Stadtgeschichte: Die Pest in Kamen

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

pestKH0121 1von Klaus Holzer

Seit fast einem Jahr leiden wir unter Corona, einer Pandemie, die 2018/19 in China ihren Anfang nahm, viel zu weit weg, als daß sie uns hätte berühren können, wie wir damals glaubten. Doch dann erwischte sie uns mit aller Macht und legte alles Leben, so wie wir es kannten, monatelang lahm. Die Pandemie zu bestehen, gar zu überwinden, hilft uns die Wissenschaft, die Naturwissenschaft vor allem. Ihr ist es gelungen, das Virus, seine Wirkung und seine Verbreitung, zu entschlüsseln, es weitgehend zu verstehen. Sie hat sogar inzwischen ein Gegenmittel, einen Impfstoff, entwickelt, der verspricht, die Seuche zu überwinden. 

Damit sind wir in einer vergleichsweise glücklichen Position gegenüber unseren mittelalterlichen Vorfahren. Sie standen der Seuche ihrer Zeit, der Pest, hilflos gegenüber. Sie nannten sie „Pestilenz“ und den „Schwarzen Tod“. 

pestKH0121 4Abb. 4: Der schwarze Tod

Mangels naturwissenschaftlicher Kenntnisse nahmen sie an, Gott habe die Seuche geschickt, um den Menschen für sein sündiges Verhalten zu bestrafen. Daher lag denn auch die einzige Möglichkeit der Heilung in verschiedenen Arten von Buße, um Gott wieder versöhnlich zu stimmen: man ließ Messen lesen, sammelte Almosen, führte Prozessionen und mehrtägige Altargänge durch und hielt strenges Fasten ein. 

pestKH0121 5Abb. 5: Die GeißlerSchwärme von Geißlern zogen überall durch die Straßen und schlugen sich mit ihren Geißeln blutig, die härteste Buße. Die meisten dieser Maßnahmen führten jedoch zu einer weiteren Verbreitung der Pest, weil fast immer große Gruppen von Menschen zu dieser Art von Buße zusammenkamen. Und die hygienischen Verhältnisse im allgemeinen waren katastrophal.

pestKH0121 6Abb. 6: Juden als SündenböckeEine weitere Art, diese Seuche zu bekämpfen, bestand darin, einen Sündenbock zu suchen. Nach einem Pestausbruch entstand sehr schnell das Gerücht, die Juden seien schuld. Sie hätten die Brunnen vergiftet, um alle Christen zu ermorden, Kinder rituell geschlachtet und deren Blut getrunken und, vor allem, sie seien für den Tod Jesu verantwortlich. Befeuert wurden die folgenden  Pogrome durch die Tatsache, daß die jüdischen Gemeinden von der Pest nur relativ wenig betroffen waren. Daß das an der wesentlich besseren Hygiene der Juden lag, ahnte man nicht.

Die erste große Pestwelle in Westeuropa begann 1347 in Genua, aus Asien eingeschleppt von genuesischen Händlern und Seeleuten, umgehend nach Marseille und Barcelona weitergetragen. Bis 1352 erreichte sie fast ganz Europa (Corona reist heute nicht per Segelschiff, sondern mit dem Flugzeug und ist entsprechend schneller. Obendrein haben wir heute eine digitale Informationsverbreitung, die uns das Weltgeschehen in Echtzeit miterleben läßt). Sie hatte eine verheerende Wirkung und rottete mancherorts bis zur Hälfte der Menschen aus, im Durchschnitt wohl etwa 40% der europäischen Bevölkerung. 

pestKH0121 7Abb. 7: Die Pest entvölkert ganze LandstricheImmerhin kam man in Venedig schon 1374 zu der Einsicht, daß man die Erkrankten isolieren müsse, wenn auch sowieso niemand den Kontakt mit ihnen suchte (Venedig war auch die erste Stadt, die 1423 ein Pestkrankenhaus einrichtete). Es wurde eine Meldepflicht eingeführt, die Erkrankten isoliert. In der Regel dauerte diese Isolation 40 Tage1, auf italienisch „quaranta“, bald danach griffen die Franzosen diese Idee auf und nannten sie „quarantaine“, woher unser heute gebräuchliches Wort Quarantäne stammt. Die Toten wurden so schnell wie möglich in Massengräbern beerdigt. Die Situation war schlimm, doch wird der mittelalterliche Mensch auf den Schwarzen Tod mit mehr Gelassenheit reagiert haben, als wir uns das heute vorstellen können, gab es doch so viele Gründe für einen frühen Tod, von der hohen Kindersterblichkeit bis zu vielen Krankheiten, Mangelernährung, den häufigen Unfällen, oft schlechter, weil eintöniger Ernährung, meist Getreidebrei, mangelhafter medizinischer Versorgung, der soziale Stand und Krieg waren alltägliche Risiken. Die meisten Menschen erreichten nicht 50 Lebensjahre. Außer Aderlaß und Astrologie gab es kaum etwas, das den Ärzten zur Verfügung stand. Sie wußten es einfach nicht besser.

pestKH0121 8Abb. 8: Der Pestarzt schützt sich mit dieser speziellen Maske, die mit Essig getränkt und mit Kräutern gefüllt warDie Pest breitete sich in fast ganz Europa aus, auch Kamen blieb nicht von ihr verschont. Wir wissen nicht, ob sie unsere Stadt noch im 14. Jh. erreichte. Lt. dem ersten Stadtchronisten Friedrich Buschmann dauerte es ungefähr 230 Jahre, bis sie Kamen heimsuchte, dann aber heftig. 

Bis zur Mitte des 15. Jh. war Kamen eine wohlhabende und mächtige Stadt, für damalige Verhältnisse bevölkerungsreich, etwa 1500 - 1600 Einwohner. Sie genoß Privilegien, die die Grafen von der Mark ihr eingeräumt hatten und pflegte gute Beziehungen zur Hanse, nach Lübeck vor allem, wo Kamener Kaufleute wichtige Händler waren und einige es sogar in den lübischen Senat schafften. Kamen war, nach Hamm, die zweitwichtigste Stadt in der Grafschaft. Wöllner und Weber schufen Reichtum, weil sie ihre Tuche über die Hanse auf dem Weltmarkt anboten, schon früh die Globalisierung des Handels nutzten und vorantrieben.

Die glänzenden Aussichten wurden jäh zunichte gemacht, als 1580 zum ersten Mal die Pest hier ausbrach. Es ist nicht bekannt, wie viele Leben sie forderte, es ist keine Chronik, kein Kirchenbuch auf uns gekommen, das Genaueres festgehalten hätte. Das älteste noch vorhandene Kamener Kirchenbuch beginnt 1620, aus dem wir freilich das Grauen der folgenden Jahre erfahren.

pestKH0121 9Abb. 9: Marodierende Soldaten im Dreißigjährigen Krieg1624 begann der Dreißgjährige Krieg, unter dem Kamen entsetzlich leiden sollte. Es gab Durchmärsche, Einquartierungen, es waren Kontributionen zu entrichten, Plünderungen zu erleiden, kurz, Kamen verarmte. Und als wäre der Krieg nicht schon genug der Last gewesen, brach im Jahre des Kriegsbeginns die Pest aus und forderte 267 Tote. Und das bei einer Bevölkerung von etwa 1600 Personen! Innerhalb eines Jahres starb an der ersten Pestwelle also etwa ein Sechstel der hiesigen Bevölkerung! 1625 starben weitere 209, 1626 noch einmal 115 Einwohner. Das bedeutet, daß Kamens Bevölkerungszahl von ca. 1600 auf ca. 1000 zusammenschmolz, über ein Drittel aller Kamener starb in nur drei Jahren an der Pest!

pestKH0121 10Abb. 10: Beerdigung von PestopfernUnd 1636 erfolgte ein weiterer Ausbruch, der weitere 213 Leben forderte. Buschmann berichtet 1841, daß am Ende des Dreißigjährigen Krieges (1648) „die Einwohnerzahl der Stadt auf die Hälfte zusammengeschmolzen“ war. 1673 starben in Kamen und im Kirchspiel noch einmal 400 Menschen. Solchen Verlust kann keine Geburtenrate ausgleichen, die im 17. Jh. in Kamen im Durchschnitt 60 betrug (so der zweite Stadtchronist Friedrich Pröbsting). Noch 1722 hatte Kamen mit 1.413 Einwohnern nicht wieder die Zahl von vor 1624 erreicht. Erst 1816 sind es mit 1.941 Einwohnern deutlich mehr. Die Auswirkungen der Pest auf die Demographie, und damit die Wirtschaft, waren enorm.

Kein Wunder, daß Kamen seine starke wirtschaftliche Stellung in der Grafschaft Mark nicht länger behaupten konnte, nachdem es schon 1492 auf den dritten Platz hinter Unna abgerutscht war. Jetzt ging es weiter bergab, bis ins Mittelfeld, doch blieb die Stadt mit ihrer Bevölkerungszahl immer noch weit vor z.B. Bochum (!). Knapp gesagt: Kamen war verarmt. „So fand sich denn am Schlusse jenes grauenvollen 30jährigen Krieges die hiesige Stadt fast aller ihrer Besitzungen beraubt und mit Schulden belastet, und die gesamte Bürgerschaft war allmählig verarmt.“ (Buschmann) Die Stadt mußte den größten Teil ihres Grundbesitzes notverkaufen, „ganze Reihen von Häusern [waren] ohne Bewohner, die entlegenen Ackergründe [blieben] culturlos liegen, und große Flächen Ackerland in der Reck-Camenschen Gemeinheit bewaldeten“ (Buschmann). 

pestKH0121 11Abb. 11: Das Siechenhaus vor Dassow in Mecklenburg-VorpommernImmerhin, schließt Buschmann, gab es in der Gemeinde Overberge einen kleinen Kirchenkotten, Siechenhaus genannt, der, von der evangelischen Kirche unterhalten, für die Aufnahme von Kranken bereitstand und wohl aus der Pestzeit stammte. Man kümmerte sich trotz der immer bewußten Risiken um seine Pestkranken, wenn auch, weise, weit außerhalb der städtischen Bebauung.

pestKH0121 12Abb. 12: Aus der mittelalterlichen Seuchenerfahrung griff das Barock das clunianzensische memento mori wieder auf

Und zu all diesem Unglück aus Pest und Krieg kamen damals immer noch verheerende Stadtbrände. Zwischen 1250 und 1712 brannte Kamen elf Mal. An Pfingsten 1452 blieben nur die Kirche, das Rathaus und 20 Häuser stehen, alles andere brannte nieder. Und Heilung und Rettung suchten die Menschen in der Buße. Allerdings gibt es auch heute noch religiöse Gemeinschaften, die der Medizin mißtrauen und Gebete für das einzige Gegenmittel halten. Und wenn sie nicht helfen sollten, nun, dann hat Gott anderes mit einem vorgehabt.

pestKH0121 13Abb. 13: Ein besonders schönes Beispiel des memento mori: der freundlich lächelnde, ekstatisch tanzende, äußerst lebendige TodEin Blick in Kamens Historie relativiert unser Leid vielleicht doch etwas.

Fußnote:
1 Die Dauer von 40 Tagen bestimmt sich wohl aus der Bibel: Jesu Versuchung; die Sintflut; Noah; Auszug des Volkes Israel aus Ägypten; Moses auf dem Berg Sinai; die Fastenzeit; die Zeit zwischen Auferstehung und Himmelfahrt: immer handelt es sich um einen Zeitraum von 40 Tagen, der Gelegenheit zu Buße und Besinnung gibt, Wende und Neubeginn ermöglichen soll. 

Abb. 1: Photo Klaus Holzer
Abb. 4: Arnold Böcklin, Die Pest, 1898, Kunstmuseum Basel (Wikipedia)
Abb. 5: Carl von Marr, Die Flagellanten, 1889, Museum of Wisconsin Art (Wikipedia)
Abb. 6: Chronik von Gilles Li Muisis, Darstellung der Geißlerzüge, um 1350, Bibliothèque royale de
Belgique (Wikipedia)
Abb. 7: Chronik von Gilles Li Muisis, Scène de la peste de 1720 à la Tourette (Marseille) 1720
(Wikipedia)
Abb. 8: Paul Fürst, Der Doctor Schnabel von Rom, 1656 (Wikipedia)
Abb. 9: Sebastian Vranckx, Marodierende Soldaten, 1647 Deutsches Historisches Museum Berlin,
(Wikipedia)
Abb. 10: Chronik von Gilles Li Muisis, Beerdigung der Pestopfer in Tournai, um 1350, Bibliothèque
royale de Belgique
Abb. 11: Autor unbekannt, Siechenhaus von Dassow, Mecklenburg-Vorpommern, (Wikipedia)
Abb. 12: Autor unbekannt, Pesttafel mit dem Triumph des Todes, Deutsches Historisches
Museum Berlin (Wikipedia)
Abb. 13: Hans Leinberger zugeschrieben, 1596, auf Schloß Ambras, Österreich (Wikipedia)

 

Stadtgeschichte: Die Schlacht am Kamener Bahndamm

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

hausderstadtgeschKWvon Heinrich Peuckmann

Am 13. März 1920, also vor ziemlich genau 100 Jahren, putschten ehemalige kaiserliche Militärs gegen die demokratische Regierung unter Friedrich Ebert. 1918 hatten sie abdanken müssen, waren aber kurz darauf von der SPD-Regierung zur Niederschlagung sozialistischer Aktivitäten wieder zurückgerufen worden. Drahtzieher des Putsches waren General von Lüttwitz und Wolfgang Kapp, Vorsitzender des ostpreußischen Landesverbandes der „Deutschen Nationalen Volkspartei“ (DNVP), weshalb der Anschlag auf die Demokratie Kapp-Lüttwitz-Putsch genannt wird. Ziel war die Errichtung einer Scheindemokratie unter Führung ultrarechter Militärs.

Der schlecht vorbereitete Putsch scheiterte jedoch durch einen Generalstreik der Arbeiter schon nach fünf Tagen, aber er bewirkte in Kamen eine fast unglaubliche, zu Unrecht weitgehend vergessene Geschichte.

Wie in anderen Städten auch gab es in Kamen eine Einwohnerwehr, eine halboffizielle, bewaffnete Truppe mit polizeiähnlichen Aufgaben, die aber, anders als in anderen Städten, von sozialdemokratischen Arbeitern, vor allem Bergarbeitern gebildet wurde. Ihr Anführer war der SPD-Stadtverordnete Bernhard Strelinski. Auf die Nachricht vom Putsch hin wurden von Mitgliedern der Einwohnerwehr wichtige Punkte der Stadt besetzt und am Bahnhof sechs Gewehre mit Munition beschlagnahmt.

Nun war in Lünen als Folge des Putsches ein Aktionsausschuss aus fünf Parteien zur Leitung der Stadt gegründet worden und Generalleutnant von Watter, verantwortlich für die Truppen in Westfalen und Sympathisant der Putschisten, war der Meinung, dass dieser Ausschuss zu Unrecht bestehe und folglich aufgelöst werden müsse. Also schickte er 220 Mann des Husarenregiments 8 aus Paderborn unter Befehl des Hauptmanns von Manstein dorthin. Von Unna kommend sollten sie über Kamen nach Lünen vordringen.

Am 15. März gegen 19 Uhr traf ihr Erkundungswagen in Kamen ein. Als der Sicherheitsposten an der Stadtgrenze erkannte, dass es sich um ein Militärfahrzeug handelte, gab er ein Haltezeichen. Aber die Husaren beachteten weder Zeichen noch Halterufe, worauf der Posten sie mit einem Maschinengewehr beschoss. Drei der sieben Insassen des Wagens wurden schwer verletzt, einer starb noch in der Nacht. Die Husaren erwiderten das Feuer und verletzten den MG-Schützen, der ein paar Tage später starb. Die Schüsse alarmierten die Einwohnerwehr, die anrückte und den Erkundungstrupp überwältigte. Der rechtsradikale Putsch hatte in Kamen seine ersten Opfer gefordert.

Als wenig später die LKW-Kolonnen der Husaren eintraf, hatte sich die Einwohnerwehr auf verblüffende Weise darauf vorbereitet. Sie hatten einfach die Bahnschranken heruntergelassen. Von Manstein tobte vor Wut. Als er vom Schicksal seines Vortrupps erfuhr, ließ er einfach drei Neugierige verhaften und vor die Scheinwerfer des vorderen Lastwagens stellen. Strelinski kletterte zusammen mit einem zweiten Mann der Einwohnerwehr über die Bahnschranken und wollte von dem Husarenhauptmann wissen, ob die Truppe im Auftrage der Putschisten handele. Sollte das nicht der Fall sein, würde freie Fahrt durch Kamen gewährt werden. Aber von Manstein glaubte, Arbeitern keine Antwort schuldig zu sein und ließ die beiden unter Schlägen ebenfalls vor die Scheinwerfer stellen.

Das löste hektische Aktivitäten auf der Kamener Seite aus. Telefonisch wurden die Einwohnerwehren der Nachbarstädte alarmiert und um Hilfe gebeten. Noch im Laufe der Nacht versammelten sich 2200 bewaffnete Arbeiter in Kamen.

Währenddessen verhandelte Kamens Postdirektor mit den Husaren und erreichte nach langen Verhandlungen, dass die ersten drei Geiseln im Austausch gegen die gefangenen Husaren frei gelassen wurden. Im Laufe der Nacht ließ von Manstein auch Strelinski und seinen Kollegen frei, nachdem er ihnen das ehrenwörtliche Versprechen abgenommen hatte, für freien Durchzug am nächsten Morgen zu sorgen. Strelinski war wohl auch bereit, Wort zu halten, aber es war inzwischen zu viel geschehen. Es war geschlagen worden und vor allem war Blut geflossen.

Der Bergkamener Lehrer Lehnemann, ebenfalls SPD, sprach in der Nacht noch einmal mit von Manstein, erhielt aber auf seine Frage nach dem Verhältnis der Truppe zu den Putschisten in Berlin die Antwort, dass ihn das nichts angehe. Deshalb gewann Lehnemann den Eindruck, es mit Putschtruppen zu tun zu haben. So kam es am 16. März 1920 zu jenem denkwürdigen Kampf am Kamener Bahndamm.

In den Morgenstunden heulten überall in der Stadt die Sirenen auf, das Zeichen zum Angriff der Arbeiter.  Aus ihren Stellungen hinter dem Bahndamm, hinter Häuserecken und Mauern schossen sie auf die Husaren. Ein Problem war für sie, dass die Husaren das erste Haus vor den Bahngleisen, das einer Frau Kurmann gehörte, besetzt hatten. In Richtung Osten hatten sie dort Dachpfannen abgehoben und ein Maschinengewehr in Stellung gebracht. Von dort aus konnten sie das ganze Gelände bis zum Gehöft Volkermann unter Beschuss nehmen. Lehnemann, Offizier im ersten Weltkrieg, erkannte die Gefahr. Unter Feuerschutz schlich sich einer seiner Leute aus dem Garten des Viehhändlers Leiffermann, den es damals dort gab, über die Gleise und zerstörte das MG-Nest durch einen gezielten Wurf mit einer Handgranate. Drei Husaren sind dabei ums Leben gekommen. Nun konnten die Arbeiter den Ring um die Husaren schließen, die dann auch nach kurzer Zeit die weiße Fahne hissten. Als sich ihnen Arbeiter näherten, nahmen sie wieder feige das Feuer auf, aber es half ihnen nichts mehr. Ihre Unterlegenheit war zu groß.

Auf Lastwagen soll die Einwohnerwehr unter Jubel der Kamener die gefangenen Husaren durch die Stadt kutschiert haben. Es war ein beachtenswerter Sieg für sie und für die Demokratie, der allerdings Tote gefordert hatte. Ein Etappensieg für das Scheitern des Putsches.

Die Husaren wurden später nach Unna abgeschoben und von dort per Bahn zurück nach Paderborn transportiert.

Dass die Ebert-Regierung, gerade wieder im Amt, genau solche Truppen zurückrief, um kurz darauf die „Rote Ruhrarmee“ in Pelkum vernichtend zu schlagen, ist ihrer Ansicht geschuldet, dass die Hauptgefahr für die Demokratie von links und nicht rechts komme. Ein verhängnisvoller Fehler, wie dieses Land leidvoll erfahren musste.

25 Jahre Heimatpflegearbeit in allen Ortsteilen der Stadt Kamen

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

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Ortsheimatpfleger feiern ein Jubiläum

Kamen. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Ortsheimatpfleger in der Stadt Kamen können in diesem Jahr auf 25 Jahre aktive Heimatpflegearbeit zurückblicken. Diese Form des Zusammenschlusses in einer AG war neu im Westfälischen Heimatbund und sie ist es bis heute geblieben. In allen Ortsteilen der Stadt leisten damals wie heute Ortsheimatpfleger die wichtige Heimatpflegearbeit. Es war der damalige Ortsheimatpfleger von Westick, Otto Buschmann, der den Anstoß zur Gründung der AG gab. Buschmann war damals noch Vorsitzender des Verwaltungsrates des WHB  und ein unermüdlicher Streiter für die Anliegen der westfälischen Heimatpflege. Sein Ziel war es, die breit gefächerte Arbeit der  Ortsheimatpfleger in Kamen zu bündeln und erfolgreicher zu gestalten. Mit Ausnahme des Schul- und Heimatvereins Westick, der nur in seinem Westicker Heimatbereich agiert, gab es keinen weiteren Heimatverein in Kamen. Otto Buschmann erkannte, dass die Zusammenarbeit der acht Ortsheimatpfleger eine Stärkung der Heimatpflegearbeit bedeuten würde. So kam es, dass jeder Ortsheimatpfleger*innen seine Schwerpunkt-Interessen nach eigenen Vorstellungen auf das Stadtgebiet ausdehnen konnte. Kompetent vertreten sind bis heute die Themen Ortsgeschichte, Kirchengeschichte, Häuserkunde, Denkmalschutz, Bodendenkmalpflege, Stadtbildpflege, Naturschutz und Kamen als Hansestadt. Durch den Zusammenschluss verschafften sich die Ortsheimatpfleger, wenn es um Themen der Heimatpflege ging, auch in der öffentlichen Diskussion Gehör. Durch enge Kontakte zu Politik und Verwaltung versuchten sie ihre Anliegen in die Entscheidungsprozesse einzubringen. Aus den Reihen der Ortsheimatpfleger wird der nach dem DSchG. vorgesehene sachverständige Bürger in den Denkmalausschuss der Stadtgewählt. Die Ortsheimatpfleger legen Wert auf die Feststellung, dass ihre AG kein Verein ist. Gewählt wird lediglich ein Sprecher*in, der notwendige Tagesgeschäfte erledig. Diese Funktion hatten bisher Karl-Heinz Stoltefuß, Wilfrid Loos und die jetzige Sprecherin Andrea Woter inne. Das Jubiläum soll nach Abklingen der Corona-Pandemie gefeiert werden.

Ein Beitrag von Karl-Heinz Stoltefuß

Kamener Straßennamen: Mühlentorweg und angrenzender Bereich

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

KH MTW 1Straßen ermöglichen Mobilität, müssen also Orientierung geben. Daher erhalten sie Namen. Innerorts führt die Kirchstraße zur Kirche, die Schulstraße zur Schule, die Schlachthofstraße zum Schlachthof usw. Straßen in die Nachbarorte heißen Westicker ~, Unnaer ~, Werner ~, Lünener ~ oder Hammer Straße usw. Und für die große Orientierung tun es auch Himmelsrichtungen: Ost~, Nord~ und Weststraße. Es fällt aber auf, daß Kamen keine Südstraße hat, keine Südenmauer, kein Südtor1 hatte. Hier war der Bezugspunkt immer die schon seit dem 13. Jh. belegte Mühle – Mühlen waren so wichtig, daß ihre Zerstörung die härteste Strafe nach sich zog, gleich nach der Kirchenschändung, wie Eike von Repgow im Sachsenspiegel (Anf. 13. Jh.) darlegt –, der Kamen wohl auch das Kammrad in seinem Stadtwappen verdankt: die Mühlenstraße (vom Markt bis zur Maibrücke) führte durchs Mühlentor1 zum Hellweg.

KH MTW 4Teilstück des Urkatasters von 1827Das hätte doch gereicht, oder? Jedoch gibt es heute auch einen Mühlentorweg in Kamen. Wie verhält es sich damit? Auch hier muß man wieder ein wenig ausholen, den Mühlentorweg in den richtigen Zusammenhang bringen.

Mühlentorweg, das klingt alt, doch trägt er diesen Namen erst seit dem 14. Okt. 1975, vorher hieß er Mühlenweg, doch gibt es auch diesen erst seit den 1930er Jahren. Immerhin ist der Bezug auf das Mühlentor oder auch die Mühle völlig gerechtfertigt, beginnt dieser Weg doch direkt an der Mühle, die bis 1973 an dieser Stelle stand, und gleich daneben stand bis 1820/22 das Mühlentor, dort, wo heute Klosterstraße und Ostenmauer zusammentreffen. 
 
KH MTW 3Wirft man einmal einen Blick auf alte Kamener Stadtpläne, z.B. den Urkatasterplan von 1827, wird schnell klar, warum dieses Sträßchen nicht sehr alt sein kann. Kamen war seit dem 13. Jh. eine sehr stark befestigte Stadt. Vor allem im Süden dürfte sie so gut wie uneinnehmbar gewesen sein. Wer sich ihr aus dieser Richtung näherte, hatte zunächst die Seseke vor sich, dahinter einen Wall mit Palisaden und einen Stadtgraben und die ganze Kombination gleich noch einmal, gefolgt von der 16 Fuß (ca. 5 m) hohen und 3 Fuß (gut 90 cm) breiten Stadtmauer, zwischen der Maibrücke und der heutigen Koppelstraße, dem ältesten Teil der Stadt, der auf das 11. Jh. zurückgeht. Hier hatte man die Seseke schon früh begradigt, hier stand das erste Stadttor, das Langebrüggentor. Hier hatte man möglicherweise auch mit dem Bau der Stadtmauer angefangen, und dann wahrscheinlich in westlicher und östlicher Richtung gleichzeitig gebaut2.

Parcours in die Geschichte Südkamens lockt nur wenige Besucher

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

Suedkamen01 920CVEine Station auf dem Parcours zur 800-jährigen Geschichte Südkamens stellte die Kindertageseinrichtung „Unter dem Regenbogen“, die über ihre neue Einrichtung informierte. Fotos: Christoph Volkmer für KamenWeb.de

von Christoph Volkmer

Suedkamen03 920CVSteinmetz- und Steinbildhauermeister Hans Determann informierte auch über den Betrieb, der bereits 115 Jahre existiert.Südkamen. „Zurück in die Zukunft“, „Terminator“ oder „Bill und Teds verrückte Reise durch die Zeit“ - Filme, bei denen Zeitreisen eine entscheidende Rolle spielen, gibt es reichlich. Ganz so spektakulär sah am Samstag die Reise durch die 800-jährige Geschichte Südkamens natürlich nicht aus, bot aber dennoch einen informativen Einblick in das Leben im Stadtteil.

Vereine, Gruppen, Unternehmen und Institutionen ermöglichten auf dem Gelände des Steinmetzbetriebs Determann Stippvisiten in die Geschichte der einstmals selbstständigen Gemeinde. Um die Veranstaltung auf dem 5000 Quadratmeter großen Gelände unter Corona-Bedingungen zu realisieren, hatte Gastgeber Hans Determann mit dem früheren Stadtarchivar Hans-Jürgen Kistner und Mitgliedern des Rotary Club Kamen einen Einbahnstraßen-Parcours abgesteckt.

Der Austragungsort war nicht zufällig gewählt, denn der Betrieb Determann stellt seit 1905 individuelle Grabmale, Bildhauerarbeiten und Brunnen her und feiert aktuell sein 115-jähriges Bestehen. Da der Steinmetz- und Steinbildhauermeister auch Mitglied beim Rotary Club ist, der in diesem Jahr den 20. Geburtstag begeht, präsentierten sich die Rotarier ebenfalls vor Ort. „Das passt gut zusammen“, sagte Determann zu den beiden Jubiläen. Auch Determann selbst hat dieser Tage einen besonderen Arbeitstag. „Am 1. Oktober bin ich genau die Hälfte der 115 Jahre im Geschäft tätig.“

Suedkamen04 920CVAm Stand der Stadt Kamen informierte Katja Herbold vom Stadtmarketing unter anderem über das Stadtleuchten, das vom 2. bis 4. Oktober stattfinden wird. Neben historischen Einblicken boten Präsentationen von Feuerwehr, Südschule und weiteren Institutionen wie der Druckerei Kemna ebenso Ausblicke in die Zukunft. Bestes Beispiel dafür setzte die Evangelische Kindertageseinrichtung „Unter dem Regenbogen“. Leiterin Ingelore Schraad informierte über den laufenden Neubau der Tageseinrichtung, in der sich voraussichtlich ab März 2021 vier Gruppen mit insgesamt 75 Kindern im Alter von vier Monaten bis zum Schuleintritt entwickeln können. Als Anschauungsobjekt hatte die Kindergartenleiterin ein Modell des möglichen neuen Außengeländes mitgebracht, über dessen Gestaltung sich Mitarbeiter und Förderverein jüngst bei einem Workshop kreative Gedanken gemacht haben.

Mit der Geschichte des Stadtteils sind seit Anfang des Jahres auch die Heimatfreunde um Peter Resler und Karl Böhm beschäftigt. Die Herren haben unter anderem das mobile Heimatmuseum über Südkamen auf mehreren Roll-Ups zusammengestellt, auf denen viele Informationen von der Siedlungsgeschichte bis hin zu Tipps für eine Radtour zu historischen Stationen des ehemaligen Dorfes zu finden sind.

Dazu haben die Geschichts-Begeisterten eine Homepage (www.heimatpflegesuedkamen.de) erstellt. „Wir nehmen gern alles, was mit Südkamen zu tun hat“, sagt Resler, denn die Homepage soll noch informativer werden. Vor allen Dingen alte Fotos von Gebäuden suchen die Heimatfreunde, um anhand der Aufnahmen Bezüge zur Gegenwart herstellen zu können. Noch handelt es sich um eine Wanderausstellung, denn feste Räumlichkeiten haben die Ortsheimatpfleger noch nicht gefunden. „Wir möchten aber gern möglichst bald eine eigene Heimatstube haben“, sagte Resler.

Die Resonanz auf den recht kurzfristig organisierten Parcours hielt sich am Samstag in überschaubaren Grenzen. Das war schade, denn die Aussteller, die ihre Vorstellungen teils sehr liebevoll vorbereitet hatten, hätten trotz der wenig attraktiven Wettervorhersage einen größeren Zuspruch verdient gehabt. Die Feierlichkeiten zum 800. Geburtstag Südkamens sollen im August 2021 - dann hoffentlich ohne Corona-Begleiterscheinungen - auf dem Festplatz an der Südschule fortgesetzt werden.

Suedkamen02 920CVDie Ortsheimatpfleger um Peter Resler (2.v.r.) hatten ihr mobiles Heimatmuseum über Südkamen mitgebracht.

Die Sedansäule von 1872 auf dem Marktplatz in Kamen

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Stadtgeschichte

KHsedan1Abb. 1: Napoleon übergibt König Wilhelm seinen DegenAm 2. September dieses Jahres vor 150 Jahren ging eine Schlacht mit dem Siege Deutschlands zu Ende, die auch für Camen (mit C noch bis 1903) erhebliche Veränderungen brachte. Der deutsche Sieg in der Schlacht bei Sedan im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 war ein wichtiger Schritt hin zur Gründung des Deutschen Reiches, das als letzte große Nation Europas mit der Krönung des Königs in Preußen, Wilhelm I, zum Deutschen Kaiser am 18. Jan. 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles Wirklichkeit wurde. Der Krieg war zwar noch nicht zu Ende, immerhin aber gab es nach der Kapitulation von Paris am 28. Jan. 1871 einen Waffenstillstand, aber erst am 10. Mai d.J. den Friedensvertrag von Frankfurt. Aus dieser Abfolge der Ereignisse wird schon deutlich, daß das deutsch-französische Verhältnis auf viele Jahre hinaus belastet sein würde, die „Erbfeindschaft“ weiter bestehen würde. Und da ist noch nicht die Rede von der Wiedereingliederung Elsaß-Lothringens ins Deutsche Reich (1681 hatte Louis XIV die Freie Reichsstadt Straßburg mit Elsaß und Lothringen im Zuge seiner Reuninonspolitik Frankreich eingegliedert) und fünf Milliarden Goldfrancs als Reparationsleistung an Deutschland. Immerhin ging es unter den Königen und Kaisern einigermaßen ritterlich zu. König Wilhelm war selber auf dem Kriegsschauplatz anwesend, mußte wie alle anderen auch schon einmal auf dem Fußboden schlafen, und zu essen gab es auch nicht immer Gutes und genug. Dem unterlegenen französischen Kaiser wurde ein Salonwagen einer preußischen Eisenbahngesellschaft zur Verfügung gestellt. Er durfte auf einem Schloß in Kassel wohnen. Wilhelm berichtete aus „Vendresse, südl. Sedan, 3.Sept. 1870, an Königin Augusta in Berlin“ über seine Sicht auf den Sieg bei Sedan. U.a. zitiert er in seiner Depesche über die Kapitulation des französischen Kaisers dessen Worte: „N’ayant pas pu mourir à la tête de mes troupes je dépose mon épée à Votre Majesté.“ (Da es mir nicht gelungen ist, an der Spitze meiner Truppen zu sterben, überreiche ich hiermit Eurer Majestät meinen Degen.) Und die Jugend Berlins bekränzte preußische Denkmäler.

KHsedan2Abb. 2: Familie von Basse: Julius von Basse (vorn rechts) war von 1847 bis 1877 Bürgermeister von Camen ; Hugo von Basse steht hinten in der Mitte (s. Anm.)Die Meldung von diesem Sieg erreichte Camen umgehend. Pfarrer Friedrich Pröbsting, der Autor einer umfänglichen Geschichte Camens, schrieb in seinen Erinnerungen (1902/03): „ Als die Nachricht vom Sieg bei Sedan und von Napoleons Gefangennahme zu uns kam, ließ ich einen Tambour kommen, stellte mich an die Spitze unserer Schuljugend, und unter dem Siegesgeläute aller Glocken zogen wir singend durch die Straßen der Stadt. Alsbald strömten die Menschen scharenweise zusammen, und eine wunderbare, freudige Bewegung ging durch das ganze Volk, groß und klein. Einer beglückwünschte den andern und dankte Gott. Am Mittag versammelte der Bürgermeister von Basse die Bürger auf dem Markt, ließ die herbeigeholte Musikkapelle patriotische Weisen spielen und las die Siegesdepeschen vor. Dann hielt ich der versammelten Menge eine feurige Rede und weissagte, daß nun auch die verlorenen deutschen Brüder im Elsaß und in Lothringen sich wieder mit uns vereinigen müßten. Hochbegeistert brachten wir dem tapferen Heere, unsern Brüdern im Felde und dem König Wilhelm unsere Huldigung dar.“

KHsedan3Abb. 3: Die Sedansäule im Jahre 1878Der hier erwähnte Bügermeister (Julius) von Basse war zu diesem Zeitpunkt schon 25 Jahre lang im Amt. Als überzeugter Patriot betrieb er von Stund an die Errichtung eines Denkmals, das auf Camens Markt stehen und Ort vieler zukünftiger patriotischer Feiern sein sollte. Sofort fing man an, bei allen Gelegenheiten Geld für diesen Zweck zu sammeln, und schon im folgenden Jahr war die notwendige Summe beisammen. Am 2. Sept. 1872 fand die feierliche Einweihung statt.

Der Gesamteindruck der Einweihungsfeier wird Im „Hellweger Anzeiger und Bote, verbunden mit dem amtl. Kreisblatt für den Kreis Hamm“ (HA) in einem Artikel vom 5. Sept. 1871 mit den folgenden Worten KHsedan4Abb. 4: Eine Sedanfeier wohl in den 1880er Jahrenwiedergegeben: „Der Gesammteindruck war ein ungemein wohlthuender und befriedigender. Es war ein rechtes Volksfest. Keine Klasse, kein Stand des Volkes blieb unbetheiligt; vom kleinsten Kinde bis zum alten Krieger, […] wurden lebhaft ergriffen von dem Ernst und der Freude des Tages.“ Die „hohen Ideen der Vaterlandsliebe, der Treue, der Freiheit, der Ehre […] fanden hier ihre Befriedigung“.

KHsedan5Abb. 5: Die Säule um 1910: die Kirche Hl. Familie steht seit 1902 neben dem Schiefen TurmNach morgendlichem Kirchgang, Glockenläuten und dem Lied „Nun danket alle Gott“ strömte ganz Camen (lt. einer Zählung von 1871 hatte Camen damals 3723 Einwohner) zum Marktplatz, wo das vom Paderborner Bildhauer J. Hellweg erschaffene Denkmal seiner Enthüllung wartete, theatermäßig inszeniert. Zuerst erinnerte Pfarrer Bertelsmann an die Entstehungsgeschichte des Denkmals und und zählte alle diejenigen auf, die zu seiner Aufstellung wesentlich beigetragen hatten. „Dann gab er das Zeichen zum Fallen der Hülle, die Schützen präsentirten das Gewehr und mit tausend stimmigem Hoch auf Kaiser und Reich wurde das Denkmal begrüßt. Das enthüllte Denkmal übergab er nun der Stadt zum Eigenthum und forderte Alt und Jung auf, es zu schonen und zu hüten […].“ KHsedan6Abb. 6. Eine Sedanfeier vor 1900

Es besaß einen „kräftigen Sockel“, eine „schlanke Säule“, ein „kunstreiches Kapitäl“ und einen „starken wehrhaften Adler“, (HA 5.9.1872) der selbstredend seinen scharfen Schnabel gen Westen richtete, wo der „Erzfeind“ wohnte. Die Inschriften lauteten: „Fest steht und treu die Wacht am Rhein.“ Und: „Mit Gott für König und Vaterland.“ (zit. nach Göhrke, S.158) Aber es gab zwei weitere Platten, die „zerschlagen und als Trümmer abtransportiert“ (HA, 8.11.1956) wurden. Die auf der Nordseite des Sockels trug die Inschrift: „Die Stadt Camen und die Gemeinden Bergcamen, Derne, Lerche, Overberge, Rottum, Südcamen ihren im Kriege gegen Frankreich 1870–1871 gefallenen Söhnen in dankbarer Erinnerung gewidmet.“ Die auf der Südseite: „Es starben den Heldentod für Kaiser und Reich“, dann folgten die Namen von 12 Gefallenen aus Kamen, fünf aus Overberge und einem aus Bergkamen (HA, 8.11.1956).
Anschließend feierten alle zusammen „auf dem Festplatze der schönen Wiese des Herrn Reinhardt mit Spielen und Wettkämpfen“ für Erwachsene und Kinder. Den Abschluß des Tages bildete ein Fackelzug.

KHsedan7Abb. 7: Die Gaststätte von Wilh. Reinhardt, als Schützenhof bekanntDiese Camener Sedanfeier war ein so großer Erfolg, daß Unna voller Neid fragte: „Wann wird endlich unsere Stadt zur Errichtung eines so oft ausführlich berathenen ja beschlossenen Denkmals kommen?“ (HA 3.9.1872)
Ganz ohne einen Mißton ging es bei aller Freude dennoch nicht zu. Im HA vom 11. Sept. 1872 wird zum Beleg für breiteste Beteiligung aller Camener aufgezählt, welche Religionsgruppen sich am Fest beteiligten: Die lutherische Gemeinde (es wird extra erwähnt, daß die Lutherkirche „mit ihren Glocken, deren eine aus in dem letzten Kriege und von Sr. Majestät der Gemeinde zum Geschenk gemachten Kanonen gegossen, eingeläutet worden ist“) mit ihrem Pfarrer und ihrem Lehrer, der katholische Lehrer, der jüdische Lehrer, die Lehrerin an der höheren Privattöchterschule und die 2 Lehrerinnen an der größeren ev. Schule. In der kath. Kirche aber sei „kein Dankgottesdienst abgehalten“ worden und die kath. Lehrerin habe sich sich nicht nur vom Feste ferngehalten, sondern sogar in demonstrativer Weise unterrichtet, was allerdings in der folgenden Ausgabe (HA 14.9.1872) in einem Leserbrief heftig bestritten wurde. Wer wollte schon seine patriotische Gesinnung in Frage stellen lassen?KHsedan8Abb. 8: Di Sedansäule – Kristallisationspunkt auf dem Marktplatz

„Sedan“ war so gelungen, daß es von nun an jedes Jahr ein solches Fest geben sollte, da waren sich die Camener einig. Klaus Goehrke (S. 158) schreibt dazu: „Nach dem Sieg über Frankreich und der Ausrufung des Kaiserreichs wurden Stadt und Land von einem patriotischen Rausch erfaßt.“ An der Choreographie brauchte nicht viel geändert zu werden: ohne die Pfarrer und Gottesdienste in ihren Kirchen, ohne Turner und Schützen, Kriegervereine, die vielen anderen Vereine und vor allem ohne die Schulen war ein solches Fest nicht vorstellbar. Ein gewöhnlich dreifaches Hoch auf Kaiser und Vaterland, Ehre und Treue, dazu Musik, Fahnen, Fackelzug, Tanz bei Reinhardt – wenngleich uns Heutigen der Grundtenor solcher Veranstaltungen nicht mehr gefällt, läßt sich doch nicht leugnen, daß sie ein großes Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen imstande waren. Der HA vom 10. Sept. 1873 faßt es so zusammen: „Solch’ ein Fest müssen wir jedes Jahr haben, so hörte Schreiber dieses Manchen sprechen, und er stimmt selbst in diesen Wunsch ein.“

Um zu zeigen, welch groteske Formen übersteigerter Nationalismus zu jener Zeit annehmen konnte, sei hier ein Beispiel aus Unna zitiert. Unter dem Datum 7.9.1870 in der Ausgabe des HA vom 10.9.1870 wird von einem Hauptmann von Esebach, 94. Inf.–Rgmt., aus Unna berichtet, gefallen in der Schlacht bei Wörth, der seiner Gattin, einer geborenen v. Pappenheim, einen Brief zustellen läßt, in dem er schreibt: „Wenn das Kind welches sie erwarte ein Knabe sein sollte, so solle sie diesen nichts anderes werden lassen als Soldat, 'denn es sei schön, fürs Vaterland zu sterben’“.

KHsedan9Abb. 9: Die Säule nach ihrer Umsetzung Anfang der 1930er JahreNach dem verlorenen Ersten Weltkrieg freilich erhielt diese patriotische Gesinnung einen erheblichen Dämpfer, selbst eine notwendige, von den Kriegervereinen wiederholt angemahnte Reparatur des Adlers unterblieb, das Denkmal wurde gar versetzt, „um den Marktplatz aufzuwerten“ (Goehrke, S. 158).

Was Wunder, wenn auch den Camenern aller Sinn für Parolen vergangen war (doch schon 1933 änderte sich das wieder. Parolen schrie man wieder, wenngleich anders gefärbte. Aber das ist ein anderes Kapitel): der Steckrübenwinter 1916/17, die Kapitulation des gerade erst gefeierten, noch jungen Reiches 1918, der Kaiser im Exil in Holland – hier halfen keine Sedanfeiern und Hochrufe mehr. Das Denkmal blieb noch bis 1956 stehen, wenn auch wohl nicht mehr alle Kamener wußten, wofür es stand.

Dann kam der Zweite Weltkrieg, erneut die Kapitulation, nicht mehr hat sich ein Kaiser ins Exil geflüchtet, dafür der Weltverderber selber umgebracht. So unterschiedlich die Figuren, so gleich das Verhalten in der Niederlage: der Verantwortung entziehen sich beide.

In diesem Krieg wird das Sedandenkmal beschädigt und die Diskussion über seinen Wert setzt erneut ein. Inzwischen hat sich der Wind gedreht, die Bilderstürmer bilden plötzlich die Mehrheit. Die Stadtverwaltung holt bereits im Mai 1951 die ersten Angebote von Bauunternehmen für einen Abriß des Sedandenkmals ein, stellt aber gleichzeitig klar, daß es nicht um eine Zerstörung gehe, sondern es im Stadtpark wieder aufgestellt werden solle (Westfalenpost, 17.11.1956). Allerdings scheute der Bauausschuß die Kosten, so daß das Vorhaben erst einmal zurückgestellt wurde. Außerdem riß die Diskussion über den Sinn des Abrisses nicht ab, „zumal in der Kamener Innenstadt kein anderes Mal an die Opfer der Kriege erinnert und es in Kamen eine schöne Sitte der Vereine geworden war, hier inmitten der Stadt der Toten zu gedenken“ (HA, 8.11.1956). Unabhängig von der öffentlichen Diskussion hatte jedoch der Hauptausschuß des Rates der Stadt Kamen am 19. Jan. 1956 mit der großen Mehrheit von SPD und CDU diesen Abriß beschlossen, aber nur unter der Voraussetzung, den „Tafeln mit den Namen der Toten einen würdigen Platz zu geben“ (HA, 8.11.1956). Drei Gründe wurden für die Entfernung vorgebracht: das Denkmal sei nur noch ein Torso; es bilde keine Zierde für den Marktplatz; es stelle ein Verkehrshindernis dar (!). Vor allem das letzte Argument stellte bereits die Weichen für „Kamen – die schnelle Stadt“, die anderthalb Jahrzehnte später mit der Flächensanierung der Nordstadt begann und der „autogerechten Stadt“ den Weg ebnete.

KHsedan10Abb. 10: Arbeiter beim Abbruch der Säule am 7. Nov. 1956Das Protokoll der Sitzung des Kulturausschusses des Rates der Stadt Kamen vom 8. Okt. 1954 geht präzise auf die Vorstellungen ein, die mit einer Neukonzeption des Gedenkens an die Toten der Kriege verbunden sein soll: auf der Fläche südlich des Schiefen Turms oder in der Mulde zwischen den beiden großen Kirchen solle ein Ehrenmal entsprechend den örtlichen Gegebenheiten gestaltet werden, das „den Angehörigen aller Verbände Gelegenheit zu Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen geben und gleichzeitig das Andenken der Toten wahren“ solle. Eine noch zu bestimmende Inschrift solle dem Gedenken „aller gefallenen Soldaten, aller Bomentoten (sic!) und zivilen Kriegsopfer, aller durch Flucht und Vertreibung Umgekommenen, aller durch Opfer des nationalsozialistischen Terrors und aller Opfer des sowjetischen Terrors dienen“.

KHsedan11Abb. 11: Arbeiter beim Abbruch der Säule am 7. Nov. 1956Entsprechend dem Beschluß vom 19.1.1956 rückte am Morgen des 7. Nov. 1956 eine Dortmunder Abbruchfirma auf dem Marktplatz an und begann, das Denkmal, das, stadtbildprägend, 84 Jahre lang dort gestanden hatte abzureißen, abends „gegen 17.30 Uhr verließ die letzte Fuhre mit den Steinresten des Kriegerdenkmals von 1870/71 den Kamener Marktplatz“ (HA, 8.11.1956).

Seitdem ist der Marktplatz mehrfach umgestaltet worden, doch einen zentralen Ort hat es darauf nie wieder gegeben. Der Platz ist in der Mitte leer geworden, wahrscheinlich weiß kaum noch jemand, daß es dieses Denkmal einmal gab oder gar, wofür es stand. Der Krieg von 1870/71 ist vergessen, trotz seiner für die deutsche Geschichte großen Bedeutung, gab es doch vorher kein Deutschland, nur ein Gebiet mit einer einheitlichen Sprache, wenn auch in viele Dialekte zergliedert, das aus mehreren Dutzend voneinander unabhängiger Königreiche, Herzogtümer, Freier Reichsstädte usw. bestand.

In vielen Diskussionen zur deutschen Geschichte wird, zu Recht, die Bedeutung von Zeitzeugen betont, gleichzeitig bedauert, daß diese aussterben. Es gibt nur noch wenige Überlebende des Holocausts, die aus eigener Erfahrung über das Grauen in den Konzentrationslagern berichten können. Wenn wir nun auch noch fortfahren, die „steinernen Zeitzeugen“, mögen sie für Ereignisse oder Personen stehen, zu beseitigen, stellen wir auch alles, wofür sie stehen, dem Vergessen anheim und werden geschichtslos. Und einer Stadt, die arm ist an stadtbildprägenden Monumenten, stünde so etwas heute gut zu Gesicht. Der Verlust dieses und der vielen anderen Nonumente, die seit Kriegsende in Kamen beseitigt wurden, schmerzt. Aus Geschichte lernt man nur, indem man sich ihrer erinnert, im Guten wie im Schlechten.

Vielleicht ist das die Lehre, die wir aus der Geschichte der Sedansäule von 1870/71 ziehen können, besonders im Hinblick auf die gegenwärtige öffentliche Diskussion?

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KHsedan12Abb. 12: Adolf von Basse mit seiner FrauAnm.: Beim Tode Julius von Basses 1877 schrieb Pröbsting in seiner Camener Stadtgeschichte (1901): „Er hat sich die Dankbarkeit und Liebe seiner Bürger in hohem Maße erworben, denn er führte sein Amt sorgfältig und gerecht; war ein Freund und Berater der Hilfsbedürftigen und Armen, ein vorsichtiger und sparsamer Verwalter der städtischen Finanzen und in jeder Hinsicht ein Ehrenmann. Dabei war er durch und durch ein königstreuer Mann und ein Patriot.“

Nach seinem Tod folgte ihm sein Sohn Adolf von Basse (Abb. 2., hinten links) im Amt und versah dieses bis 1913. Vater und Sohn waren zusammen 66 Jahre Bürgermeister von Camen! Adolf von Basse liegt auf dem alten Kamener Friedhof begraben.
Zu Hugo von Basse (Abb. 2., hinten Mitte) steht im HA vom 17. Sept. 1870 unter dem Datum 16. Sept. 1870 die Meldung: „Lieutenant v. Basse aus Camen, vom II. Bataillon, 18. Inf.–Reg., todt, gefallen bei Metz.

Abbildungen:
Abb. 1: Wikipedia
Abb. 2, 7, 9 & 12: Archiv Klaus Holzer
Abb. 3, 4, 5 & 6: Stadtarchiv Kamen
Abb. 8: Fr. Pietsch, Methler
Abb. 10: HA 8.11.1956, (Schlüter), bearb. von Stefan Milk
Abb. 11: WP 8.11.1956 (Archiv Stadt Kamen)

Literatur:
1. Fritz Pröbsting, Erinnerungen aus meinem Leben, Würzburg, o.J.
2. Fr. Pröbsting, Geschichte der Stadt Camen und der Kirchspielsgemeinden, Hamm 1901
3. Hellweger Anzeiger und Bote, verbunden mit dem amtl. Kreisblatt für den Kreis Hamm (HA), Ausgaben von Sept. 1870, Sept. 1871, Sept. 1872, Sept. 1873
4. Klaus Goehrke, Burgmannen, Bürger, Bergleute, Kamen 2010
5. Westfalenpost, 17.11.1956
6. Kulturausschuß des Rates der Stadt Kamen, Protokoll vom 8.10.1954
7. Hauptausschuß des Rates der Stadt Kamen, Protokoll vom 19.1.1956

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