Kamener Straßennamen: Klosterstraße / Schwesterngang

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KH18Straßenschilder1218von Klaus Holzer

Am Kirchplatz stoßen diese beiden Straße zusammen, und auf den ersten Blick ist erkennbar, was für einen Hintergrund diese Namengebung hat. Schwestern und Kloster – hier hat mal eines gestanden. Auch wenn das vielleicht gar nicht so klar ist, wie es den Anschein hat, denn eigentlich war es ein Beghinenhaus, und das ist nicht dasselbe wie ein Kloster. Aber für die Kamener war es immer das „Kloster“. Und so ist die Geschichte dieser beiden Straßennamen auch die Geschichte des „Klosters“.

Gegenüber der Pauluskirche, die ja zunächst einfach eine (katholische) Kirche, St. Severin, war, wurde schon zu Beginn des 15. Jh. ein Frauenkonvent1 gegründet, und zwar ursprünglich als ein Beghinenhaus. Dieser Konvent war kein Nonnenkloster, da die Frauen nicht in Klausur lebten, sondern einer außerhäuslichen Tätigkeit nachgingen. In städtischen Dokumenten ist von dem „Süsterhaus“ (Schwesternhaus) auf der Vlotowe, Vlotauwe oder Marienove (Flußaue bzw. Marienaue) die Rede, d.h., das Haus lag nahe dem Flußufer. Es wird in einer Urkunde vom 14. Oktober 1411 zum ersten Mal erwähnt. Das waren „Jungfrauen und Witwen“ aus der Bürgerschaft Kamens, d.h., sie entstammten Kamener Bürger- und Burgmannenfamilien und wollten ein christliches Leben leben, jedoch ohne Klostergelübde. Dieser Konvent wurde am 14. Juli 1818 aufgelöst.

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Kamener Straßennamen: Am Galenhof

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

KHGalenhofAbb0 1118von Klaus Holzer

Erklärungen zum Straßennamen „Am Galenhof“ kommen nicht ohne umfangreiche Erläuterungen des historischen Hintergrunds aus, handelt es sich doch bei dem Gebäude selbst um den letzten Burgmannshof in Kamen.

KHGalenhof1 3 Stadtentwicklungsphasen1118Abb. 1: Kamens EntstehungsphasenKamen war Grenzfeste zwischen den Bistümern Köln und Münster sowie der Freien und Reichsstadt Dortmund, die alle ein Auge auf markanisches Territorium geworfen hatten, sich gern Teile davon einverleibt hätten. Daher mußte Kamen stark befestigt sein. Die Grafen von der Mark saßen in Hamm, Kamen war ihre zweite Residenzstadt. Sie brauchten also Leute, die für sie in Kamen die Stellung hielten, aber auch die Administration der entstehenden Stadt ausübten: Rechtsprechung, Einziehung von Abgaben u.ä. Diese Burgmannen bildeten den niederen Adel.

Kamen war an der einzigen Furt entstanden, an der Reisende zwischen Lippe und Hellweg die Seseke und das sie säumende breite Sumpfgelände queren konnten. In der Nähe dieser Furt bauten die Grafen von der Mark zu Beginn des 12. Jh. die Grafenburg, die, zusammen mit der von ihnen erbauten St. Severinskirche, zum eigentlichen Stadtkern wurde. Die Stadt Kamen ist eine „gewachsene“ Stadt des Mittelalters, d. h. sie ist in der vorstädtischen Phase aus mehreren Kernen zusammen gewachsen. Dies ist am unregelmäßigen Grundriß und der Straßenführung erkennbar. Noch heute läßt sich dieses deutlich am Urkataster von 1827 ablesen.

KHGalenhofAbb1a Plan 1118Abb. 2: Die zwei Ringe Kamener BurgmannshöfeDrumherum entstand ein Schutzring von Burgmannshöfen. Das waren große Häuser, wohl zumeist Fachwerkbauten auf steinernem Sockel, auf großen Grundstücken, die jeweils von Gräften und Wällen mit Holzpalisaden geschützt wurden. Ihre Hausherren kamen von Haus Böing, Haus Reck, aus Westick, Heeren und anderen Herrschaften aus der näheren Umgebung. Natürlich war es besonders wichtig, daß sie immer Bewaffnete für Verteidigungs– und Kriegsdienste vorhielten. Dafür waren sie von allen städtischen Abgaben befreit, selbst ihre bürgerlichen Nachfolger im 19. Jh. behielten dieses Privileg noch.

In Kamen sind 10 solcher Burgmannshöfe nachweisbar, möglicherweise gab es auch noch einen elften, die Trippenburg, deren Lage nur schlußfolgernd erahnt wird, die nie nachgewiesen wurde, an die heute nur die Burgstraße zwischen Ostenmauer und Koepeplatz erinnert.1 Diese Burgmannshöfe entstanden in zwei Phasen. Der erste, ältere Ring entstand im 12. und 13. Jh. um Grafenburg und St. Severinskirche herum: westlich entstand der Westerholtsche Hof, nördlich folgend der Kappenberger Hof, weiter nordöstlich der Akenschokenhof, südöstlich die (nicht belegte) Trippenburg und südlich der Hanenhof. Sie bildeten die damalige Siedlungsgrenze und waren entsprechend stark befestigt (s.o.).

Da sich die Stadt gut entwickelte, weitere Bewohner anzog und sich also ausdehnte, entstanden zu Beginn des 14. Jh. fünf weitere Burgmannshöfe: westlich der beiden ersten Höfe der Galenhof, nördlich anschließend der Haringhof, östlich daneben der Palandsche Hof, weiter östlich die nicht genau zu lokalisierende Bohlenburg „auf dem Rode“ (vgl.a. „Rottstraße“) und noch weiter östlich der Reck-zu-Recksche-Hof. Ihre Gesamtanlage entsprach genau der des ersten Ringes.

Diese Burgmannshöfe brauchten Personal, das alle notwendigen Arbeiten ausführte: Handwerker, die Häuser bauen konnten, Dachdecker, Zimmerer und Tischler, Schmiede, aber auch Weber und Schneider, Gerber und Schuhmacher, Wagenmacher und Rademacher, Küfer, dazu Metzger, Bäcker, Köche, Diener, Mägde, Knechte für Feldarbeiten usw. So wuchs die Stadt, und weil sie seit der Mitte des 13. Jh. von einer soliden Stadtmauer umgeben war, 2,03 km lang, ca. 5 m hoch und 1 m breit, bot sie in Zeiten der Gefahr auch Schutz für die Menschen aus der Umgebung. Alle diese Menschen siedelten sich im „burgus“2 an und wurden folglich „burgenses“ genannt. Wurde die Stadt angegriffen, mußte jeder zum Verteidiger der Burg werden. Daraus entstand der Begriff „Bürger“.3

KHGalenhofAbb2 Galenhof Ostseite1118Abb. 3: Die Ostseite des Galenhofes in den 1950er JahrenHans-Jürgen Kistner schreibt in seiner kleinen Schrift „Kamen, die Stadt der Burgmannshöfe“:
»Der Name von Galen taucht im Jahre 1357 zum ersten Mal in einer Urkunde auf, in Urkunden des 14. und 15. Jh. werden sie häufig als Zeugen bei Rechtsgeschäften genannt, werden als Bürgermeister und Richter erwähnt. Offenbar waren sie eine in der Stadt bedeutende Familie, die vermutlich auch die ursprünglichen Besitzer des Galenhofes waren. Der Name Galenhof findet sich seit dem 16. Jh. in Urkunden. Bis 1655 bleibt der Hof im Besitz der Familie, gelangt dann durch Heirat in den Besitz des Freiherrn Robert von Romberg zu Massen. 1692 kommt er an den Drosten Dietrich von der Recke zu der Recke, der ihn gleich darauf an seinen Amtsschreiber Peter Hillermann für 1000 Reichstaler weiterverkauft. Der bürgerliche Besitzer behielt die Freiheit von allen städtischen Abgaben.

KHGalenhofAbb2a Galenhof Ostseite 20171118Abb. 4: Die Ostseite des Galenhofes 2017Als nächster Besitzer erscheint 1731 Hillermanns Schwiegersohn Gottfried Schulz, Akziseinspektor4 und Stadtkämmerer, später auch Bürgermeister. Entsprechend hieß der Galenhof von nun an Schulzhof. 1775 übernimmt Schulz’ Schwiegersohn, der Akziseinspektor und
Bürgermeister David Friedrich Reinhard, den Hof. Insgesamt blieb er über 100 Jahre der Sitz von Bürgermeistern. In den Nachlaß-Teilungsakten wird der Hof beschrieben: „Das alhier zu Camen gelegene adelich freye Burg=Hauß Gohlenhoff, sammt Baum=Hof, Garten, Kirchen Bäncken und Begräbnissen ….“«

Da Kamen insgesamt 11 Mal abgebrannt ist, wäre es ein Wunder, wenn nicht auch Burgmannshöfe dabei gewesen wären, doch wurden seit Ankunft der Zeche in Kamen mehr Burgmannshöfe abgerissen als abgebrannt sind. Das 1982/83 abgerissene Gebäude des Galenhofes stammte aus dem 18. Jh., also vermutlich aus der Zeit des David Friedrich Reinhard. Im 19. Jh. kaufte der Dortmunder Kaufmann Wilhelm Schulz den Schulzhof, zuletzt kam er an den Papierfabrikanten Theodor Friedrich. (Dieser hatte seine Fabrik auf dem Gelände des Kappenberger Hofes.1895 brannte sie vollständig ab. Damit war Theodor Friedrich pleite.)

Der Kamener Stadtchronist Friedrich Pröbsting schreibt 1901:
„Im Jahre 1897 wurde die schöne Besitzung von der Gelsenkirchener Bergwerks-Aktiengesellschaft erworben und in dem genannten Jahre mit Arbeiter-Kasernen bebaut, nachdem die alten Mauern abgebrochen, die Wälle abgetragen und die tiefen Festungsgräben zugeschüttet worden waren. Dieser Burghof war durch seine ganze Anlage mit Mauern, Wällen und Gräben wohl der festeste Platz in Camen. Die jetzt dort stehenden Arbeiter-Häuser an der Hohental-, Lindenberg- und Gottesbergstraße werden in ihrer Gesamtheit bezeichnet „auf Schulz Hof“.
1898 erwarb die Gelsenkirchener Bergwerks AG das Gebäude mitsamt dem Grundstück.“

Das bedeutete das Ende des Galenhofes als Burgmannshof. Die Zechenverwaltung brauchte Wohnraum: der Strom an Bergleuten für die 1873 abgeteufte Zeche Monopol riß nicht ab. Kamen wuchs von ca. 3700 Einwohnern im Jahre 1870 auf ca. 11000 im Jahre 190!.

Friedrich Pröbsting weiter:
„Auch aus Westpreußen, Polen, Italien und Ungarn erschienen viele Arbeiter, für welche die Zechenverwaltung im Laufe der Jahre eine große Menge von Arbeiterwohnungen erbauen ließ. Die erste Häusergruppe wurde in der Nähe des Bahnhofs gebaut; dies sind zum Teil kleinere Häuser für je vier Familien. Sodann wurde der alte von der Recksche Burghof, Vogels Hof genannt, an der Nordstraße, bebaut, und dann an der Nordenmauer auf Rungenhof eine Reihe von Häusern - jedes zu 12 Familien - hergestellt. Als dies alles nicht hinreichte, kaufte die Gelsenkirchener Gesellschaft den alten von Galen Burghof, Schulz-Hof genannt, mit Gärten und allem Zubehör am Westentor und ließ hier im Jahre 1897 einen neuen Stadtteil entstehen, der in 20 Häusern für 240 Bergmannsfamilien Wohnungen verschaffte. Zur Zeit sind nun in der Stadt und der städtischen Feldmark an 600 Arbeiter- oder Bergmannsfamilien in den Häusern, welche von der Zechenverwaltung gebaut wurden, angesiedelt. Doch ist man dabei nicht immer von den heute anerkannten Grundsätzen ausgegangen, nach denen die kleineren Häuser für je 2 oder 4 Familien empfohlen werden, weil die großen Häuser für 12 Familien nur mit zwei Hausthüren mancherlei sanitäre und sittliche Bedenken erwecken.
Viele der hier wohnenden Bergleute werden täglich auf der Zechenbahn von Camen nach dem Schacht Grimberg in Bergcamen gefahren, wo es noch an Wohnungen für die Arbeiter fehlt. Erst im Jahre 1900 ist auch dort eine Arbeiterkolonie erbaut worden, um die Leute in der Nähe der Zeche zu haben.“ Und als Fußnote: Es „sei uns gestattet, zu berichten, daß die Gelsenkirchener Gesellschaft für die Kinder der im Westen der Stadt wohnenden bergmännischen Bevölkerung auf Schulz-Hof auch noch eine zweite Kleinkinderschule auf ihre Kosten eingerichtet hat, und sich dadurch um das sittliche Wohl der Bergmannsfamilien wohlverdient macht.”

KHGalenhofAbb3a Luftaufnahme1118Abb. 5: Eine Luftaufnahme Kamens von 1919Ganz anders sieht das dagegen August Siegler in der Zechenzeitung 1926: „In schneller Reihenfolge entstanden nun in Kamen die großen Koloniebauten. Die Zechenverwaltung erwarb 1888 das schöne Besitztum des Barons von Vogel und den Rungenhof und 1897 den Schulzhof. Gleich nach dem Erwerb dieser Grundstücke wurde mit dem Bau der großen Koloniehäuser an der Kampstraße, Nordenmauer und Nordstraße begonnen. Drei dieser Häuser haben für je 12 Familien nur einen Eingang von der Straße aus und einen Ausgang zum Hof. Man kann nicht sagen, daß eine solche Bauweise dazu dient, die Gemütlichkeit und den häuslichen Frieden zu fördern.“ Und er erkennt noch etwas: „Durch den Bau dieser Häuser fielen leider schöne Grünflächen in der Stadt fort.“
August Siegler war damals möglicherweise auch einer der wenigen, vielleicht sogar der einzige, der auch, weiterblickend, die städtebaulichen Folgen erkannte. „Die Kampstraße war damals von der Rottstraße bis zur Nordenmauer sehr schmal. An der Ecke der Rott- und Kampstraße, wo sich jetzt die Metzgerei befindet, war ein Teich. Gegenüber lag im Baumhof der von Vogelschen Besitzung auch ein solcher. An der Nordenmauer stand eine große alte Scheune mit Wohnung. An der Nordstraße befanden sich von Mauern umgebene Gärten. Zwischen diesen lag hinter dem größeren Eingangstor der gepflasterte Weg zum Hauptgebäude. Die Stadtväter waren zu ängstlich, dieses schöne Grundstück, das zu einem niedrigen Preise zu erwerben war, zu übernehmen. Auch war damals die Einstellung mancher Kreise hinderlich, solche Gelegenheiten wahrzunehmen. Die Konkurrenzfurcht ließ sie nicht ruhen, dahingehende Pläne zu bekämpfen. Privatleute hatten aber erst recht keinen Mut, die billigen Grundstücke zu erwerben. Der Zechenverwaltung konnte man daraus keinen Vorwurf machen, daß sie die ihr angebotenen Grundstücke erwarb.“

KHGalenhofAbb4 Galenhof Kaußen1118Abb. 6: „Kaußenhäuser“ auf dem Gelände des Galenhof, um 1980 abgerissenMan ließ also die Gräfte des Galenhofs zuschütten, die Wälle einebnen, die Bäume fällen. In das Burghaus baute man neun Kleinwohnungen mit je drei Zimmern ein, den Saal zu einem Schulraum für eine Kleinkinderschule um. Es entstanden zu jedem Haus hölzerne Schuppen, wie sie damals üblich und notwendig waren. Es hatte fast jeder ein Schwein dort stehen, eine
„Bergmannskuh“ (Ziege) und, natürlich, Hühner und Tauben. Noch einmal Siegler: „Als im Jahre 1897 der Schulzhof bebaut wurde und die Hohendahl-, Lindenberg-, Gottesberg- und Koppelstraße, jetzt Rathenaustraße, entstanden, wurde der bis dahin freiliegende Eingang vom Westen in die Stadt vom Volksmund ‚das schwarze Tor‘ genannt.“ Weil die Bergleute anfangs ungewaschen, d.h., schwarz, von der Arbeit nach Hause kamen.4

Bis 1967 änderte sich nichts mehr. Die Gelsenkirchener Bergwerks AG blieb Eigentümerin des Galenhofs, die von vornherein nicht gute Bausubstanz verfiel, das Wohnen genügte nicht im entferntesten modernen Ansprüchen. In diesem Jahre kaufte der Kölner Immobilienkaufmann, später „Immobilienhai“ genannte, Günter Kaußen, den Galenhof mit den Wohnungen von der damaligen Monopol Bergwerks GmbH (in Kamen und Bergkamen insgesamt 1115 Wohnungen!), vermietete sie teuer, investierte aber nichts. Als 1977 „Der Spiegel“ eine Titelgeschichte über ihn brachte, geriet Kaußen unter immer stärkeren Druck. Er erhängte sich schließlich 1985 in seinem Haus in Köln.

Abb. 5 MusikschuleAbb. 7: Heute ist hier die Musikschule untergebrachtDie Stadt Kamen erkannte die Situation und kaufte Kaußen 1979 den ganzen Galenhof ab. Man wollte ihn erhalten – schließlich war es inzwischen der letzte erhaltene Burgmannshof Kamens; in den 1960er Jahren waren schon der Westerholtsche, der Kappenberger und der Reck-zu-Recksche Hof abgebrochen worden –, das ging aber nur, wenn man einen neuen Verwendungszweck für ihn fand. Das Gebäude wurde abgetragen, was weiter verwendet werden konnte, sorgfältig numeriert und in den Neubau (so muß man den heutigen Galenhof wohl bezeichnen) integriert. Heute ist die Musikschule der Stadt Kamen darin untergebracht. Die alten, maroden Zechenhäuser wurden ebenfalls abgerissen und durch modernen Ansprüchen genügende Wohnhäuser ersetzt.

Manche Kamener Gästeführer weigern sich, den Galenhof in ihre Stadtführungen aufzunehmen, weil an ihm nichts mehr original sei. Doch original oder nicht – es gibt kein zweites Gebäude in unserer Stadt, das überhaupt noch einen Eindruck vermitteln kann, was man sich unter einem Burgmannshof eigentlich vorzustellen hat, und der Galenhof hat sich in der äußeren Form nicht verändert. So sah der größte der Kamener Burgmannshöfe einmal aus.

Abb. 6 Wohnhauser GalenhofAbb. 8: Neue Wohnbebauung GalenhofWas zu Beginn Kamens großer Vorteil gewesen war, nämlich gut ausgebauter Sitz von 10 Burgmannshöfen zu sein, erwies sich im 20. Jh. als wesentlicher Nachteil für die Stadtentwicklung. Jeder dieser Burgmannshöfe verfügte über ein großes Grundstück, das außerdem durch Gräfte und Wall befestigt war. Damit stand relativ viel Grund für die allgemeine Stadtentwicklung nicht zur Verfügung, war ihr im Gegenteil durch die Bebauung mit billigen Zechenhäusern entzogen. Dadurch konnten sie erst sehr spät für eine der ganzen Stadt dienende Bebauung verwendet werden, eine modernen Ansprüchen genügende Bebauung auf dem Galenhof, nach zweimaligem Scheitern scheint jetzt das Kamen-Quadrat eine dauerhafte Verwendung des Vogelhofes zu gewährleisten, der Rungenhof beherbergt das Gymnasium. In jedem Fall aber entwickelten sich diese Gelände nicht organisch, immer mußte reagiert werden.

1 Ungeklärt ist in diesem Zusammenhang, was es mit dem „Rungenhof“ auf sich hat. Vermutlich war das einer der ersten, wenn nicht der erste Burgmannshof, ein gutes Stück außerhalb der frühen Stadt, im Verlaufe der dritten Entwicklungsphase „eingemeindet“. Möglicherweise war er ursprünglich zum Schutz des Ostentores gebaut worden, das aber nicht besonders geschützt zu werden brauchte, da die Straße nach Hamm (Derner Straße) sicher war: dort residierte der Graf von der Mark.
Eine weitere Möglichkeit, warum es über den Rungenhof keine Erkenntnisse gibt: er lag ursprünglich ein Stück weit draußen, außerhalb der engeren Bebauung. Als die Stadtmauer gebaut wurde, erschien es unzweckmäßig, sie wegen des Rungenhofs so weit nach außen zu führen: zu lang, daher schwerer zu verteidigen, zu teuer, zusätzliche Sicherheit wg. der märkischen Residenzstadt Hamm war bereits vorhanden, daher wurde der Rungenhof nicht mehr benötigt und abgerissen.
Pröbsting erwähnt 1901 den Rungenhof in einem Atemzug mit dem Galenhof und dem von der Reckschen Hof (=Vogelhof). Desgl. Siegler 1926.
Um 1900 wurde das freie Gelände von der Zeche gekauft und mit Zechenwohnungen bebaut.

2 spätlateinisch für Kastell, Wachturm; die Germanen hatten keine Städte

3 spätl.„burgus“ + althochdeutsch „waere/waran“ = wehren, verteidigen.

4 Akziseinspektor = Steuerinspektor; die Akzise war eine Verbrauchs– und Verkehrssteuer, die erhoben wurde z.B. von Kaufleuten, die zum Kamener Markt wollten, um ihre Waren anzubieten

5 Nach demselben Prinzip verfuhren die Kamener auch im Falle der Anfang der 1920er Jahre gebauten Hindenburgsiedlung, der Kolonie im Bereich der Lüner Höhe, die von den Kamenern nur „Negerdorf“ genannt wurde.

Bildquellen:
Abb. 1: Stoob, Städteatlas Kamen, bearb. von Klaus Holzer
Abb. 2, 3, 5 & 6: Stadtarchiv
Abb.: 4, 7 & 8: Photos Klaus Holzer

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Klare Botschaft: Kamener wollen ihren roten Riesen besteigen

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monopol2 918AGFördermitglied Thomas Patzelt (l.) führte die Besucher am Tag des offenen Denkmals auch die mächtigen Aufzugräder der Schachtanlage Grillo vor Augen.

monopol1 918AGvon Alex Grün

Kamen. Die Kamener stehen nicht nur auf ihren Monopol-Förderturm, sie wollen ihn sogar wortwörtlich erklimmen. Diese Botschaft war am Sonntag beim Tag des offenen Denkmals auf dem Monopol-Gelände eindeutig.

"Das haben wir von ganz vielen Besuchern gehört", erklärt Bastian Nickel vom Förderverein Monopol, welcher unter der Schirmherrschaft der Stiftung Industriedenkmal zum zweiten Mal im Schatten des Kamener Wahrzeichens stattfand. Viele der rund 300 Besucher, die sich auf den Weg gemacht hatten, um ein Stück Kamener Industriegeschichte hautnah zu erleben, hätten den Wunsch geäußert, ihren rostroten Riesen zumindest bis zum ersten Absatz besteigen zu können. "Wir wollen den Turm begehbar machen" - das ist auch die klare Ansage von Thomas Patzelt vom Förderverein, die er den Besuchern auf den Führungen durch die Werksanlagen von Schacht Grillo mit auf den Weg gab, und der sich der Verein unsisono anschließt. "Natürlich ist das einfacher gesagt als getan", gibt Monopol-Mitglied Manfred Wiedemann zu, "ein Aufzug bis zum ersten Absatz ist ja vorhanden, und das mit dem Strom würden wir auch hinkriegen". Es sei in erster Linie eine Frage der Materialsubstanz und der Sicherheit der Besucher, den Turm tatsächlich begehbar zu machen. Doch der Wille ist da - nicht nur seitens des Fördervereins, sondern ganz offenbar auch der der Kamener. Ein nächster Schritt in diese Richtung müsse sein, Stadt und Stiftung gleichermaßen für das Projekt zu gewinnen, so Wiedemann. Mit der Resonanz sind die Veranstalter mehr als zufrieden: Der Andrang war so groß, dass die beiden Fördermitglieder und ehrenamtlichen "Touristenführer" Thomas Patzelt und Uwe Klose sogar zusätzlich Führungstermine einschoben. Regen Zulaufs erfreute sich auch der Eltern-Kind-Schmiedekurs, bei dem sich rund ein Dutzend Eltern-Kind-Paare in die Kunst des Messerschmiedens einweisen ließen, ebenso wie der Stand von Imker Heinrich Behrens, der sich als zusätzlicher Publikumsmagnet bewährte. Schon im letzten Jahr war, auch im Rahmen des Schachtfestes, unerwartet viel los auf dem Monopol-Gelände, der Erfolg wurde in diesem Jahr noch "getoppt". Für Bastian Nickel vom Förderverein steht eine erneute Beteiligung des Fördervereins Monopol am Tag des offenen Denkmals im Jahr 2019 daher jetzt schon fest.

Beschreibung
Bei dem Fördergerüst über Schacht 1 handelt es sich um ein zweigeschossiges Einstrebengerüst von 1966-67. Es wurde als Dreibock mit angehängtem Führungsgerüst ausgeführt. Diese Konstruktion steht für die letzte Entwicklungsphase von Seilstützkonstruktionen im Ruhrgebiet. Das Fördergerüst Schacht Grillo zählt zu den wenigen, noch erhaltenen Beispielen dieser vergleichsweise jungen Bauart.

Archiv: Tag des offenen Denkmals auf dem ehemaligen Monopol Zechengelände

Zechenturm gehen die Töne des Seilfahrt Musik-Festivals durch Mark und Bein

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Heinz Pröpper recherchiert die bewegte Geschichte des Kamener Juden Fritz Wolff

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wolff hausd818Herr Peter Westermann, Vorsitzender des VFL Kamen; Herr Heinz Pröpper, ehem. Mitarbeiter der Stadt Kamen und heutiger Pensionär und Herr Robert Badermann, Leiter des Hauses der Kamener Stadtgeschichte. Foto: J. DupkeKamen. Der frühere Pressesprecher und u.a. für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Amtsleiter der Kamener Stadtverwaltung, Heinz Pröpper, hat – nach seiner Pensionierung – aus persönlichem Interesse das Schicksal des Kamener Juden Fritz Wolff aufgearbeitet. Die Ergebnisse seiner Forschungen hat er nun bei einem Pressetermin dem Haus der Stadtgeschichte übergeben.

Anstoß zu den Recherchen von Pröpper war ein Treffen, zu dem die Verwaltung ehemalige jüdische Mitbürger im Jahr 1984 nach Kamen eingeladen hatte. An den Begegnungen nahmen, neben Gästen aus den Niederlanden, Israel, Südamerika und anderen Ländern, auch die Söhne von Fritz Wolff, Fred und George teil. Bei einer privaten Reise 1986 in die USA besuchte Pröpper mit seiner Frau dann die Witwe von Fritz Wolff, Else Wolff und die besagten Söhne Fred und George in Kalifornien.

Besonders bemerkenswert war, dass Frau Wolff, wieHeinz Pröpper feststellte, ihre Wohnung in Los Angeles ähnlich eingerichtet hatte, wie sie in Kamen in den 1930er Jahren möbliert war. Kamener Jahresteller (mit wechselnden lokalen Motiven), die in den 1980er und 90er Jahrenu.a. an die ehem. jüdischen Mitbürger verschickt wurden, nahmen einen Ehrenplatz im Haus der Fam. Wolff ein.

Heinz Pröpper hat Fritz Wolff nicht mehr persönlich kennengelernt. Wolff, der sich nach seiner gelungenen Flucht in die USA 1939 geschworen hatte, nie mehr Kontakt zu Deutschen haben zu wollen, war 1957 dann doch mit seiner Frau, um Gräber der Familie in Europa zu besuchen, in Kamen. Wie Else Wolff berichtete, hat es dabei auch Begegnungen mit ehemaligen Freunden, insbesondere aus den Reihen des VFL Kamen, gegeben. Fritz Wolff war von 1920, seinem Zuzug nach Kamen, bis zu seiner Emigration viele Jahre lang gesellschaftlich und auch auf sportlichem Gebiet aktiv. So war er mehrere Jahre ehrenamtlich im Turnrat des VFL tätig, wie Belege und Unterschriften im Protokollbuch des Vereins, welches im Stadtarchiv verwahrt wird, belegen. Fritz Wolff, der zu einigem Wohlstand gekommen war, hat seinem Verein 1922 sogar 3000 Mark geschenkt um eine Beleuchtungsanlage für die damals neue Turnhalle finanzieren zu können.

wolff hausderstadtg818Ausschnitt aus dem Protokollbuch der Jahre 1920 -1933 des VFL Kamen, welches bei uns im Stadtarchiv verwahrt wird. Der Vorstand des Turnerrates hat (mehrfach) getagt und anschließend das Protokoll unterzeichnet. Darunter ist auch die Unterschrift des Herrn Wolff. Foto: J.DupkeNach seinem Besuch in Kamen und dem Wiedersehen mit alten Freunden, so berichtete seine Frau, haben dessen Albträume, unter denen er - aufgrund von KZ-Aufenthalten (Sachsenhausen) und anderen Repressalien - litt, etwas nachgelassen.

Kurz nach dem Aufenthalt in Europa ist Fritz Wolff gestorben. Mit seiner Frau und den beiden Söhnen, die inzwischen aber auch verstorben sind, hat Heinz Pröpper bis zum Schluss in Briefkontakt gestanden.

Bewundernswert, so seine Einschätzung, ist, dass sowohl Frau Wolff als auch die Söhne eine sehr differenzierte Sicht auf Deutschland und die Deutschen hatten. Ihnen war bewusst, dass es auch in den Jahren der NS-Zeit nicht nur Unmenschen gab.

Der Vorsitzende des VFL Kamen, Peter Westermann, der an dem Termin teilnahm, wird, wie auch das Haus der Stadtgeschichte, die gesammelten Unterlagen archivieren und der Fam. Wolff ein ehrendes Andenken bewahren.

Text / Bilder: Jürgen Dupke, Haus der Stadtgeschichte Kamen

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Kamener Straßennamen: Körnerstraße

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Abb0 KornerstraßeKHvon Klaus Holzer

Die Kamener Körnerstraße war bis vor zwei Jahren an Frühlingsblütenpracht nicht zu überbieten. Dann blühte es die ganze Straße entlang, daß man glauben konnte, man sei in Japan: ein japanischer Kirschbaum hinter dem anderen erblühte in Rosa! Leider waren die Bäume zu alt geworden, mußten gefällt werden. Für die Neupflanzung hat man sich bei der Stadt entschieden, die Felsenbirne zu pflanzen. Sie sei „kleinkroniger, weniger knorrig, werde älter; sie sei ein heimisches Gewächs, das Insekten anlocke und im Herbst Beerenschmuck habe, also Futter für Vögel; kurz: die Ersatzpflanzung sei ökologischer“, so die Auskunft des Bauhofes.

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Workshop: „Mittelalterliches Handwerk“ für Kinder am 21. und 22. Juli 2018 im Haus der Kamener Stadtgeschichte

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

Castra CamensiaSK718Einladung zu einem Workshop „Mittelalterliches Handwerk“ für Kinder am 21. und 22. Juli 2018 im Haus der Kamener Stadtgeschichte. Foto: Stadt KamenKamen. Die Castra Camensia, das Kamener Lager, lädt alle Kinder am kommenden Samstag und/oder Sonntag ins Spätmittelalter ein. In eine Welt, die für die meisten Kamener, die damals lebten, geprägt war durch handwerkliche Arbeit. Vor allem die Zünfte der Leineweber und Schuster, aber auch Vertreter anderer Handwerke bestimmten die Geschicke der mittelalterlichen Stadt.

Für die Kinder wird Castra Camensia im Hof des Hauses der Stadtgeschichte ein mittelalterliches Handwerkerlager aufbauen. Dort werden die Kinder lernen, wie man Ringe flicht, einen Lederbeutel anfertigt, was man alles aus Wolle herstellen kann und vieles mehr. Nebenbei erzählen die mittelalterlich gekleideten Handwerker interessante Geschichten über das Leben, den Alltag und das Handwerk wie es früher einmal war. Und sie zeigen auch, womit sich die Menschen im Mittelalter die Zeit vertrieben haben, wenn sie neben der Arbeit einmal Zeit zum Spielen hatten.

Die Dinge, die hergestellt werden, können am Ende mit nach Hause genommen werden. Ein Ringspiel, ein Beutel mit Steinen für alte Murmelspiele und eine kleine Figur aus Wolle zum Beispiel. Ausklingen wird der Nachmittag mit einer gemütlichen Runde an der Feuerstelle mit am Stock selbst geröstetem Brot.

Der Workshop findet am 21. und 22.07. jeweils von 14 - 18 Uhr statt. Gebühren werden nicht erhoben. Die Mitglieder der Castra Camensia arbeiten ehrenamtlich. Die anfallenden Kosten für Materialien u.a. übernehmen der Förderverein der Stadt- und Kulturgeschichte (ehem. Museumsförderverein), die Kamener Gästeführer-Gilde und das Haus der Stadtgeschichte.  Es wird um eine telefonische Anmeldung (Haus der Stadtgeschichte, Tel.-Nr.: 553412 oder 553413) gebeten.

Das Museum wird an beiden Tagen, ebenfalls von 14 - 18 Uhr geöffnet sein und kann - nicht nur von Kindern - gern besucht werden.
Neben der Dauerausstellung, die mit einigen Exponaten auch das Mittelalter in Kamen anspricht, wird aktuell die Ausstellung „Zeitenwende 1918 - Von der deutschen Kriegsniederlage bis zu den schwierigen Anfängen der Weimarer Republik“ gezeigt.

Der Eintritt ist frei.

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