Parcours in die Geschichte Südkamens lockt nur wenige Besucher

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Suedkamen01 920CVEine Station auf dem Parcours zur 800-jährigen Geschichte Südkamens stellte die Kindertageseinrichtung „Unter dem Regenbogen“, die über ihre neue Einrichtung informierte. Fotos: Christoph Volkmer für KamenWeb.de

von Christoph Volkmer

Suedkamen03 920CVSteinmetz- und Steinbildhauermeister Hans Determann informierte auch über den Betrieb, der bereits 115 Jahre existiert.Südkamen. „Zurück in die Zukunft“, „Terminator“ oder „Bill und Teds verrückte Reise durch die Zeit“ - Filme, bei denen Zeitreisen eine entscheidende Rolle spielen, gibt es reichlich. Ganz so spektakulär sah am Samstag die Reise durch die 800-jährige Geschichte Südkamens natürlich nicht aus, bot aber dennoch einen informativen Einblick in das Leben im Stadtteil.

Vereine, Gruppen, Unternehmen und Institutionen ermöglichten auf dem Gelände des Steinmetzbetriebs Determann Stippvisiten in die Geschichte der einstmals selbstständigen Gemeinde. Um die Veranstaltung auf dem 5000 Quadratmeter großen Gelände unter Corona-Bedingungen zu realisieren, hatte Gastgeber Hans Determann mit dem früheren Stadtarchivar Hans-Jürgen Kistner und Mitgliedern des Rotary Club Kamen einen Einbahnstraßen-Parcours abgesteckt.

Der Austragungsort war nicht zufällig gewählt, denn der Betrieb Determann stellt seit 1905 individuelle Grabmale, Bildhauerarbeiten und Brunnen her und feiert aktuell sein 115-jähriges Bestehen. Da der Steinmetz- und Steinbildhauermeister auch Mitglied beim Rotary Club ist, der in diesem Jahr den 20. Geburtstag begeht, präsentierten sich die Rotarier ebenfalls vor Ort. „Das passt gut zusammen“, sagte Determann zu den beiden Jubiläen. Auch Determann selbst hat dieser Tage einen besonderen Arbeitstag. „Am 1. Oktober bin ich genau die Hälfte der 115 Jahre im Geschäft tätig.“

Suedkamen04 920CVAm Stand der Stadt Kamen informierte Katja Herbold vom Stadtmarketing unter anderem über das Stadtleuchten, das vom 2. bis 4. Oktober stattfinden wird. Neben historischen Einblicken boten Präsentationen von Feuerwehr, Südschule und weiteren Institutionen wie der Druckerei Kemna ebenso Ausblicke in die Zukunft. Bestes Beispiel dafür setzte die Evangelische Kindertageseinrichtung „Unter dem Regenbogen“. Leiterin Ingelore Schraad informierte über den laufenden Neubau der Tageseinrichtung, in der sich voraussichtlich ab März 2021 vier Gruppen mit insgesamt 75 Kindern im Alter von vier Monaten bis zum Schuleintritt entwickeln können. Als Anschauungsobjekt hatte die Kindergartenleiterin ein Modell des möglichen neuen Außengeländes mitgebracht, über dessen Gestaltung sich Mitarbeiter und Förderverein jüngst bei einem Workshop kreative Gedanken gemacht haben.

Mit der Geschichte des Stadtteils sind seit Anfang des Jahres auch die Heimatfreunde um Peter Resler und Karl Böhm beschäftigt. Die Herren haben unter anderem das mobile Heimatmuseum über Südkamen auf mehreren Roll-Ups zusammengestellt, auf denen viele Informationen von der Siedlungsgeschichte bis hin zu Tipps für eine Radtour zu historischen Stationen des ehemaligen Dorfes zu finden sind.

Dazu haben die Geschichts-Begeisterten eine Homepage (www.heimatpflegesuedkamen.de) erstellt. „Wir nehmen gern alles, was mit Südkamen zu tun hat“, sagt Resler, denn die Homepage soll noch informativer werden. Vor allen Dingen alte Fotos von Gebäuden suchen die Heimatfreunde, um anhand der Aufnahmen Bezüge zur Gegenwart herstellen zu können. Noch handelt es sich um eine Wanderausstellung, denn feste Räumlichkeiten haben die Ortsheimatpfleger noch nicht gefunden. „Wir möchten aber gern möglichst bald eine eigene Heimatstube haben“, sagte Resler.

Die Resonanz auf den recht kurzfristig organisierten Parcours hielt sich am Samstag in überschaubaren Grenzen. Das war schade, denn die Aussteller, die ihre Vorstellungen teils sehr liebevoll vorbereitet hatten, hätten trotz der wenig attraktiven Wettervorhersage einen größeren Zuspruch verdient gehabt. Die Feierlichkeiten zum 800. Geburtstag Südkamens sollen im August 2021 - dann hoffentlich ohne Corona-Begleiterscheinungen - auf dem Festplatz an der Südschule fortgesetzt werden.

Suedkamen02 920CVDie Ortsheimatpfleger um Peter Resler (2.v.r.) hatten ihr mobiles Heimatmuseum über Südkamen mitgebracht.

Die Sedansäule von 1872 auf dem Marktplatz in Kamen

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KHsedan1Abb. 1: Napoleon übergibt König Wilhelm seinen DegenAm 2. September dieses Jahres vor 150 Jahren ging eine Schlacht mit dem Siege Deutschlands zu Ende, die auch für Camen (mit C noch bis 1903) erhebliche Veränderungen brachte. Der deutsche Sieg in der Schlacht bei Sedan im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 war ein wichtiger Schritt hin zur Gründung des Deutschen Reiches, das als letzte große Nation Europas mit der Krönung des Königs in Preußen, Wilhelm I, zum Deutschen Kaiser am 18. Jan. 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles Wirklichkeit wurde. Der Krieg war zwar noch nicht zu Ende, immerhin aber gab es nach der Kapitulation von Paris am 28. Jan. 1871 einen Waffenstillstand, aber erst am 10. Mai d.J. den Friedensvertrag von Frankfurt. Aus dieser Abfolge der Ereignisse wird schon deutlich, daß das deutsch-französische Verhältnis auf viele Jahre hinaus belastet sein würde, die „Erbfeindschaft“ weiter bestehen würde. Und da ist noch nicht die Rede von der Wiedereingliederung Elsaß-Lothringens ins Deutsche Reich (1681 hatte Louis XIV die Freie Reichsstadt Straßburg mit Elsaß und Lothringen im Zuge seiner Reuninonspolitik Frankreich eingegliedert) und fünf Milliarden Goldfrancs als Reparationsleistung an Deutschland. Immerhin ging es unter den Königen und Kaisern einigermaßen ritterlich zu. König Wilhelm war selber auf dem Kriegsschauplatz anwesend, mußte wie alle anderen auch schon einmal auf dem Fußboden schlafen, und zu essen gab es auch nicht immer Gutes und genug. Dem unterlegenen französischen Kaiser wurde ein Salonwagen einer preußischen Eisenbahngesellschaft zur Verfügung gestellt. Er durfte auf einem Schloß in Kassel wohnen. Wilhelm berichtete aus „Vendresse, südl. Sedan, 3.Sept. 1870, an Königin Augusta in Berlin“ über seine Sicht auf den Sieg bei Sedan. U.a. zitiert er in seiner Depesche über die Kapitulation des französischen Kaisers dessen Worte: „N’ayant pas pu mourir à la tête de mes troupes je dépose mon épée à Votre Majesté.“ (Da es mir nicht gelungen ist, an der Spitze meiner Truppen zu sterben, überreiche ich hiermit Eurer Majestät meinen Degen.) Und die Jugend Berlins bekränzte preußische Denkmäler.

KHsedan2Abb. 2: Familie von Basse: Julius von Basse (vorn rechts) war von 1847 bis 1877 Bürgermeister von Camen ; Hugo von Basse steht hinten in der Mitte (s. Anm.)Die Meldung von diesem Sieg erreichte Camen umgehend. Pfarrer Friedrich Pröbsting, der Autor einer umfänglichen Geschichte Camens, schrieb in seinen Erinnerungen (1902/03): „ Als die Nachricht vom Sieg bei Sedan und von Napoleons Gefangennahme zu uns kam, ließ ich einen Tambour kommen, stellte mich an die Spitze unserer Schuljugend, und unter dem Siegesgeläute aller Glocken zogen wir singend durch die Straßen der Stadt. Alsbald strömten die Menschen scharenweise zusammen, und eine wunderbare, freudige Bewegung ging durch das ganze Volk, groß und klein. Einer beglückwünschte den andern und dankte Gott. Am Mittag versammelte der Bürgermeister von Basse die Bürger auf dem Markt, ließ die herbeigeholte Musikkapelle patriotische Weisen spielen und las die Siegesdepeschen vor. Dann hielt ich der versammelten Menge eine feurige Rede und weissagte, daß nun auch die verlorenen deutschen Brüder im Elsaß und in Lothringen sich wieder mit uns vereinigen müßten. Hochbegeistert brachten wir dem tapferen Heere, unsern Brüdern im Felde und dem König Wilhelm unsere Huldigung dar.“

KHsedan3Abb. 3: Die Sedansäule im Jahre 1878Der hier erwähnte Bügermeister (Julius) von Basse war zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre lang im Amt. Als überzeugter Patriot betrieb er von Stund an die Errichtung eines Denkmals, das auf Camens Markt stehen und Ort vieler zukünftiger patriotischer Feiern sein sollte. Sofort fing man an, bei allen Gelegenheiten Geld für diesen Zweck zu sammeln, und schon im folgenden Jahr war die notwendige Summe beisammen. Am 2. Sept. 1872 fand die feierliche Einweihung statt.

Der Gesamteindruck der Einweihungsfeier wird Im „Hellweger Anzeiger und Bote, verbunden mit dem amtl. Kreisblatt für den Kreis Hamm“ (HA) in einem Artikel vom 5. Sept. 1871 mit den folgenden Worten KHsedan4Abb. 4: Eine Sedanfeier wohl in den 1880er Jahrenwiedergegeben: „Der Gesammteindruck war ein ungemein wohlthuender und befriedigender. Es war ein rechtes Volksfest. Keine Klasse, kein Stand des Volkes blieb unbetheiligt; vom kleinsten Kinde bis zum alten Krieger, […] wurden lebhaft ergriffen von dem Ernst und der Freude des Tages.“ Die „hohen Ideen der Vaterlandsliebe, der Treue, der Freiheit, der Ehre […] fanden hier ihre Befriedigung“.

KHsedan5Abb. 5: Die Säule um 1910: die Kirche Hl. Familie steht seit 1902 neben dem Schiefen TurmNach morgendlichem Kirchgang, Glockenläuten und dem Lied „Nun danket alle Gott“ strömte ganz Camen (lt. einer Zählung von 1871 hatte Camen damals 3723 Einwohner) zum Marktplatz, wo das vom Paderborner Bildhauer J. Hellweg erschaffene Denkmal seiner Enthüllung wartete, theatermäßig inszeniert. Zuerst erinnerte Pfarrer Bertelsmann an die Entstehungsgeschichte des Denkmals und und zählte alle diejenigen auf, die zu seiner Aufstellung wesentlich beigetragen hatten. „Dann gab er das Zeichen zum Fallen der Hülle, die Schützen präsentirten das Gewehr und mit tausend stimmigem Hoch auf Kaiser und Reich wurde das Denkmal begrüßt. Das enthüllte Denkmal übergab er nun der Stadt zum Eigenthum und forderte Alt und Jung auf, es zu schonen und zu hüten […].“ KHsedan6Abb. 6. Eine Sedanfeier vor 1900

Es besaß einen „kräftigen Sockel“, eine „schlanke Säule“, ein „kunstreiches Kapitäl“ und einen „starken wehrhaften Adler“, (HA 5.9.1872) der selbstredend seinen scharfen Schnabel gen Westen richtete, wo der „Erzfeind“ wohnte. Die Inschriften lauteten: „Fest steht und treu die Wacht am Rhein.“ Und: „Mit Gott für König und Vaterland.“ (zit. nach Göhrke, S.158) Aber es gab zwei weitere Platten, die „zerschlagen und als Trümmer abtransportiert“ (HA, 8.11.1956) wurden. Die auf der Nordseite des Sockels trug die Inschrift: „Die Stadt Camen und die Gemeinden Bergcamen, Derne, Lerche, Overberge, Rottum, Südcamen ihren im Kriege gegen Frankreich 1870–1871 gefallenen Söhnen in dankbarer Erinnerung gewidmet.“ Die auf der Südseite: „Es starben den Heldentod für Kaiser und Reich“, dann folgten die Namen von 12 Gefallenen aus Kamen, fünf aus Overberge und einem aus Bergkamen (HA, 8.11.1956).
Anschließend feierten alle zusammen „auf dem Festplatze der schönen Wiese des Herrn Reinhardt mit Spielen und Wettkämpfen“ für Erwachsene und Kinder. Den Abschluß des Tages bildete ein Fackelzug.

KHsedan7Abb. 7: Die Gaststätte von Wilh. Reinhardt, als Schützenhof bekanntDiese Camener Sedanfeier war ein so großer Erfolg, daß Unna voller Neid fragte: „Wann wird endlich unsere Stadt zur Errichtung eines so oft ausführlich berathenen ja beschlossenen Denkmals kommen?“ (HA 3.9.1872)
Ganz ohne einen Mißton ging es bei aller Freude dennoch nicht zu. Im HA vom 11. Sept. 1872 wird zum Beleg für breiteste Beteiligung aller Camener aufgezählt, welche Religionsgruppen sich am Fest beteiligten: Die lutherische Gemeinde (es wird extra erwähnt, daß die Lutherkirche „mit ihren Glocken, deren eine aus in dem letzten Kriege und von Sr. Majestät der Gemeinde zum Geschenk gemachten Kanonen gegossen, eingeläutet worden ist“) mit ihrem Pfarrer und ihrem Lehrer, der katholische Lehrer, der jüdische Lehrer, die Lehrerin an der höheren Privattöchterschule und die 2 Lehrerinnen an der größeren ev. Schule. In der kath. Kirche aber sei „kein Dankgottesdienst abgehalten“ worden und die kath. Lehrerin habe sich sich nicht nur vom Feste ferngehalten, sondern sogar in demonstrativer Weise unterrichtet, was allerdings in der folgenden Ausgabe (HA 14.9.1872) in einem Leserbrief heftig bestritten wurde. Wer wollte schon seine patriotische Gesinnung in Frage stellen lassen?KHsedan8Abb. 8: Di Sedansäule – Kristallisationspunkt auf dem Marktplatz

„Sedan“ war so gelungen, daß es von nun an jedes Jahr ein solches Fest geben sollte, da waren sich die Camener einig. Klaus Goehrke (S. 158) schreibt dazu: „Nach dem Sieg über Frankreich und der Ausrufung des Kaiserreichs wurden Stadt und Land von einem patriotischen Rausch erfaßt.“ An der Choreographie brauchte nicht viel geändert zu werden: ohne die Pfarrer und Gottesdienste in ihren Kirchen, ohne Turner und Schützen, Kriegervereine, die vielen anderen Vereine und vor allem ohne die Schulen war ein solches Fest nicht vorstellbar. Ein gewöhnlich dreifaches Hoch auf Kaiser und Vaterland, Ehre und Treue, dazu Musik, Fahnen, Fackelzug, Tanz bei Reinhardt – wenngleich uns Heutigen der Grundtenor solcher Veranstaltungen nicht mehr gefällt, läßt sich doch nicht leugnen, daß sie ein großes Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen imstande waren. Der HA vom 10. Sept. 1873 faßt es so zusammen: „Solch’ ein Fest müssen wir jedes Jahr haben, so hörte Schreiber dieses Manchen sprechen, und er stimmt selbst in diesen Wunsch ein.“

Um zu zeigen, welch groteske Formen übersteigerter Nationalismus zu jener Zeit annehmen konnte, sei hier ein Beispiel aus Unna zitiert. Unter dem Datum 7.9.1870 in der Ausgabe des HA vom 10.9.1870 wird von einem Hauptmann von Esebach, 94. Inf.–Rgmt., aus Unna berichtet, gefallen in der Schlacht bei Wörth, der seiner Gattin, einer geborenen v. Pappenheim, einen Brief zustellen läßt, in dem er schreibt: „Wenn das Kind welches sie erwarte ein Knabe sein sollte, so solle sie diesen nichts anderes werden lassen als Soldat, 'denn es sei schön, fürs Vaterland zu sterben’“.

KHsedan9Abb. 9: Die Säule nach ihrer Umsetzung Anfang der 1930er JahreNach dem verlorenen Ersten Weltkrieg freilich erhielt diese patriotische Gesinnung einen erheblichen Dämpfer, selbst eine notwendige, von den Kriegervereinen wiederholt angemahnte Reparatur des Adlers unterblieb, das Denkmal wurde gar versetzt, „um den Marktplatz aufzuwerten“ (Goehrke, S. 158).

Was Wunder, wenn auch den Camenern aller Sinn für Parolen vergangen war (doch schon 1933 änderte sich das wieder. Parolen schrie man wieder, wenngleich anders gefärbte. Aber das ist ein anderes Kapitel): der Steckrübenwinter 1916/17, die Kapitulation des gerade erst gefeierten, noch jungen Reiches 1918, der Kaiser im Exil in Holland – hier halfen keine Sedanfeiern und Hochrufe mehr. Das Denkmal blieb noch bis 1956 stehen, wenn auch wohl nicht mehr alle Kamener wußten, wofür es stand.

Dann kam der Zweite Weltkrieg, erneut die Kapitulation, nicht mehr hat sich ein Kaiser ins Exil geflüchtet, dafür der Weltverderber selber umgebracht. So unterschiedlich die Figuren, so gleich das Verhalten in der Niederlage: der Verantwortung entziehen sich beide.

In diesem Krieg wird das Sedandenkmal beschädigt und die Diskussion über seinen Wert setzt erneut ein. Inzwischen hat sich der Wind gedreht, die Bilderstürmer bilden plötzlich die Mehrheit. Die Stadtverwaltung holt bereits im Mai 1951 die ersten Angebote von Bauunternehmen für einen Abriß des Sedandenkmals ein, stellt aber gleichzeitig klar, daß es nicht um eine Zerstörung gehe, sondern es im Stadtpark wieder aufgestellt werden solle (Westfalenpost, 17.11.1956). Allerdings scheute der Bauausschuß die Kosten, so daß das Vorhaben erst einmal zurückgestellt wurde. Außerdem riß die Diskussion über den Sinn des Abrisses nicht ab, „zumal in der Kamener Innenstadt kein anderes Mal an die Opfer der Kriege erinnert und es in Kamen eine schöne Sitte der Vereine geworden war, hier inmitten der Stadt der Toten zu gedenken“ (HA, 8.11.1956). Unabhängig von der öffentlichen Diskussion hatte jedoch der Hauptausschuß des Rates der Stadt Kamen am 19. Jan. 1956 mit der großen Mehrheit von SPD und CDU diesen Abriß beschlossen, aber nur unter der Voraussetzung, den „Tafeln mit den Namen der Toten einen würdigen Platz zu geben“ (HA, 8.11.1956). Drei Gründe wurden für die Entfernung vorgebracht: das Denkmal sei nur noch ein Torso; es bilde keine Zierde für den Marktplatz; es stelle ein Verkehrshindernis dar (!). Vor allem das letzte Argument stellte bereits die Weichen für „Kamen – die schnelle Stadt“, die anderthalb Jahrzehnte später mit der Flächensanierung der Nordstadt begann und der „autogerechten Stadt“ den Weg ebnete.

KHsedan10Abb. 10: Arbeiter beim Abbruch der Säule am 7. Nov. 1956Das Protokoll der Sitzung des Kulturausschusses des Rates der Stadt Kamen vom 8. Okt. 1954 geht präzise auf die Vorstellungen ein, die mit einer Neukonzeption des Gedenkens an die Toten der Kriege verbunden sein soll: auf der Fläche südlich des Schiefen Turms oder in der Mulde zwischen den beiden großen Kirchen solle ein Ehrenmal entsprechend den örtlichen Gegebenheiten gestaltet werden, das „den Angehörigen aller Verbände Gelegenheit zu Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen geben und gleichzeitig das Andenken der Toten wahren“ solle. Eine noch zu bestimmende Inschrift solle dem Gedenken „aller gefallenen Soldaten, aller Bomentoten (sic!) und zivilen Kriegsopfer, aller durch Flucht und Vertreibung Umgekommenen, aller durch Opfer des nationalsozialistischen Terrors und aller Opfer des sowjetischen Terrors dienen“.

KHsedan11Abb. 11: Arbeiter beim Abbruch der Säule am 7. Nov. 1956Entsprechend dem Beschluß vom 19.1.1956 rückte am Morgen des 7. Nov. 1956 eine Dortmunder Abbruchfirma auf dem Marktplatz an und begann, das Denkmal, das, stadtbildprägend, 84 Jahre lang dort gestanden hatte abzureißen, abends „gegen 17.30 Uhr verließ die letzte Fuhre mit den Steinresten des Kriegerdenkmals von 1870/71 den Kamener Marktplatz“ (HA, 8.11.1956).

Seitdem ist der Marktplatz mehrfach umgestaltet worden, doch einen zentralen Ort hat es darauf nie wieder gegeben. Der Platz ist in der Mitte leer geworden, wahrscheinlich weiß kaum noch jemand, daß es dieses Denkmal einmal gab oder gar, wofür es stand. Der Krieg von 1870/71 ist vergessen, trotz seiner für die deutsche Geschichte großen Bedeutung, gab es doch vorher kein Deutschland, nur ein Gebiet mit einer einheitlichen Sprache, wenn auch in viele Dialekte zergliedert, das aus mehreren Dutzend voneinander unabhängiger Königreiche, Herzogtümer, Freier Reichsstädte usw. bestand.

In vielen Diskussionen zur deutschen Geschichte wird, zu Recht, die Bedeutung von Zeitzeugen betont, gleichzeitig bedauert, daß diese aussterben. Es gibt nur noch wenige Überlebende des Holocausts, die aus eigener Erfahrung über das Grauen in den Konzentrationslagern berichten können. Wenn wir nun auch noch fortfahren, die „steinernen Zeitzeugen“, mögen sie für Ereignisse oder Personen stehen, zu beseitigen, stellen wir auch alles, wofür sie stehen, dem Vergessen anheim und werden geschichtslos. Und einer Stadt, die arm ist an stadtbildprägenden Monumenten, stünde so etwas heute gut zu Gesicht. Der Verlust dieses und der vielen anderen Nonumente, die seit Kriegsende in Kamen beseitigt wurden, schmerzt. Aus Geschichte lernt man nur, indem man sich ihrer erinnert, im Guten wie im Schlechten.

Vielleicht ist das die Lehre, die wir aus der Geschichte der Sedansäule von 1870/71 ziehen können, besonders im Hinblick auf die gegenwärtige öffentliche Diskussion?

Weitere Artikel über Kamen finden Sie unter www.kulturkreiskamen.de

KHsedan12Abb. 12: Adolf von Basse mit seiner FrauAnm.: Beim Tode Julius von Basses 1877 schrieb Pröbsting in seiner Camener Stadtgeschichte (1901): „Er hat sich die Dankbarkeit und Liebe seiner Bürger in hohem Maße erworben, denn er führte sein Amt sorgfältig und gerecht; war ein Freund und Berater der Hilfsbedürftigen und Armen, ein vorsichtiger und sparsamer Verwalter der städtischen Finanzen und in jeder Hinsicht ein Ehrenmann. Dabei war er durch und durch ein königstreuer Mann und ein Patriot.“

Nach seinem Tod folgte ihm sein Sohn Adolf von Basse (Abb. 2., hinten links) im Amt und versah dieses bis 1913. Vater und Sohn waren zusammen 66 Jahre Bürgermeister von Camen! Adolf von Basse liegt auf dem alten Kamener Friedhof begraben.
Zu Hugo von Basse (Abb. 2., hinten Mitte) steht im HA vom 17. Sept. 1870 unter dem Datum 16. Sept. 1870 die Meldung: „Lieutenant v. Basse aus Camen, vom II. Bataillon, 18. Inf.–Reg., todt, gefallen bei Metz.

Abbildungen:
Abb. 1: Wikipedia
Abb. 2, 7, 9 & 12: Archiv Klaus Holzer
Abb. 3, 4, 5 & 6: Stadtarchiv Kamen
Abb. 8: Fr. Pietsch, Methler
Abb. 10: HA 8.11.1956, (Schlüter), bearb. von Stefan Milk
Abb. 11: WP 8.11.1956 (Archiv Stadt Kamen)

Literatur:
1. Fritz Pröbsting, Erinnerungen aus meinem Leben, Würzburg, o.J.
2. Fr. Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden, Hamm 1901
3. Hellweger Anzeiger und Bote, verbunden mit dem amtl. Kreisblatt für den Kreis Hamm (HA), Ausgaben von Sept. 1870, Sept. 1871, Sept. 1872, Sept. 1873
4. Klaus Goehrke, Burgmannen, Bürger, Bergleute, Kamen 2010
5. Westfalenpost, 17.11.1956
6. Kulturausschuß des Rates der Stadt Kamen, Protokoll vom 8.10.1954
7. Hauptausschuß des Rates der Stadt Kamen, Protokoll vom 19.1.1956

Sonder-Ausstellung: „Anton Praetorius kommt nach Kamen zurück“

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

hausderstadtgeschKW

Titelseite Praetorius Bericht Zauberey 1602 (Quelle: Wikipedia)Titelseite Praetorius Bericht Zauberey 1602 (Quelle: Wikipedia)Kamen. Ab Dienstag (18.08.2020) wird im Haus der Kamener Stadtgeschichte eine Ausstellung anlässlich des 460.Geburtstags von Anton Praetorius (1560 – 1613) präsentiert. Der berühmte und weithin geachtete Kämpfer gegen Hexenprozesse und Folter war ab 1586 für einige Jahre Rektor der Kamener Lateinschule und hat so einen engen Bezug zu Kamen und seiner Geschichte.

„Anton Praetorius kommt nach Kamen zurück“ ist eine Ausstellung zum 460. Geburtstag des Kämpfers gegen Hexenprozesse und Folter, Anton Praetorius (1560 - 1613) betitelt. Nachdem 1580 die Pest in Kamen und den umliegenden Gebieten gewütet hatte, kam im Jahr 1583 der Lehrer und Pfarrer Anton Praetorius, gebürtiger Lippstädter, in unsere Stadt. 1586 wurde er Rektor der Lateinschule. Allerdings verließ er Kamen schon bald wieder. Erst später, im Jahr 1598, veröffentlichte er unter einem Pseudonym das Buch „Von Zauberey und Zauberern. Gründlicher Bericht“. Mit einer Ausstellung im Museum wollen wir an den
Vorkämpfer gegen Hexenprozesse in Deutschland, wie schon 2010, erinnern.

Historische Plakate aus der Sammlung Hartmut Hegelers, wie Praetorius Lehrer und Pfarrer, der dessen Leben und Wirken über viele Jahre erforscht und dazu publiziert hat, werden gezeigt. Ergänzt werden sie um zeitgenössische Bilder der Künstlerin Angelika Ehrhardt-Marschall. Die Ausstellung ist bis Ende September 2020 zu sehen. Infos Haus der Stadtgeschichte >>>

Archiv: Stadtgeschichte: Antonius Praetorius, der vor 430 Jahren zum ersten Rektor der Kamener Lateinschule ernannt wurde

Das Geheimnis der Kirchturmspitze enthüllt

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

pauluskirche320KamenWeb1000Panoramablick über Kamen 

von Klaus Holzer | Fotos: Archiv KamenWeb.de

Kamen. Daß Kamen die Pauluskirche hat, weiß jeder Kamenser. Daß Kamen von 1873 bis 1983 eine Zeche namens Monopol hatte, weiß auch (noch fast) jeder Kamenser. Daß diese beiden Kamener Wahrzeichen auch miteinander zu tun hatten, wissen vielleicht nicht so viele.

Am 14. Mai 1922 zogen die Bergleute von Monopol die neuen Glocken in den Turm hinauf. Entgegen allen Gepflogenheiten wurde die mittlere Glocke ihnen zum Dank und zu Ehren „Glückauf-Glocke“ getauft. Daß es heute ein weithin sichtbares, wenngleich unbekanntes Zeichen der Verbundenheit gibt, weiß vermutlich niemand außer denen, die es veranlaßt haben. Immer sehen wir die neue Messingkugel (besonders schön bei Nacht, wenn sie im Dunkel zu schweben scheint) mit der auf ihr stehenden Wetterfahne. 
 
pauluskirche320KamenWeb DetailKreuz500Das Turmkreuz und seine Inschrift „Zeche 1949 Monopol“
Aber wer nimmt schon wahr, daß die Wetterfahne, wie es für evangelische Kirchen nicht untypisch ist, auf einem Kreuz befestigt ist? Und die Inschrift auf diesem Kreuz ist natürlich nicht zu erkennen: „Zeche 1949 Monopol“. Und von unten auch nicht, wie angefressen die Wetterfahne ist, die, wie auch die Turmkugel, aus vergoldetem Kupfer besteht.
 
Das erkennt man erst, wenn das Auge einer Drohne sich der Kirchturmspitze nähert, ihr so nahe kommt, wie es kein Mensch kann. Dann erkennt man die Einzelheiten und erhält einen atemberaubenden Blick über die Stadt. Und wie der Turm von oben aussieht – wer hat das schon einmal gesehen?
 
Wo kommt die Inschrift her, was hat sie zu bedeuten? Der Pauluskirchturm wurde durch zwei Bomben am 24. Februar 1945 stark beschädigt, sämtliche Fenster im Chor wie im Langhaus wurden zerstört. Es dauerte bis 1953, bis die Kirche vollständig wiederhergestellt war. Der Kamener Kirchenhistoriker Wilhelm Wieschhoff schreibt im November 1982 in seiner kleinen Ergänzung zur Geschichte der Pauluskirche: „Das Turmkreuz ist eine Spende der ehemaligen Zeche Monopol aus dem Jahre 1948.“ Offenbar geht die Schenkung aus das Jahr 1948 zurück, wurde aber erst 1949 umgesetzt. In der Sache hat Wieschhoff sicher recht. Die Verbundenheit zwischen den Bergleuten von Monopol und der Pauluskirche war anscheinend so groß, daß sie selbst nach einem Vierteljahrhundert noch eine Bindung zur Kirche verspürten und das Kreuz selbst schmiedeten und der Kirche schenkten. Damit sie nach der kriegsbedingten Beschädigung im alten Glanz wiedererblühen möge, das älteste Gebäude Kamens und das Wahrzeichen der alten Stadt.

Hier sei noch etwas nachgetragen (vgl. Artikel „Pauluskirche“ unter www.kulturkreiskamen.de): Im Jahre 1995 wurde der Turm grundsaniert und seine Höhe neu vermessen. Ergebnis: Vom Erdboden bis zur höchsten Spitze der Wetterfahne beträgt die Turmhöhe etwa 60m, 50 cm mehr als vor der Sanierung 1995.

Archiv: Zum Namensjubiläum – 100 Jahre „Pauluskirche“

Beiträge in der Rubrik "Stadtgeschichte"

pauluskircheoben320KamenWebBlick von oben

 

 

Kamen im Gedicht

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

von Klaus Holzer
 
Es gibt ein eigenes Genre Großstadtlyrik, entstanden zu Beginn des deutschen Kaiserreiches, als das Land sich anschickte, die Industrielle Revolution zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu machen. Überall entstand Industrie, Arbeitsuchende strömten aus den ländlichen Provinzen des Reiches in die Städte und machten sie zu Großstädten. Dieses Wuchern der Bevölkerungszahlen provozierte die Naturalisten Otto Erich Hartleben und Johannes Schlaf u.a., das damit aufkommende neue Lebensgefühl – Vermassung, soziales Elend und die Vereinsamung des Einzelnen inmitten der Masse in den Großstädten – in ihren Gedichten zu beschreiben.

Bereits 1903 erschien die erste Anthologie deutschsprachiger Großstadtlyrik, die sich nicht mehr objektiv mit dem Thema befaßte, sondern es aus der subjektiven Sicht des einzelnen darstellte.

1920 änderte sich der Tonfall radikal, als Gedichte der Expressionisten im Sammelband „Menschheitsdämmerung“ Endzeitgefühle und Fortschrittsvisionen miteinander verbanden, als Gegenpole das eine ohne das andere ohnehin nicht denkbar, schon gar nicht, weil der Erste Weltkrieg gerade zu Ende gegangen war. 

1931 dann waren es die Protagonisten der „Neuen Sachlichkeit“, die politische, soziale und wirtschaftliche Themen in ihrer Lyrik verarbeiteten.

Mit dem Beginn des Nationalsozialismus kam dieses Genre an sein Ende.

Kamen ist keine Großstadt, doch gibt es Lyrik, die sich ganz besonders mit unserem Städtchen beschäftigt. Es finden sich unter den Autoren keine Namen wie Kästner, Lichtenstein, Rilke, Trakl, Brecht, Heym, Benn, Ringelnatz oder Kalèko, dafür erscheint Kamen aber auch nicht als alles verschlingender Moloch, in dem nur monotones, eingeschränktes, d.h., unfreies Leben möglich ist. Kamen wird als liebenswertes Städtchen dargestellt, mit seinen Eigenheiten, seinen typischen Bauwerken. Und eigentlich geht es nirgends ohne den schiefen Turm, der in seiner Monumentalität  auch heute noch stadtbildprägend ist. Immer spiegelt sich die Liebe des Autors zu seiner Heimat wider, immer wird gereimt, auf diese Weise das harmonische Grundgefühl betont. Und meist wird Kamen auch bewußt in Westfalen verortet.

In der Einleitung zu dem folgenden Gedicht heißt es 1956 in „Heimat am Hellweg“, dem Vorläufer des Heimatbuches des Kreises Unna: Aus „vereinter Liebe zur Poesie und Geographie“ hat Carl Hengstenberg, weiland Pfarrer zu Wetter in der Grafschaft Mark, im Jahre 1819 bei Bädecker in Essen seine „Geographisch-poetische Schilderung der Provinzen Westfalen und Rheinland“ erscheinen lassen. Mit Vergnügen ist diese gereimte Landeskunde noch heute zu lesen. Wir entnehmen dem kunstvollen Werk die folgenden Strophen, aus denen zuletzt auf Notgeldscheinen nach dem ersten Weltkrieg öffentlich im Hellwegkreis zitiert wurde.“ D. Schr.

Pfarrer Johann Heinrich Karl Hengstenberg (1770 - 1834) war ab 1799 einige Jahre Prediger an der Fröndenberger Stiftskirche.

Wo sich die Ruhr durchs Tal der Weiden windet,
Die Lenne schnell durch Hochgebirge rauscht,
Die Lippe still den Weg zum Rheine findet,
Die Emscher durch Getreideebnen lauscht,
Wo an der Volme laut die Hämmer schallen,
Wie an der Enn’pe lebensvollem Rand,
Wo Zesicke und Ahse langsam wallen,
Da ist Westfalens Mark, ein schönes Land.

Die Kohle wird in Erdennacht gegraben
Und röthlich strahlt die sichre Feuerglut,
Leicht schwimmt die köstlichste der Landesgaben
Zum fernen Rheine auf des Hauptstroms Flut.
Reich fließt zu Königsborn des Salzes Quelle,
Sie rinnt zu Sassendorf im Korngefild;
Im Süderland trinkt aus des Baches Welle,
Aus der Forelle Aufenthalt das Wild.

Schwer zieht in Unna ein der Erntewagen,
Reich fließt der Salzquell zu in Königsborn,
Hier winkt ein Soolenbad in heitern Tagen,
Hier träufelt manche Wand von schwarzem Dorn.
Gleich Unna baut sein Feld das nahe Camen,
und hat wie Piesa seinen schiefen Turm.
Der Bürger streut voll Hoffnung reichen Samen
Die Zesicke bleibt ruhig selbst beim Sturm.

Ein wenig abgewandelt und illustriert von „J. Simon“* und „E. Rei.“* erscheint es im 20. Jh. in dieser Form:

KH720 Kamener Heimatspruch 1819Abb. 1: Kamener Heimatspruch

 

KH720 Klares WasserAbb. 2: „Klares Wasser"Offenbar begründet Hengstenberg damit eine Tradition, denn schon drei Jahre später erscheint im „Westdeutschen Musenalmanach“ für 1824, herausgegeben von Johann Baptiste Rousseau (1802 - 1867)  ein „Trinklied“, das ausgerechnet den Märkern einen Hang zur Abstinenz andichtet. Da er sie am Ende aber auffordert, zu prüfen, wie weit er recht hat, vermutet er wohl nicht zu Unrecht, daß vom erwähnten „klaren Wasser“ der Märker vielleicht nur den Klaren  trinkt und das Wasser wegläßt. Heinrich Heine jedenfalls stellt fest (s.u.), daß sie gut trinken und meint bestimmt nicht Wasser, sind sie doch gemeinsam mit Heine „unter die Tische gesunken“.  

Der größte, der wohl je über Westfalen geschrieben hat, ist Heinrich Heine (1797 - 1856). Es fällt auf, wie sehr er die Westfalen schätzt. Am deutlichsten wird das wohl in der Formulierung „sentimentale Eichen“. Für ihn sind sie treu und wacker, stehen mit beiden Beinen auf dem Boden, doch hofft er, daß sie vor Helden und Heldentaten bewahrt werden, aber auch, daß die hübschen Mädchen unter die Haube kommen – bei Heine geht es nie ohne Ironie.
In Caput X (lat.: Abschnitt, Kapitel) von „Deutschland. Ein Wintermärchen“ (1844) heißt es:
(zitiert nach: Heinrich Heine, Werke, Erster Band, S. 445f, Frankfurt/M. 1968)

Caput X.

Dicht hinter Hagen ward es Nacht,
Und ich fühlte in den Gedärmen
Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst
Zu Unna, im Wirtshaus erwärmen.

Ein hübsches Mädchen fand ich dort,
Die schenkte mir freundlich den Punsch ein;
Wie gelbe Seide das Lockenhaar,
Die Augen sanft wie Mondschein.

Den lispelnden westfälischen Akzent
Vernahm ich mit Wollust wieder.
Viel süße Erinnerung dampfte der Punsch,
Ich dachte der lieben Brüder.

Die lieben Westfalen, womit ich so oft
In Göttingen getrunken,
Bis wir gerührt einander das Herz
Und unter die Tische gesunken!

Ich habe sie immer so lieb gehabt,
Die lieben, guten Westfalen,
Ein Volk so fest, so sicher, so treu,
Ganz ohne Gleißen und Prahlen.

Wie standen sie prächtig auf der Mensur
Mit ihren Löwenherzen!
Es fielen so grade, so ehrlich gemeint,
Die Quarten und die Terzen.

Sie fechten gut, sie trinken gut,
Und wenn sie die Hand dir reichen
Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie;
Sind sentimentale Eichen.

Der Himmel erhalte dich, wackres Volk,
Er segne deine Saaten,
Bewahre dich vor Krieg und Ruhm,
Vor Helden und Heldentaten.

Er schenke deinen Söhnen stets
Ein sehr gelindes Examen,
Und deine Töchter bringe er hübsch
Unter die Haube – Amen!

Zwischen Unna und Kamen bestand seit Jahrhunderten eine Rivalität, wie man sie zwischen Nachbarstädten oft findet. Kamen war im MA lange Zeit die reichere und stärkere Stadt: Man hatte mehr Burgmannshöfe, ein Stadttor mehr, hatte die längere Stadtmauer und eine Reihe Privilegien, deren sich Unna nicht rühmen konnte. Die eine Stadt maß sich immer an der anderen. Und man neckte einander, durchaus nicht nur freundlich. Riefen die Unnaer ihren Nachbarn spöttisch „Kömsche Bleier, Kömsche Bleier“ hinterher, revanchierten sich diese mit „Esel Unna, Esel Unna“. Dann jedoch ging Kamens Stern im Verlaufe des 16./17. Jh. unter (Krieg, Pest, viele Stadtbrände), und Unna rückte vor und gab diese Stellung im Verhältnis zu Kamen auch nicht mehr ab.

So verstand man es dort, wie die Kamener Zeitung im November 1927 berichtete, vor allem im 19. Jh. vorzüglich, Behörden und sonstige Anstalten in seine Mauern zu holen: Landwirtschaftliche Winterschule, Katasteramt, Kulturamt, Bergrevieramt u.a. Da kam es ganz schlecht an, daß Kamen plötzlich in dieser Beziehung auch Ehrgeiz bekam und es schaffte, das Bergrevieramt von Unna nach Kamen zu holen. Da war man in Unna äußerst ungehalten. Als Kamen sich dann auch noch erdreistete, einen offiziellen Protest gegen eine Verlegung des Landratsamtes von Hamm nach Unna einzulegen, erboste sich der Unnaer „Bürger E…“ so sehr, daß er ein Schmähgedicht gegen die Kamener in einer Unnaer Zeitung veröffentlichte:

Der Protest

Ein Bleier war versunken
Tief in Philosophie.
Sein Hirn sprüht Licht und Funken
Denn er war ein Genie.

Er gab dem Esel Dalles*
Und fand es unerhört,
Daß dieser, statt des Stalles,
Ein Landratsamt begehrt.

Ein jeder Bleier brummte
Ihm Beifall ernst und fest,
Die Seseke selbst summte
Bei solchem Sturm Protest.

Sogar der Kirchturm zeigte
Sich voll Respekt und tief
Er still sein Haupt verneigte,
Er steht noch heute schief.


Doch ließ die Antwort eines unbekannten Kameners nicht auf sich warten. Der reimte bissig zurück:

Des „Bleiers“ Antwort

Ist denn ein Bleier je versunken?
Nein, Esel, dies sahst Du nie!
Doch deines Hirnes Geistesfunken,
Die zieren wahrlich kein Genie.

Und hast du noch dazu den Dalles*,
Dann ist es wirklich unerhört,
Daß man statt eines Eselstalles
Ein hohes Landratsamt begehrt.

Und wenn der Bleier wirklich brummte,
– Er brummt noch öfter ernst und fest, –
Und wenn sogar die Ses’ke summte –
Das, Meister Langohr, war Protest.

Sogar der Kirchturm sich verneigte,
Er macht aus seinem Zorn kein Hehl.
Er neigt sein altes Haupt und zeigte
Dem Esel nur sein – Achterdeel.

Drum, Nachbar Esel, laß dir raten,
Dein „Kohl“ reicht nicht an uns heran.
Die Tauben werden erst gebraten,
Bevor man sie genießen kann.

*Armut, Not, Geldverlegenheit

1851 schrieb der Hofrat am Oberlandesgericht Hamm, Moritz Friedrich Essellen (1796 - 1882), in seiner „Beschreibung und kurzen Geschichte des Kreises Hamm und der einzelnen Ortschaften in demselben“ über Kamen:
„Einer Sage nach erhoben die Bewohner von Camen, als die Erbauung von Unna begonnen wurde, dagegen mit den Worten Einspruch: „dat is us to nahe“ und daraus soll sich der Name Unna gebildet haben“, was aber eher unwahrscheinlich ist. Volksetymologie wird so etwas genannt und ist in der Regel eine hübsche Geschichte, die zu erzählen sich lohnt und die Eingang in den örtlichen Erzählschatz findet, doch einer wissenschaftlichen Grundlage entbehrt.

Emil Busch* veröffentlichte im Westfälischen Anzeiger am 26.11.1943 folgendes Gedicht auf Platt, das damals wohl noch von den meisten Kamenern gesprochen, mindestens aber verstanden wurde. Er personifiziert den schiefen Turm, macht ihn zum liebevollen Beobachter, dem seit dem MA vom Treiben der Kamener in den Straßen und Gassen des Städtchens nichts entgeht.


De scheiwe Turm van Komen

In welke Strote man auk steiht,
et süht de scheiwe Turm -
un wat do um de Wiäge geiht,
hei weit en Liäwenssturm!

Domet hei bietter liuschen kann.
het hei sik sachte döppt -
diu meinst, hei wüßte nichts dovan, 
gläuf jo nich, dat hei schlöppt!

Hei hiät all manchet leiwe Johr
dat Spielwerk sich beseihn,
bläos dat hei schweigen deit dovan -
dorüm kast diu die frein!

Op’t Liuschen da iss hei bedacht,
vannt Oller an de Tiet, -
doch nimm en biettken di in acht,
dat hei nich alles süht!

Übersetzung:
In welcher Straße man auch steht,
Das sieht der schiefe Turm -
Und was da auf den Wegen g’schieht,
Es weht ein Lebenssturm!

Damit er besser lauschen kann,
hat er sich leicht geneigt -
Du meinst, er wüßte nichts davon, 
glaub ja nicht, daß er schläft.

Er hat so manches liebe Jahr 
die Spielereien sich besehn
bloß daß er schweigen tut davon -
Darüber kannst du dich doch freu’n!

Aufs Lauschen, da ist er bedacht,
von alters her bis heute hin -
Doch nimm ein bißchen dich in Acht,
daß er nicht alles sieht.
 
Nachträgliche Anmerkung:
Wolfgang Freese bietet für Z.4 folgende Übersetzung an:
„Er kennt einen Lebenssturm.” „weit” wird als „kennen, wissen” verstanden, was auch mit der Lautentwicklung übereinstimmt:
t s (vgl. water Wasser). Diese Zeile würde dann also bedeuten: Er kennt/weiß etwas vom Leben. Was auch gut zur letzten Zeile des Gedichts passen würde.

Die 1000 Jahre zwischen 1933 und 1945 stellten in fast jeder Hinsicht eine Zäsur dar, gedichtet wurde aber auch danach noch. Kamen war zu beträchtlichen Teilen zerstört. Viele Leute waren in den Bombennächten zu Tode gekommen, viele Häuser zerstört, und Flüchtlinge aus dem Osten strömten in die Stadt. Da paßte es wunderbar, als man 1948, kurz nach der Währungsreform, eine Feier zum 700-jährigen Bestehen Kamens als Stadt feiern konnte. Ja, wenn’s denn so gewesen wäre.

Es ist heute nicht mehr feststellbar, ob die Kamener nach einer Gelegenheit suchten, solch eine Feier zu veranstalten, um ihrer Stadt eine Perspektive für die Zukunft zu geben oder ob es nur der versehentliche Zahlendreher war, der sie die 700-Jahrfeier 1948 statt 1984 feiern ließ. Und dabei gibt es eigentlich kein festes Datum, das die Erhebung Kamens zur Stadt belegt. Fest steht nur, daß das erste Stadtsiegel aus dem Jahre 1284 stammt und es da bereits 40 Jahre lang die Stadtmauer gab. 
 
Gleichgültig, wie es nun wirklich war – es wurde wieder gedichtet. Zur 700-Jahrfeier 1948 erschien das folgende Gedicht von Pfarrer Friedrich Hagemann (17.10.1900 - 7.7.1987) im Festheft: 

Unsere alte Stadt

Eng sind die Winkel und die Straßen,
die Häuser verwittert und alt, 
in denen die Väter schon saßen.
Der Schritt der Vergangenheit hallt.

Marktplatz und Rathaus inmitten,
ganz nahe der schiefe Turm,
durch ihn wohl gedeckt, ist erstritten 
der Sieg oft im härtesten Sturm.

Stand nicht die Burg dort des Grafen? -
Die Wehren sind längst gesprengt.
Weit offen die Tore dem Braven,
der ehrlich und rechtschaffend (sic!) denkt.

Gerber und Schuster weit trugen
den Namen der Stadt ins Land,
der Ruf von dem treuen und klugen,
dem fleißigen Handwerkerstand.

Neben den Bürgern die Bauern,
bestellten, so zäh, das Feld.
Ihr Hof in dem Schutze der Mauern,
die Äcker im freien Gezelt.

Brach eine größere Stunde
dann an für die kleine Stadt!
Da drunten im düsteren Grunde
verborgen sie Schatzkammern hat.

Sind zu ihr Knappen gezogen,
die trieben den tiefen Schacht,
sie spannten der Querschläge Bogen.
Zu Tag ward die Kohle gebracht.

Da ist die Stille vergangen:
Du, Kamen, bist Bergmannsstadt.
Jahrhunderte in die erklangen.
Glück denn zur ferneren Tat!

Friedrich Hagemann

Lediglich am Ende der ersten und der zweiten Strophe klingt vielleicht unterschwellig die jüngste Vergangenheit durch, sonst bezieht der Dichter sich ausschließlich auf die frühe Vergangenheit. Sicher ist sicher.
1958 feierte das Städtische Neusprachliche Gymnasium Kamen ganz offiziell sein 100-jähriges Bestehen. Damit war man eigentlich recht bescheiden, kann man doch, mit einigem Recht, auch eine mehrhundertjährige Vergangenheit annehmen, wie es Bürgermeister Beckmann und Stadtdirektor Heitsch in ihrem Geleitwort zur Festschrift tun: „… und schließen auch die Präzeptoren der alten Lateinschule, die sich bis in die vorreformatorische Zeit zurückverfolgen läßt, mit ein.“ Hier schließen sie das 16. Jh. und den ersten nachgewiesenen Rektor der damaligen Kamener Lateinschule, Antonius Praetorius (vgl. Artikel Antonius Praetorius auf www.kulturkreiskamen.de), mit ein. Offenbar waren damals mehr Leute darauf eingestimmt, Gedichte zu konkreten Themen und Anlässen zu schreiben, denn wieder erschien in der Festschrift ein Gedicht, dieses Mal verfaßt von Karl („Pömm“) Schulze-Westen (23.5.1886 -  22.12.1969), der von 1916 - 1953 an der Kamener Schule* unterrichtete, zuletzt als Oberstudienrat:

Die alte Schule

Ein Epilog

Ihr wandted heute sinnend Euren Blick
zurück; und was die Schule einst gewesen,
und was die Gegenwart bewirkt und will:
auf diesen Blättern habt Ihr es gelesen.

Die Schule ist nicht Haus nur oder Raum –
gewechselt haben sie im Gang der Zeiten;
durch immer andere Pforten sah man hier
die Jugend froh zum Quell des Wissens schreiten.

Es wandelten der Name sich, die Art,
der Plan und Weg, die zeitgebundnen Normen;
doch eines blieb sich gleich als Sinn und Ziel:
in Geist und Zucht ein Menschenbild zu formen.

Es zieht durch manch Jahrhundert schon sich hin
der Schulgeschlechter lange Ahnenreihe,
und stets aufs neue hat die Jugend hier
gespürt des strengen Denkens Hauch und Weihe.

So traten sie von dieser Schule her
voll Zukunftsplänen hin ins freie Leben
und bauten freudig weiter auf dem Grund,
den Lehrer schufen, nun in eignem Streben.

Verschieden wurde ihres Schicksals Bahn:
der eine stieg, ein andrer ist gesunken;
und mancher hat in früher Jugendzeit
des Schlachtentodes bittren Kelch getrunken.

Die Stätte, wo die Burg einst stand, ist leer –
der neuen Zeit Symbol sind Zechenschlote;
und nur der Kirchturm, fest aus Quaderstein,
verblieb als grauer Zeiten letzter Bote.

Du, Schule, aber, aus der gleichen Zeit 
entstammt, wirst auch im Takt der Stahlmaschinen,
der unsre Tage ruhelos durchpulst,
in dieser kleinen Stadt dem Ganzen dienen.

Karl Schulze-Westen

In seinem Buch von 1997 „Wenn ein Bergwerk erzählen könnte …“ erzählt Günter Stahlhut (2.7.1943 - 10.6.2007) die Geschichte der Zeche Monopol und erläutert ihre Bedeutung für Kamen. Sein Buch ist voller Wehmut über das Ende des Bergbaus in Kamen und auch er kann sich nicht enthalten, ein Gedicht ans Ende seines Buches zu setzen. Er nimmt die Position „seiner“ Zeche ein und reimt in der Ich-Form, wie schon Emil Busch zuvor, personifiziert „seine“ Zeche, zeigt seine enge Verbundenheit, ja seine Identifizierung mit ihr, bringt eine politische Stellungnahme zu Papier:

Zum Abschied

Tod und Sterben liegt nicht in unserer Macht,
doch daß es mich so schnell ereilt, hätte ich nicht gedacht.
Ich fühlte mich wohl, ich war gesund,
trotzdem kam für mich das Aus, ganz ohne Grund.
Unter dem Namen Monopol war ich bekannt,
mit meinen Schächten nach Grillo und Grimberg benannt.
Ich gab den Menschen hier Arbeit und Brot,
nur helfen konnte ich ihnen nicht, in ihrer Not.
Der falschen Politik waren sie unterlegen,
denen verzeiht man nicht, noch wird man ihnen vergeben.
Mein Name war gut und weithin bekannt 
und meine Kumpels sind für mich gerannt,
haben gemahnt und demonstriert,
haben sich ihrer Meinung nicht geniert,
um mich am Leben zu erhalten
und gemeinsam die Zukunft zu gestalten.
Doch die Ohnmacht, die Sorgen drücken schwer,
hieß es doch bald, man wollte mich nicht mehr.
Undank ist der Welten Lohn und Preis,
wen kümmern hundert Jahre Kumpelschweiß.
Wo sind die Freude geblieben, wo sind sie hin,
wer gab ihnen Verrat und anderen Sinn.
Ich bin des Kämpfens müde und lege mich zur Ruh,
deckt ihr mich, mit Eurem Gedenken, auf meinem Sterbebette zu.
Vergeßt mich nicht und meinen Lebenslauf,
ich wünsche Euch allen, von Herzen „Glück auf“!

Günter Stahlhut

Folgendes Gedicht nimmt nicht explizit Bezug auf Kamen, doch ist es hier entstanden und preist die Kamener Molkerei, an die heute kaum noch jemand erinnert (vgl.a. Artikel „Westicker Straße“ www.kulturkreiskamen.de).

Dieses Gedicht ist der Festschrift „60 Jahre Molkerei“ vorangestellt, deren Jubiläum am 25. Oktober 1950 begangen wurde. Der Name des Autors wird nicht genannt, doch ist der Text recht interessant, weil der Tonfall noch ganz eindeutig der der alten Zeit ist, die noch nicht lange vorbei war.

Prolog

DAS WERK

In 60jährigem harten Ringen
Das schöne Werk schuf Bauernfleiß,
Die Opfer, Not und der Gegenwillen
Bezwang am Ende doch der Bauernschweiß.

Schwer war das Werk, das die Väter einst begannen,
schwer war die Last und schwer die Saat,
Doch ihre Saat trägt nun reichlich Samen
Und lohnte Gott der Väter gute Tat.

Und wenn wir einst von hinnen scheiden
Stehn soll das Werk, das der Bauer schuf
Es soll dem Bauer nimmermehr entgleiten
Drum horchet auf der Mahner Ruf.

Das Werk soll fernerhin begleiten
Echt deutsche Einigkeit und Treu
Und Friede auch, in allen Zeiten
Dies unser Wunsch zum Geburtstag sei.


Kamen führte früher „Westfalen“ auch als Bestandteil der postalischen Adresse:  (21 b) Kamen i. Westf., es definierte sich immer deutlich als westfälisch, und die Westfalen verstanden sich schon immer als ganz eigener Volksstamm. Westfälischer Schinken und  Pumpernickel sind westfälische Köstlichkeiten, doch dürfen auf keinen Fall die dicken Bohnen mit Speck vergessen werden. Über sie gibt es sogar ein Gedicht, geschrieben vom Dortmunder Verleger und Schriftsteller Karl Prümer (1846 - 1933), „dem plattdeutschen Dichter der westfälischen Mark“.

Lob der Dicken Bohnen

Ihr Lieben, die ihr scharenweise
jetzt aus den samt’nen Zellen springt,
ihr seid’s wohl wert, daß man euch preiset
und euch ein frohes Liedchen singt.
Des Sommergartens gold’ne Kronen
seid ihr, beliebte Dickebohnen.

Wenn sie gleich schmucken Kavalieren,
mit Helm und Harnisch angetan,
auf blanker Schüssel paradieren,
fängt nicht das Herz zu hüpfen an?
Seht doch, wie lieblich sie uns winken,
mit dem Kumpan, dem warmen Schinken.

Es sehnet sich nach euch ein Jeder,
sei jung er, alt, arm oder reich.
Der Jan liebt euch im Wams von Leder,
Marie im Hemdchen zart und weich.
Wer kein Porz’llan hat, speist von tonen
Geschirren euch mit Lust, ihr Bohnen.

Kenn’ keine Speise, die so deftig
den Körper nährt und ihn macht stark.
Drum sind die Menschen auch so kräftig
bei uns, hier in der Grafschaft Mark.
Viel rüst’ger als in heißen Zonen,
wo nicht gedeihn die Dickebohnen.

Wenn ich den schweren Hammer schwinge
von morgens früh, bis’s Mittag ward,
so bin ich gleichwohl guter Dinge,
weiß ich doch, was nun meiner harrt:
die Frau wird meinen Fleiß belohnen
mit schwarzgeköppden Dickebohnen.

Ihr Erdengötter auf den Thronen,
ihr seid doch wirklich übel dran,
denn ihr kriegt niemals Dickebohnen,
die hier erfreun den Handwerksmann.
Die Ananasse und Melonen, - 
was sind sie gegen Dickebohnen!

Im Gasthof speist’ ein Herr aus Brüssel,
der – denkt euch! – kannte sie noch nicht.
Da bracht’ der Kellner eine Schüssel,
auf welcher dampfte das Gericht:
„O, wie das schmeckt! Hier möchte’ ich wohnen,
im schönen Land der Dickebohnen.“

Manch Schlanker unter den Notabeln
(Kenn’ manchen Bürgermeister auch)
wünschet sich einen respektablen
und stattlichen Beamtenbauch.
Ihr Herrn, laßt euch die Bohnen munden,
so wird bald euer Bauch sich runden.

Nun, Freunde, füllet die Pokale
mit Klarem, das dem Fels entsprang,
stoßt an, beim Dickebohnenmahle.
Zum Himmel steige unser Sang!
Auf, jung und alt, auch ihr Matronen!
Ein „Vivat hoch“ den Dickebohnen.

Laßt – apropos – uns nochmals klinken,
(Hätt’ ich es bald vergessen doch)
den Braven, die den guten Schinken
uns liefern, ihrer denket noch.
Greift noch einmal zu den Pokalen:
Ein „Hoch“ den Brüdern in Westfalen!


Es gibt auch einen direkten Bezug zwischen den dicken Bohnen und Kamen. Wie wir alle wissen, gibt es seit Jahrhunderten in Kamen Kirchen der beiden großen christlichen Bekenntnisse: die Severinskirche (seit 1920 Pauluskirche) seit dem Beginn des 12. Jh., die Lutherkirche seit 1744 und die Kirche Hl. Familie seit 1902. Das größte Geläute hängt in der ältesten Kirche, das zweitgrößte in der Hl. Familie, und die Lutherkirche hat das kleinste, hellste Geläut. Sie sollen zusammen den Vers läuten: 

Pauluskirche: Graote Baonen mit Speck (2x)
Heilige Familie: Die mag ich nicht (2x)
Lutherkirche: Dann gib sie mir (2x)

Und das, obgleich die „graoten Baonen mit Speck“ eher im Münsterland zu Hause sind, und nördlich der Lippe ist man bekanntlich katholisch.

Bei allen Gedichten über Kamen scheint immer durch, was der zweite Kamener Stadtchronist, Friedrich Pröbsting, 1901 ans Ende seiner „Geschichte der Stadt Camen und  der Kirchspielsgemeinden von Camen“ setzt:

„Es giebt nur ein Camen!“

Oder wie die Kamener es selber aussprachen, auf Platt nämlich: 

„Et giet men ein Komen!“

* Zum ersten Mal veröffentlicht im Heimatbuch des Kreises Unna, Jg. 1927
Emil Busch wurde 1897 als Sohn eines Anstreichers in Heeren geboren und begann 1912 eine Maler- und Anstreicherlehre. 1929 legte er die Meisterprüfung als Malermeister ab. Im Dezember 1944 starb Emil Busch in Werne. Emil Busch illustrierte in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg zahlreiche Heimatkalender, von denen wiederum in den 1980er Jahren Kalender von der WAZ neu aufgelegt wurden. Außer zahlreichen Federzeichnungen, Aquarellen und Gemälden fertigte Busch auch Gedichte an, ein Gedichtband hieß "Sturm und Stille " und wurde im Montanus Verlag in Wuppertal veröffentlicht. Außerdem malte er zusammen mit seinem Bruder den Altarraum der Lutherkirche aus.
  • Wer unter den Lesern weiß, wer die Illustratoren dieses Gedichts (vgl. Abb. 1) sind: J. Simon und E. Rei.?
  • Das heutige Städtische Gymnasium Kamen hatte in seiner Geschichte, je nach Status, verschiedene Namen: vor dem II. Weltkrieg Städtische Oberschule für Jungen; ab 1949 Städtisches Neusprachliches Gymnasium; seit der Enttypisierung 1973 Städtisches Gymnasium Kamen.
Vielleicht gibt es noch mehr Gedichte und Lieder aus und über Kamen. Ich würde mich freuen, wenn Leser dieser Zusammenstellung einige Lücken füllen und eventuell weitere Gedichte und Lieder beisteuern könnten.
 
 
 

Mobiles Heimatmuseum Südkamen: “Ein Stadtteil entdeckt seine besondere Identität“

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

suedkamenhsg 520SK

Kamen. Ab sofort und zunächst bis zum 15. August geplant kann im Haus der Kamener Stadtgeschichte während der regulären Öffnungszeiten eine neue Wanderausstellung über den Stadtteil Südkamen besichtigt werden.

Bürgermeisterin Elke Kappen eröffnete am Mittwoch gemeinsam mit den Heimatpflegern aus Südkamen Peter Resler, Kalle Böhm und Dieter Helgers, dem Südkamener Ortsvorsteher Jürgen Senne, Georg Wenzel als Vertreter des Knappenvereins Südkamen, Wilfried Loos (Heimatpfleger aus Mehtler) sowie Jürgen Dupke vom Stadtarchiv die Ausstellung.

Bürgermeisterin Elke Kappen zeigte sich hoch erfreut über die bürgerschaftliche Aktivität der Südkamener Ortsheimatpfleger, die sich mit der Sammlung der Hintergründe und Informationen, der grafischen Umsetzung und abschließend der Produktion dieser Ausstellung sehr viel Arbeit gemacht hatten. Ermöglicht und gefördert wurde das Projekt über das Heimatscheck-Programm des Landes NRW.

Das mobile Museum besteht aus insgesamt neun Rollups (85cm x 2,20m), die schnell auf- und abgebaut werden können. Sie zeigen verschiedene Aspekte des Stadtteils, wie die Ursprünge des selbständigen Bauerndorfes Südkamen mit seinen neun Ursprungshöfen, die Historie des Stadtteils Südkamen von der ersten Erwähnung um 1220 bis heute, das Vereinsleben in Südkamen von 1830 an oder die wechselvolle und hochspannende Geschichte der Polizeikaserne an der Dortmunder Allee.

Eine kostenlose Ausleihe an interessierte Schulen, Kindergärten und Vereine ist Programmbestandteil und kann über Peter Resler als Ansprechpartner angefragt werden. (Kontakt: Peter Resler; Unnaer Straße 30; Tel.: 015252691060)

Weitere Ausstellungen im Pertheszentrum, im Kamener Rathaus und in der Polizeidienststelle an der Unnaer Straße sind bereits vorgesehen.

Im Herbst wird zurzeit eine große Veranstaltung im Saal der Gaststätte Düfelshöft mit Ausstellung, Podiumsdiskussion und Vorstellung des virtuellen Heimathauses Südkamen geplant. Weiterhin ist angedacht, dass mehrere Hinweisschilder in Südkamen aufgebaut werden, die auf die Ursprünge dieses Kamener Stadtteils hinweisen.

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