und ihr Engagement als Ortsheimatpfleger fand die Ministerin lobende Worte. Sie schreibt: „Die Arbeitsgemeinschaft trägt mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz seit langem schon viel dazu bei, Kamen für seine Bürgerinnen und Bürger zu einer liebenswerten und lebenswerten Heimat zu machen.“

Das lesenswerte und sehenswerte Buch ist im Kamener Buchhandel erhältlich.

Marlies Struckmann gestorben

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mummensch921 FernMehringHeinrich Peuckmann (li.) und Fern Mehring (re.) vor der Kultkneipe Mummenschanz. Foto: Privatvon Heinrich Peuckmann

Kamen. In den achtziger Jahren gab es in Kamen eine Kultkneipe, Mummenschanz hieß sie. Alles was künstlerisch und überhaupt alternativ in Kamen unterwegs war, verkehrte dort. Marlies Struckmann hieß die Wirtin. Sie überließ den Kamener Schriftstellern einen Schlüssel, damit dort vor Beginn des Schankbetriebs am Freitag die Literaturwerkstatt tagen konnte. Dort diskutierten ihre Texte, die später zahlreich veröffentlicht wurden, sie planten Lesungen und Buchprojekte. Heute kann man nur staunen, welche Autoren dorthin kamen und was aus ihnen geworden ist: Horst Hensel, Gerd Puls, Levent Aktoprak, Jutta Krähling, Klaus Goehrke und Heinrich Peuckmann, zur Zeit der Generalsekretär des deutschen PEN. Sie alle haben viel seither veröffentlicht Romane, Lyrik- und Erzählbände. Fotographen wie Fern Mehring, Maler wie Norbert Thomas, der bis zu seiner Emeritierung eine Professur in Wuppertal innehatte, sie alle waren Stammgäste bei Marlies Struckmann. In einer Ecke stand ein Klavier, am liebsten spielte dort der katholische Kantor, der so gerne Bier trank und oft wurde lauthals im Mummenschanz gesungen. Von der Stadtspitze wurde diese Szene nicht als Chance für eine lebendige Kulturszene gesehen, mit der man renommieren könnte, sondern auf dümmliche Weise verunglimpft. Das sei keine Subkultur, urteilte der damalige Kulturausschussvorsitzende, dessen Name längst vergessen ist, sondern dort treffe sich die "Suupkultur". Was für eine vertane Chance!

Es waren fruchtbare Jahre für die Kamener Kulturszene. Nun wurde bekannt, dass Marlies Struckmann ganz still während des Lockdowns gestorben ist. Ulrich de Greiff sammelt Geld, um mit einer Anzeige an sie zu erinnern, Marlies, so finden ihre damaligen Stammgäste, hat es verdient. Wir werden sie nicht vergessen, wollen sie zeigen,  ganz im Gegensatz zu diesem angeblichen Kulturpolitiker.

Schwimmverein Kamen – Deutscher Meister ohne Winterbad

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

von Heinrich Peuckmann

freibadKW2 21Es gibt Meistertitel im Sport, von denen man entweder gar nicht oder nur in Ausnahmefällen hört. Im Wasserball gab es viele Jahre lang die Deutsche Meisterschaft für Vereine ohne Winterbad (VoW), ein Titel, der dem Amateurmeister im Fußball vergleichbar ist. Es ist eine Meisterschaft, die der kleine, aber feine Schwimmverein Kamen 1891 gleich dreimal hintereinander gewonnen hat. 1962 fing diese Siegesserie an. Der SV Kamen war damals gerade in die II. Division aufgestiegen, der 3. Liga im Norden, als er in einem Ausscheidungsspiel den TV Werne knapp mit 6:5 besiegte. Im anschließenden Turnier gegen drei andere qualifizierte Teams blieb die Mannschaft ungeschlagen und errang den Titel. Die Stadt Kamen stand Kopf. Ein Deutscher Meister und das aus dieser kleinen Stadt! Rund 30 Autos, darunter Polizeiwagen, empfingen das Team bei der Rückreise schon an der Autobahnraststätte Hagen.  Die Stadt selbst war geschmückt, rund 2000 Menschen warteten auf dem Marktplatz und die Bergmannskapelle Monopol – wer sonst in dieser Stadt mit großer Bergbautradition – spielte zur Begrüßung. Trainer war Horst Erler, der den Kamener Wasserballsport in jenen Jahren deutlich nach vorn gebracht hat. Die Namen der Spieler sind bis heute in Kamen bekannt, da sie fast alle hierher stammten. Zwei von ihnen, Klaus Dieter „Claudia“ Herrmann und Ulrich Kaiser, waren Juniorennationalspieler.

Ein Jahr später war der SV Kamen als Titelverteidiger Ausrichter dieser Meisterschaft, und wieder gewann die Mannschaft vor gut 1000 begeisterten Zuschauern den Titel ungeschlagen. Inzwischen war sie in die Oberliga B, die zweithöchste Spielklasse, aufgestiegen. 1964 schaffte sie den Hattrick.

In diese Zeit fällt eine Anekdote, die jeder Sportbegeisterte in Kamen kennt und gerne erzählt. Für Meisterschaftsspiele musste die Beckentemperatur über 20 Grad liegen, die konnte das Kamener Freibad im Herbst aber nicht mehr bieten. Was tun? Guter Rat war teuer. Da fiel den Verantwortlichen auf, dass direkt vor dem Freibad die Zechenbahn vorbeifuhr. Und so stand schon Stunden vor Beginn der Spiele eine Dampflok vor dem Freibad. Über dicke Schläuche wurde Wasser aus dem Becken angesogen, aufgeheizt und zurück ins Bad geleitet. Bei Spielbeginn waren die erforderlichen 20 Grad erreicht. Der Bergbau hat damals eben das Bild der Stadt geprägt und gefördert, bis hinein in skurrile Einzelheiten.

Wie berechtigt der Titel „Verein ohne Winterbad“ war, merkt man auch an den Trainingszeiten der Mannschaft. In den Wintermonaten musste der SV nach Unna ausweichen und da hatte man eine Trainingsstunde am Sonntag von sieben bis acht Uhr morgens. Vereine aus Städten, die ein Hallenbad hatten, waren folglich entschieden im Vorteil.

1966 stieg die Mannschaft in die Oberliga A auf und wurde komplett als Westdeutsche Auswahl zu einem Länderspiel gegen Holland B nominiert.

Die beste Zeit des SV Kamen, allerdings ohne Titelgewinn, folgte ab 1970. Da wurde die zweigeteilte Bundesliga eingeführt und der SV Kamen qualifizierte sich für die Bundesliga Nord. Die besten Mannschaften Deutschlands spielten damals in Kamen und so manche von ihnen wurde besiegt. Gleich im ersten Jahr belegte der SV Kamen punktgleich mit Poseidon Hamburg den 3. Platz. Da sich die ersten drei für das Endrundenturnier qualifizierten, musste ein Entscheidungsspiel her, das der SV Kamen gegen Hamburg denkbar knapp mit 5:4 verlor. Andernfalls hätte der kleine Provinzverein nach den Sternen greifen können und um den Titel eines Deutschen Meisters mitgespielt.

Schon vorher hatte der SV Kamen erstklassige Trainer. Hans Schepers war Ende der sechziger Jahre Trainer, entwickelte die Mannschaft weiter und wurde anschließend Bundestrainer.

Sein Nachfolger war dann ein ganz besonderer Wasserballer. Ingulf Nosseck kam aus Esslingen und wurde Sportlehrer an der Kamener Gesamtschule. Nosseck war damals der beste deutsche Spieler, weit über 100 Länderspiele hat er bestritten, nahm auch an der Olympiade 1972 teil, wo die deutsche Mannschaft den undankbaren 4. Platz belegte. Nosseck aber, Spieler des SV Kamen, wurde Torschützenkönig des Turniers.

Er starb schon früh mit 59 Jahren. So hat er die Karriere seines Sohnes Heiko nur in den Anfängen miterlebt. Heiko Nosseck bestritt über 300 Länderspiele für Deutschland und nahm an allen großen Turnieren teil. Allerdings spielte er für den SSV Esslingen, nie für den SV Kamen.

Der Deutsche Schwimmverband hatte sich für das olympische Turnier 1972 etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Man ließ einfach die Meisterschaftsrunde ausfallen, damit Bundestrainer Schepers in aller Ruhe und Gründlichkeit das Team für die Münchner Spiele vorbereiten konnte. Der berief zuerst 24 Spieler in den erweiterten Kader, reduzierte dann nach einigen Länderspielen auf 18, um schließlich die  12 Besten zum Turnier mitzunehmen.  In diesem Auswahlkader spielten zwei weitere Kamener eine Rolle. Heino Seiffert gehörte dem großen Aufgebot an, machte auch ein allerdings unglückliches Länderspiel und schied früh als Kandidat aus. Ulrich Huth war aber lange ein Kandidat für Olympia und bestritt eine ganze Reihe Länderspiele. Als noch 13 Spieler übrig blieben, war „Uli“ Huth vom SV Kamen immer noch dabei. Seine Freunde drückten ihm fest die Daumen, aber als letzter Spieler wurde er aus dem Aufgebot gestrichen und verpasste denkbar knapp die Olympiateilnahme. Von ihm sagt Lothar „Lollo“ Reek, viele Jahre lang Torwart des SV und ebenfalls Juniorennationalspieler, seine Würfe wären mit solcher Wucht aufs Tor gekommen, dass immer blaue Flecken zurückgeblieben seien, obwohl er doch schon genügend abgehärtet war.

Mit dem SV Kamen ging es danach langsam aber sicher bergab. Noch zwei Jahre hielt sich der Verein in der Bundesliga, wurde sechster, dann siebter, aber 1975 war es so weit. Mit dem 8. Platz stieg der SV Kamen aus der Bundesliga ab.

Viele Jahre blieb er von nun an zweitklassig, nicht schlecht für einen so kleinen Verein und 1996 schaffte er tatsächlich noch einmal den Aufstieg, diesmal in die einteilige erste Bundesliga. Wieder spielte der Verein aus der Provinz gegen die ganz Großen in seinem Sport, konnte aber nicht wirklich mithalten. Nach dem Aufstieg folgte schon ein Jahr später der Abstieg.

In dieser Zeit hatte der SV Kamen abermals einen ganz Großen dieses Sports in seinen Reihen, Dirk Jakobi nämlich, der in seiner Kamener Zeit Jugend- und Juniorennationalspieler wurde, dann aber nach Duisburg wechselte, wo er zum Nationalspieler mit über 150 Länderspielen wurde und bei Europameisterschaften die Bronzemedaille gewann.

Ganz gradlinig nach unten ging es für den SV Kamen aber auch jetzt noch nicht. Bei einem Qualifikationsturnier im heimischen Freibad schaffte der Verein noch mal den Aufstieg in die zweite Bundesliga, aber auch dies blieb Episode. Danach begann ein tiefer Absturz, der den Verein sehr weit nach unten führte. Lollo Reek meint, dass das harte Training daran einen großen Anteil hat. Wasserballer müssen schnell schwimmen können, glaublich viel Krafttraining betreiben und bekommen dafür keinen müden Euro. Jugendliche, die sich für Fußball entscheiden, sind da deutlich im Vorteil. Das Training ist weniger hart, schon in unteren Klasse wird Geld gezahlt, wer will da noch Wasserballer werden? Immerhin hat sich der SV Kamen nach vielen Rückschlägen inzwischen wieder bekrabbelt. In der Verbandsliga, der vierten Klasse, spielt er inzwischen und da wieder gegen Mannschaften mit großen Namen. Blauweiß Bochum ist dabei, Duisburg 98, wenn auch mit ihren zweiten und dritten Mannschaften.

Immerhin, der Abwärtstrend ist gestoppt, sagt Klaus Kreuzmann, nacheinander Spieler, Trainer und Vorsitzender des Vereins. Und so oft, wie sich der Schwimmverein Kamen erholt hat, kann man gespannt sein, was noch folgen wird.

Archiv: Kamener Traditionsverein verabschiedet sich vom Freibad

Ein richtiger, altmodischer Buchhändler

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

otto woertzLaden ArchivKHFotos: Archiv K. Holzer

von Heinrich Peuckmann

otto woertz ArchivKH

Kamen. Alteingesessene Kamener erinnern sich noch mit Wehmut an einen früheren Buchhändler, an Otto Wörtz, der seine Buchhandlung auf der Bahnhofstraße hatte, zuerst an der Maibrücke, später gegenüber von Kümper. Wörtz liebte Bücher. Vor allem, er hielt das, was er gelesen und für gut befunden hatte, lange vorrätig. Zwanzig Jahre lang hatte er die gesammelten Werke von Arno Schmidt in seinem Laden stehen, einem der großen Außenseiter der Gegenwartsliteratur. Kein Gedanke daran, unruhig zu werden, Wörtz wusste um Schmidts Bedeutung. Dann kam mein Autorenfreund Horst Hensel und kaufte sie ihm alle  ab.

Wörtz liebte Hermann Hesse. Man konnte immer mit ihm darüber reden, er empfahl auch unbekannte Werke des Nobelpreisträgers. Einmal habe ich ihn dabei geschockt. Ich hatte einen Bericht über eine ungewöhnliche Lesung von mir veröffentlicht, Wörtz hatte ihn gelesen und empfahl mir zum Vergleich Hesses Lesungsbericht „Nürnberger Reise.“ Ich las und fand, dass der Meister sich seinem Publikum gegenüber sehr geziert verhalten hatte. Später fragte mich Wörtz nach meiner Meinung und ich sagte – ein bisschen auch, um ihn zu provozieren - dass ich meinen Bericht besser fände. Ich sehe noch seine entsetzten Augen. Peuckmann vergleicht sich mit Hesse und findet sich auch noch besser. So war es natürlich nicht gemeint, aber ich wollte seinen Lieblingsautor gern ein wenig vom Sockel holen.

Überhaupt lohnte sich mit Wörtz ein Gespräch über Literatur. Die Freude über schöne Leseerlebnisse übertrug sich auf seine Kunden, Wörtzt schaffte um sich herum ein Klima der Lesefreude.

otto woertzAnzeige ArchivKHIrgendwann brauchte ich für das Studium die programmatischen Erklärungen des Expressionismus, jener Schriftsteller um 1900 also, die vor allem Gedichte geschrieben haben. Die Sammelbände, in denen sie erschienen waren, hatte der Literaturkritiker Fritz J. Raddatz herausgegeben. „Marxismus und Literatur“ hießen sie, ich habe sie bis heute. Wörtz packte mir die Bände in eine Plastiktüte. „Es muss nicht jeder in Kamen sehen, was Sie da lesen“, sagte er. Ich musste lachen, trotzdem wusste ich schon damals, dass Wörtz Recht hatte. Es wäre sicher Anlass zu dummem Gerede gewesen.

So einen Buchhändler hat es auch einmal gegeben, fiel mir irgendwann wieder ein, auch in Kamen. Aber sie befinden sich auf dem Rückzug. Buchhandlungsketten treten an ihre Stelle. Schade für alle Bücherfreunde und für die Autoren.

Irgendwann meldete sich eine Enkelin von ihm bei mir. Im Rentenalter hatte er Kamen verlassen und war in den Raum Stuttgart gezogen. Dort hatte er die letzten Lebensjahre in einem Altenheim verbracht. Ich weiß nicht mehr genau, wie alt er geworden ist. Aber es ist ihm ein langes Leben vergönnt gewesen, wie mir die Enkelin erzählte.

otto woertzLadenumbau ArchivKHBuchhandlung nach dem Umbau (nach 1961)

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